An manchen Tagen bekommt man kaum genug Abkühlung – und das zeigt Auswirkungen. Foto: dpa//Ricardo Rubio

Die Klimakrise belastet die Psyche. Aber es geht dabei nicht nur um die viel zitierte Klimaangst. Jedes Grad mehr an Temperatur erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine psychische Krankheit auftritt und steigert sogar die Suizidrate. Woran liegt das?

Der Juli war der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Waldbrände wie – unter anderem – auf der griechischen Insel Rhodos machten vielen Urlauberinnen und Urlaubern klar, dass hohe Temperaturen sehr schnell katastrophale Auswirkungen haben können. Und das Barcelona Institute vor Global Health rechnete vor, wie viele Menschen im Zusammenhang mit der Hitze sterben: Mehr als 8000 sind es demnach jährlich in Deutschland, 60 000 in Europa. Aber selbst wenn einen diese Schlagzeilen nicht belasten, wirken sich erhöhte Temperaturen auf die Psyche aus.

 

Krankheiten wie Schizophrenie werden durch Hitze schlimmer

Die Lancet Commission on Health and Climate Change warnte schon 2015, dass vom Klimawandel beeinflusste Dinge wie Hitzestress, Dürren, Fluten und eine größere Zahl an Stürmen unter anderem Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen hätten. Die Klimakrise lasse zusätzliche Belastungen entstehen, die zu neuen psychischen Erkrankungen führen und insgesamt den Behandlungsbedarf erhöhen würden, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler errechneten in einer 2021 im Fachmagazin „Environmental International“ veröffentlichten Studie, dass die Sterblichkeit in Zusammenhang mit psychischer Gesundheit um 2,2 Prozent pro Grad Erwärmung steigt. Das höchste hitzebedingte Sterberisiko haben demnach zum Beispiel Menschen mit substanzbezogenen Süchten – etwa Drogen oder Alkohol – oder etwa mit Demenz. Diese gehört zu den organischen psychischen Störungen, und die würden auch anderweitig durch Hitze beeinflusst, sagt Katharina van Bronswijk, psychologische Psychotherapeutin mit Praxis in Schneverdingen sowie Sprecherin der Vereinigung Psychologists for Future. Etwa würden die Episoden einer bipolaren Störung oder Schizophrenie durch die Hitze schlimmer.

Hitze soll auch Gewaltverbrechen ansteigen lassen

Hitze wirkt sich aber auch auf das Verhalten aus, wie verschiedene Studien nahelegen. Public Health England stellte etwa in einer Überblicksarbeit fest, dass jedes Grad mehr das Suizidrisiko ansteigen lässt. Die Suizidrate würde vor allem an plötzlichen Hitzetagen signifikant ansteigen, sagt van Bronswijk. Zudem würde Hitze Menschen mitunter aggressiver machen. „Das sieht man auch an den Statistiken – Gewaltverbrechen nehmen tatsächlich zu“, sagt van Bronswijk.

Hinzu komme, dass manche Psychopharmaka wie Antidepressiva, aber auch blutdrucksenkende Medikamente die Fähigkeit des Körpers verringern würden, sich an Hitze anzupassen, sagt van Bronswijk. „Und durch diverse andere gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels haben wir eine Zunahme an Allergien, Lungen- und Herzerkrankungen und Infektionskrankheiten, was wiederum die Lebensqualität verringert und die Entstehung von psychischen Krankheiten befördert“, sagt van Bronswijk.

Flut oder Waldbrand – das belastet Menschen extrem

Besonders stark wirken sich tatsächliche Katastrophen aus, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen: Verlieren Menschen bei Waldbränden wie in Griechenland oder bei der Flut im Ahrtal ihr Zuhause, hinterlässt das Spuren. „Da hat man Todesangst, oder Angehörige werden geschädigt. Wenn man das erlebt, sind das Traumatisierungen“, sagt van Bronswijk. US-Studien zu den psychischen Folgen von Tornados würden zeigen, dass bis zu 15 Prozent der Betroffenen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln würden. Die Studie sei wegen ähnlicher Auswirkungen auf andere Umweltkatastrophen übertragbar.

Andere Traumafolgestörungen könnten sich auch in der Wiederaufbauphase nach solchen Umweltkatastrophen entwickeln, sagt van Bronswijk. „Man hat ja alles verloren, das Lebenswerk ist weg, das kann unter anderem Depressionen oder Angststörungen auslösen. Da sind wir bei bis zu 50 Prozent der Betroffenen, die solche Phasen haben“, sagt sie. Auch psychosomatische Folgen – etwa chronische Kopf- oder Bauchschmerzen – sowie Alkoholsucht tauchten in der Folge auf.

Das Gesundheitssystem kommt jetzt schon kaum klar

Auf diese mögliche Ballung psychischer Probleme sei das deutsche Gesundheitssystem nicht ausreichend vorbereitet, sagt van Bronswijk. Denn auch so müssten viele Menschen sehr lange auf Psychotherapien warten. In Extremfällen könnten die erwähnten 15 bis 50 Prozent der Betroffenen mit Therapiebedarf nicht versorgt werden. Bei der DGPPN sieht man das ähnlich – und hat deswegen in einer Berliner Erklärung die Politik aufgefordert, sich sofort darum zu kümmern, dass die psychiatrische Versorgung auch in der Klimakrise sichergestellt werden kann. Übrigens reichen auch kleinere Veränderungen der Umwelt, um psychische Auswirkungen zu haben: Solastalgie bezeichnet das Gefühl der Trauer, wenn sich die eigene Heimat verändert, wenn der Ort, an dem man lebt, verletzt wird. Das kann auch eine sichtbare Dürre sein – wie es sie in Deutschland in diesem Jahr an vielen Orten gibt.

Was steckt hinter der Klimaangst?

Begriff
Angst sei zunächst eine normale Reaktion, evolutionär gesehen eine Art Warnleuchte, die uns sage, „Achtung, hier ist ein Problem“, erklärt die Psychologin Katharina van Bronswijk. So müsse auch Klimaangst nicht problematisch sein: Sie könne aktivierend wirken, aber ebenso Menschen das Gefühl geben, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, sagt van Bronswijk.

Diagnose
In der Psychologie sei der Begriff Klimaangst nicht einheitlich definiert, sagt van Bronswijk, und eine Diagnose für Klimaangst existiere nicht. Aber es gebe Fälle von Depression, die in Zusammenhang mit intensiver Beschäftigung mit dem Klimawandel stehen – allerdings seien das wenige Fälle, so van Bronswijk. Es fehle aber auch noch an Forschung über die Zusammenhänge.