Lange Zeit hat die Tourismus-Branche den Neckar als touristischen Schatz übersehen. Das ändert sich nun langsam. Foto: /dpa

Der Kreis Ludwigsburg hat sich in der Vergangenheit kaum um Freizeittouristen bemüht – bis zur Pandemie. Weil die Menschen jetzt mehr vor der eigenen Haustür unternehmen, herrscht in der Tourismus-Branche des Kreises Aufbruchstimmung.

Der Landkreis hat touristisch einiges zu bieten. Es gibt Städte mit vielfältigem Einzelhandel, malerische Fahrradwege und die Steillagen am Neckar. Das hat in der Region nur lange niemanden interessiert. Die Industrie war bestimmend, der Freizeit-Tourismus wurde vernachlässigt. Seit rund zwei Jahren herrscht im Tourismus des Landkreises aber Aufbruchstimmung. Es gibt neue Ziele, bessere Zusammenarbeit und eine App. Wohin die Reise gehen soll, darüber ist sich die Branche aber noch nicht ganz einig.

 

Zurzeit sind Hoteliers im Kreis zufrieden, das erste normale Jahr seit Corona läuft gut. „Wir sind noch nicht ganz auf dem Niveau von 2019, aber es herrscht grundsätzlich eine positive Stimmung“, sagt Marcos Angas, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Das bestätigt der Blick auf die Zahlen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind die Besuche um fast 18 Prozent gestiegen, die Übernachtungen um neun Prozent. Erfolgstreiber sind laut Tourismus & Events Ludwigsburg (Telb) die Tagesbesucher im sonnigen Spätsommers und die Rückkehr der ausländischen Gäste.

Abhängigkeit von Geschäftsreisen

Einen großen Teil am Erfolg haben die Geschäftsreisenden. Während der Pandemie befürchtete die Dachorganisation „Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH“ (RSM), dass durch die Veränderungen in der Arbeitswelt die Business-Übernachtungen um 30 Prozent zurückgehen. Tatsächlich liegt der Rückgang eher bei 15 Prozent, sagt RSM-Geschäftsführer Armin Dellnitz.

Das ist wichtig. Denn der Tourismus in der Stadt Ludwigsburg und im ganzen Landkreis ist stark von Geschäftsreisenden abhängig. Vor der Pandemie machten die bis zu 80 Prozent der Übernachtungen aus – die übrigen 20 Prozent waren Freizeittouristen. Ein Ungleichgewicht, das RSM-Geschäftsführer Dellnitz in den kommenden Jahren angehen will. Sein Appell: Der Freizeit-Tourismus in der Region und besonders im Kreis Ludwigsburg soll ausgebaut werden. Quoten wie in Hamburg, wo Geschäfts- und Freizeitreisen jeweils 50 Prozent der Übernachtungen ausmachen, wären ihm am liebsten.

Freizeitbereich verschlafen

Eine durchaus begründete Ansage der Dachorganisation. Denn das Thema Freizeit-Touristen sei im Kreis Ludwigsburg lange „herumgedümpelt“, sagt Sabine Schönberger, die im Landratsamt den Bereich Tourismus verantwortet. „Wir waren uns nicht bewusst, welche touristischen Schätzen wir im Kreis haben.“ Auch Telb-Geschäftsführer Elmar Kunz gesteht, dass man die Entwicklung des Angebots ein Stück weit „verpennt“ habe. „Wir haben uns zu lange auf Zugpferde wie das Blühende Barock verlassen.“

Mittlerweile ist die Verschlafenheit aber neuem Selbstbewusstsein gewichen. Die Schönheit der Steillagen am Neckar können mit der Hotspot Mosel konkurrieren, sagt Sabine Schönberger. „Wir müssen uns vor keiner Reiseregion verstecken“, ergänzt Dehoga-Vorsitzender Angas. Die Botschaft: Das Potenzial wird jetzt gehoben.

Und den großen Tönen folgen bereits kleine Taten. Landrat Dietmar Allgaier nimmt den Freizeittourismus ernster als seine Vorgänger und wirbt beispielsweise bei jeder Gelegenheiten für die Kulturlandschaft der Winzer. Er hat im Landratsamt neue Verantwortungen geschaffen, und einen eigenen Geschäftsbereich Tourismus installiert.

Zudem sind die Tourismusverbände des Kreises nun besser verknüpft und haben mittlerweile eine neue, gemeinsame Marke. Unter dem Titel „Echt, schön, schräg“ werden die Steillagen am Neckar beworben. Wein als Lifestyle-Produkt biete dabei viele Möglichkeiten, sagt Kunz.

Mehr hochwertige Hotels ja oder nein?

„Das haben die jungen Winzer verstanden.“ Im Zentrum des Projekts steht zudem eine mobile App, die bisher 1400 Mal heruntergeladen wurde. Die Zielgruppen der neuen Marke sind Fahrradfahrer, Weinliebhaber, kaufkräftige Rentner und Familien. Da sind sich alle einig. Wie lange und wo die Gäste bleiben sollen, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Wenn es nach Regio-Chef Dellnitz geht, sollte sich der Tourismus auf „übernachtungsrelevanten“ Besucher konzentrieren. Dellnitz will die Aufenthaltsdauer in der Region verlängern, Freizeittouristen sollen also mehrere Übernachtungen im Kreis Ludwigsburg buchen. Dafür brauche es neue Hotelkonzepte, am besten im hochpreisigen Bereich. Die Touristiker des Kreises rümpfen bei diesen Worten die Nase.

Für sie stehen im Freizeitbereich immer noch Tagestouristen im Vordergrund – bei den Übernachtungen eher die Geschäftsreisenden. Hochpreisige Hotels, in denen die Gäste länger bleiben, brauchen heutzutage „Entertainment“, sagt Dehoga-Chef Angas. Vor allem in Form von Wellness-Angebote, die unglaublich teuer, personalintensiv und baurechtlich kaum umsetzbar seien. Auch Elmar Kunz hält wenig vom Fokus auf hochpreisige Hotels. Er findet, dass originelle Ideen wie kleine Chalets, Baumhaus-Hotels oder ausgebaute Weinfässer besser zur Tourismus-Marke Kreis Ludwigsburg passen.

Der Tourismus in Zahlen

Übernachtungsdichte
 Der Übernachtungstourismus des Landkreises spielt eine vergleichsweise kleine Rolle. Die Übernachtungsdichte, also die touristischen Übernachtungen pro 1000 Einwohner, liegt bei rund 1800. Im vergleichbar einwohnerstarken Landkreis Esslingen sind es 2260. Der ländlichere Kreis Ravensburg hat beispielsweise eine Dichte von 11 100.

Auslastung der Betten
 Die Auslastung der Beherbergungsbetriebe im Kreis lag von Januar und September bei rund 37 Prozent. Das entspricht dem Schnitt der gesamten Region Stuttgart. Landes-Spitzenreiter sind Stadtkreise wie Freiburg, Heidelberg und Baden-Baden mit jeweils um die 50 Prozent.