„Wir kommen wieder“ steht an einer Wand eines Hauses in Antakya, vor dem noch Trümmer des Erdbebens vor fast sechs Monaten liegen Foto: dpa/Bradley Secker

Experten kritisieren, dass beim Abriss beschädigter Häuser nach dem Erdbeben krebserregende Stoffe freigesetzt werden. Offenbar droht die Verseuchung von mindestens drei Millionen Menschen.

Nach dem Erdbeben ist vor der nächsten Katastrophe. Mehr als hundert Millionen Kubikmeter Schutt haben die Erdbeben vom Februar in der Türkei nach Schätzungen der UN-Entwicklungsorganisation UNDP zurückgelassen. Experten kritisieren, dass bei der Entsorgung der Trümmerberge nicht genügend auf Asbest und andere gefährliche Stoff geachtet wird. Deshalb kommt nach ihrer Einschätzung in den kommenden Jahren eine neue Katastrophe auf die Türkei zu: Mindestens drei Millionen Menschen könnten wegen der Verseuchung mit Asbest oder anderen Substanzen erkranken.

 

Asbest ist seit zehn Jahren bei Neubauten in der Türkei verboten, doch die meisten eingestürzten Häuer wurden vorher errichtet. Außerdem findet sich das krebserregende Mineral auch in Neubauten, weil mancherorts trotz des Verbots weiter mit Asbest gearbeitet wurde, wie die Zeitung „Hürriyet“ nach dem Erdbeben berichtete. Blei und giftige Stoffe in Lacken, Farben und Fugendichtungen sind weitere Gefahren, die von den zerstörten Gebäuden ausgehen können. Als die Suche nach Überlebenden rund zwei Wochen nach dem Unglück vom 6. Februar endete, rückten in den zerstörten Städten des Erdbebengebiets die Bagger an. Sie trugen Ruinen von Wohnhäusern ab und luden den Schutt auf Tausende Lastwagen, die ihn auf eilig eingerichtete Deponien brachten. Die Behörden wollten den Schutt schnell loswerden, weil die Regierung den Erdbebenopfern einen raschen Wiederaufbau versprochen hatte. Das Bauministerium erklärte, beim Abriss werde trotzdem darauf geachtet, dass keine Umweltschäden entstünden.

Experten fordern vorsichtigeren Umgang mit Schutt

Experten wie Mehmet Seyhmus Ensari, Vorsitzender des Fachverbands für Asbestentsorgung, forderten, mit dem Schutt müsse vorsichtiger umgegangen werden. Arbeiter an den Abrissstellen müssten mit Masken geschützt werden. Wasser aus Feuerwehrschläuchen sollten beim Abriss die Staubbildung verhindern. Die Appelle waren vergeblich. Über vielen Städten im Erdbebengebiet hingen riesige Staubwolken, und einige Deponien wurden nahe an Ortschaften und Olivenhainen eingerichtet, wo Giftstoffe über das Grundwasser in die Nahrungskette sickern konnten. Beratungsangebote von Experten seien von den Behörden ignoriert worden, sagte Ensari. Selbst in der Nähe von Zeltstädten für obdachlose Erdbebenopfer sei potenziell gefährlicher Schutt abgeladen worden. „Wenn man das in Europa machen würde, käme man wegen Massenmordes vor Gericht.“

Die Folgen werde die Türkei in einigen Jahren zu spüren bekommen, sagt Ensari voraus. Er verweist auf das gestiegene Krebsrisiko von Feuerwehrleuten und anderen Helfern nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York; auch die Zerstörung des World Trade Centers hatte Asbest freigesetzt. Übertragen auf die Erdbebenregion der Türkei bedeute dies: „Wir werden eine ganze Generation verlieren“, sagte Ensari der Nachrichtenagentur Reuters.