Die Hilfskräfte bahnen sich einen Weg in Kahramanmaraş. Nico Scheich war unter anderem in der Koordinierung eingesetzt. Foto: @fire

Der Feuerwehrmann Nico Scheich hat im Erdbebengebiet in der Türkei nach Überlebenden gesucht. Er ging dabei mit dem Team von @fire an sein Limit – und rettete mit seinem Team unter anderem das Leben einer Mutter und ihrer Tochter.

Schlaf war Mangelware für Nico Scheich in der Woche nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei. Und immer noch fühle er sich „surreal“, sagt der Feuerwehrmann aus Marbach im Kreis Ludwigsburg am Tag nach der Rückkehr. Alles war ganz schnell gegangen: Binnen weniger Stunden traf sich der 27-Jährige mit den Kameraden der Hilfsorganisation @fire am Frankfurter Flughafen und flog am Montag mitten ins Katastrophengebiet. Der Einsatz des 38-köpfigen fast ausschließlich deutschen Teams dauerte sieben Tage – und lohnte sich: Es gelang, fünf Verschüttete aus den Trümmern zu retten.

 

Für Nico Scheich war es nicht der erste Einsatz. Normalerweise sitzt er in einem warmen Büro im Innenministerium in Stuttgart, dort ist er für den Digitalfunk der Feuerwehren zuständig. Doch bereits im Jahr 2020 hatte er in Beirut – nach einer verheerenden Explosion – im Team von @fire mitgeholfen. Jetzt, im türkischen Kahramanmaraş, war die Situation vor Ort noch schlimmer: Dort ist nach dem Beben nahezu alles zerstört, Frost plagt die Opfer und die Helfer.

Nico Scheich schlief in den ersten 48 Stunden kaum

Zeit hatte das Team von @fire nicht zu verlieren. „Wir kamen als eine der ersten der insgesamt rund 5000 internationalen Helfer im Erdbebengebiet an“, erzählt Nico Scheich. Die Formation agierte im Trümmerfeld mit drei Suchhunden und mehreren Suchkameras. „So konnten wir Hohlräume erkunden.“ Scheich schlief in den ersten 48  Stunden kaum, später war es oft nur ein kurzes Ausruhen in Zelten.

Größtes Handicap in der Trümmerwüste war die Kälte. „Nachts hatte es bis zu minus 10 Grad.“ Auf den Helfern lastete zudem großer psychischer Druck. Tausende waren verschüttet. „Die Überlebenschancen sinken nach 72 Stunden rapide“, sagt Nico Scheich, dessen Team im Vergleich als „leicht“ klassifiziert ist: also als „Speerspitze“ des Suchens, ohne schweres Gerät, vor allem auf das möglichst schnelle Aufspüren spezialisiert.

Nach drei Tagen findet das Team eine Mutter mit ihrer Tochter

Tatsächlich gelang es inmitten der Trümmerfelder immer wieder Menschen zu finden, die sich mit Klopfzeichen bemerkbar machten. So stießen Schleich und seine Kameraden nach drei Tagen noch auf eine Mutter mit ihrer sechsjährigen Tochter, die überlebten, weil sie im Obergeschoss eines einstürzenden Hochhauses unter einem Türrahmen Zuflucht gesucht hatten. In einer 20-stündigen Rettungsaktion gelang es, mit einem Bagger einen Weg zu ihnen zu graben.

Als enorm wichtig schätzt Scheich die Rettungshunde ein. „Ohne sie würde nichts gehen, sie riechen 10 000-fach besser als wir Menschen.“ Genauso bedeutsam sei aber auch das regelmäßige Training für die seltenen Einsätze. Nico Scheich gehört @fire seit neun Jahren an. „Ich wollte immer schon über den eigenen Tellerrand hinausschauen und auch in ärmeren Ländern helfen“, erzählt der Feuerwehrmann. Der Risiken der weltweiten Katastropheneinsätze ist sich Scheich, der mit einer Freundin zusammenlebt, bewusst: Nachbeben, Gasaustritte und Seuchen zählten zu den größten Gefahren bei Flutkatastrophen und Erdbeben.

Das Erdbeben zerstörte flächendeckend Städte

Das Ausmaß des Bebens hat Nico Scheich erschüttert. Während bei seinem ersten Einsatz in Beirut im Sommer 2020 ein vergleichsweise kleines Gebiet von einer Explosion betroffen war, zerstörte das Erdbeben in der Türkei flächendeckend eine Vielzahl von Städten, es gab bis jetzt rund 35 000 Tote. „Kahramanmaraş ist mit 600 000 Einwohnern in der Kernstadt etwa so groß wie Stuttgart.“ Scheich verschaffte sich nach der ersten Suchphase einen Überblick und koordinierte die Einsätze.

Einen Vorteil hatte die starke Kälte im Erdbebengebiet laut Scheich: Der Leichengeruch und die Seuchengefahr hielten sich in Grenzen. „Die Menschen haben überall Feuer gemacht, um sich zu wärmen und die Gerüche zurückzuhalten.“ Er werde sicher noch Wochen brauchen, um alle diese Eindrücke zu verarbeiten. „Wir werden aber professionell betreut und haben entsprechende Gespräche.“ In Erinnerung bleiben werde ihm aber auch die Hilfsbereitschaft der Menschen, die ihr Dach über den Kopf verloren hatten. „Sie brachten uns von ihrem Essen, was wir ja eigentlich gar nicht brauchten, da wir uns komplett selbst versorgen können – aber die Bereitschaft, das Wenige zu teilen, was noch da war, um uns zu unterstützen, hat uns tief beeindruckt.“

Wer steckt hinter @fire?

Verein
 @fire - Internationaler Katastrophenschutz Deutschland ist als Verein eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die seit dem Jahr 2002 weltweit schnelle Nothilfe nach verheerenden Naturkatastrophen leistet. Die Helfer sind in der Waldbrandbekämpfung (WFF) sowie dem Suchen und Retten von Verschütteten nach Erdbeben (USAR) speziell ausgebildet. Alle der mehr als 400  Mitglieder engagieren sich unentgeltlich in der Katastrophenhilfe.

Finanzierung Die Hilfsorganisation wurde im Jahr 2021 von der International Search and Rescue Advisory Group der Vereinten Nationen (INSARAG) als weltweit erstes Light USAR Team klassifiziert und arbeitet nach internationalen Standards. Die Finanzierung von Einsätzen, Ausbildungen und Ausrüstung erfolgt überwiegend spendenfinanziert. Spenden können über die IBAN DE 17 3702 0500 000113 8800 erfolgen. Nähere Infos: www.at-fire.de.