Schilder, die auf Wild hinweisen, stehen nicht immer richtig. Foto: Simon Granville

Seit mehreren Monaten beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe im Enzkreis mit der Frage, wie man Wildunfälle vermeiden kann. Erste Maßnahmen werden bald umgesetzt. Der Enzkreis ist eine von zwei entsprechenden Modellregionen in Baden-Württemberg.

Etwa 200 000 Rehe werden jährlich in Deutschland überfahren. Hinzukommen zahlreiche weitere Wildtiere. Das Land Baden-Württemberg möchte das Problem angehen. Unter anderem werden seit einigen Jahren die Unfälle besser dokumentiert. Inzwischen wurden zudem zwei Landkreise als Modellregionen benannt, die verschiedene Vorkehrungen zur Wildunfallprävention auf ihre Wirksamkeit hin testen sollen. Eine dieser Modellregionen ist der Enzkreis. Inzwischen hat eine Arbeitsgruppe die wichtigsten Unfallschwerpunkte im Enzkreis ermittelt. Die ersten Maßnahmen werden zum Jahresende hin umgesetzt.

 

Welchen Einfluss hat die Zeitumstellung?

Selten ist das Thema so aktuell wie jetzt. Denn nach der Zeitumstellung, egal ob im Herbst oder im Frühjahr, geht die Zahl der Wildunfälle steil nach oben. Wildtiere sind in der Dämmerung aktiv, sie verlassen am späten Abend ihre Deckung auf der Suche nach Futter und kehren am Morgen zurück. Mit der Zeitumstellung im Oktober fällt dann plötzlich der Berufsverkehr mit dem Wildwechsel zusammen. Im Frühjahr wiederholt sich das Ganze. In diesen Zeiten ist besondere Vorsicht im Verkehr geboten.

Wie hoch sind die Zahlen?

Rund 25 000 Wildunfälle werden pro Jahr in Baden-Württemberg dokumentiert. Das bedeutet einen Wildunfall etwa alle 20 Minuten. Im Enzkreis werden jährlich um die 550 größere Wildtiere wie Rehe oder Wildschweine überfahren. Im Kreis Böblingen waren es im Jagdjahr 2022/2023 (Messzeitraum vom 1. April bis zum 31. März) rund 440 überfahrene Wildtiere, darunter mehr als 250 Rehe. Im Vergleich zu den Vorjahren sind das ausnahmsweise eher wenige. Sonst waren es, abgesehen vom Corona-Jahr 2020/21, eher zwischen 500 und 600 Tiere. Im Kreis Ludwigsburg ist die Zahl spürbar höher. In den Jahren 2019/20 und 2020/21 lag die Zahl der Meldungen bei rund 860, 2021/22 waren es 820. Im Jagdjahr 2022/2023 war auch hier die Zahl der gemeldeten Unfälle etwas niedriger mit knapp 800.

Was also prädestiniert speziell den Enzkreis zur Modellregion? „Wir haben hier ein sehr vielfältiges Landschaftsbild“, erklärt der Wildtierbeauftragte Bernhard Brenneis. Neben dem Nordschwarzwald mit dichten Wäldern gibt es weite Wiesen, Äcker und ebenso Weinberge. Und letztlich gehe es darum, die Präventionsmaßnahmen an verschiedenen Standorten zu testen. Denn Wildunfälle gibt es nicht nur im Wald.

Weitere Aspekte waren, dass im Enzkreis bereits früher intensiv Daten über Wildunfälle gesammelt wurden und „die Tatsache, dass der Enzkreis einen erfahrenen Wildtierbeauftragten hat“, heißt es von einem Sprecher des Landratsamts.

Wo passieren die meisten Unfälle?

Die Arbeitsgruppe Wildunfallprävention im Enzkreis besteht aus Fachleuten der Gemeinden, der Jäger, der Polizei, des Amtes für nachhaltige Mobilität sowie des Landwirtschafts-, des Forst- und des Straßenverkehrsamtes. Diese Experten haben anhand von polizeilichen Unfalldaten acht Strecken im Enzkreis ausgewählt, die beispielhaft die Verhältnisse im Kreis abbilden. „Früher wäre das gar nicht so möglich gewesen“, sagt Bernhard Brenneis. „Seit 2021 haben wir über die Polizei aber sehr genaue Daten über die Unfallorte.“ Davor wurden die Unfälle nur eher vage verortet und auf ein ungefähres Gebiet beschränkt. Genaue Analysen waren damit nicht möglich.

Das ist mittlerweile anders. „Die Wildunfallstrecken führen durch alle Landschaftsformen des Enzkreises, durch Wälder und landwirtschaftlich geprägte Umgebungen, aber auch durch Gebiete mit Wald und Feldanteilen“, sagt Bernhard Brenneis. „Es gab Straßen, bei denen es in einem Jahr pro Kilometer 15 Wildunfälle gab“, berichtet er. „Das ist schon gigantisch.“

Als Schwerpunktstrecken wurden letztlich solche ausgewählt, bei denen es pro Jahr mindestens fünf Unfälle pro Kilometer gab. Im ehemaligen Kreis Leonberg, also Mönsheim, Wimsheim, Friolzheim und Heimsheim, ist aber keine Strecke dabei.

Zugleich ergaben sich bei der Analyse einige Überraschungen: Mehrere der Strecken, die seit Langem mit einem Warnschild wegen Wildwechsel bestückt sind, haben sich in der Analyse als völlig unauffällig erwiesen. Vor manchen „echten“ Schwerpunkten wird dagegen im Moment noch gar nicht gewarnt. Die Gründe für die jeweiligen Platzierungen können nachträglich oft nicht mehr nachvollzogen werden. „Diesen Zustand möchten wir ändern.“

Welche Maßnahmen sind geplant?

Nun könnte man meinen, die Lösung läge darin, einfach mehr Schilder aufzustellen. „Aber das ist nicht unser Ziel“, erklärt der Wildtierbeauftragte. Denn bei zu vielen Schildern werden die Menschen irgendwann desensibilisiert, „sie nehmen sie gar nicht mehr aktiv wahr“. Stattdessen sollen die Verkehrszeichen an unauffälligen Strecken abgebaut und nur noch dort platziert werden, wo tatsächlich viele Unfälle festgestellt wurden. „Man muss sich immer im Klaren sein: Die Autofahrer sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung.“ Darum gelte es, genau diese Gruppe mit ins Boot zu holen.

Grundsätzlich ist bei allen außerörtlichen Strecken, egal ob im Wald oder auf dem Feld, Vorsicht geboten. Überall kann es zu Wildwechsel kommen. „Aber die Leute sollen fortan wissen: Wenn sie einem Warnschild begegnen, dann hat das auch etwas zu bedeuten, dann ist das eine wirklich gefährliche Stelle.“ Entsprechend sollen die Daten immer wieder aktualisiert werden, da sich Wildkorridore mit der Zeit ändern können.

Digitale Displays und Radarkontrollen

Eine wichtige Ergänzung sind Geschwindigkeitsreduzierungen sowie digitale Dialogdisplays, wie es sie oft an Ortseingängen gibt, um Autofahrern ihre aktuelle Geschwindigkeit anzuzeigen. Die Displays sollen zusätzlich eine Wildwechsel-Warnung anzeigen. „Wir hoffen, dass das einen entsprechenden Effekt hat, wenn die Autofahrer wissen, warum sie hier langsam fahren sollen.“ Da die meisten Wildunfälle in der Dämmerung oder bei Nacht passieren, könnten die beleuchteten Displays umso wichtiger sein. An wenigen ausgewählten Stellen soll außerdem die Vegetation am Waldrand zurückgenommen werden. Auf die Weise können die Fahrer die Tiere früher entdecken.

Zum Jahreswechsel sollen die ersten Maßnahmen umgesetzt werden. Wichtig ist dabei eines: An den genannten Standorten sollen nicht überall die gleichen Vorkehrungen zum Zug kommen. „Nur so können wir herausfinden, welche der Maßnahmen greifen, um die Geschwindigkeit und die Zahl der schweren Unfälle zu reduzieren und welche nicht.“ Überprüft wird das unter anderem mithilfe von Radarmessungen.

Was macht das Projekt so wichtig?

„Wenn man bedenkt, dass allein 200 000 Rehe im Jahr in Deutschland überfahren werden, bedeutet das ein gewaltiges Tierleid“, sagt der Wildtierbeauftragte. „Ich habe selbst seit 40 Jahren damit zu tun.“ Schon mehrfach musste er schwer verwundete Tiere erschießen und von ihrem Leid erlösen.

Brenneis erzählt: „Das prägt einen. Wer einmal in seinem Leben in einen Wildunfall verwickelt war und mitansehen und mitanhören muss, wie so ein Tier leidet, das vergisst man nicht mehr.“ Dabei gehe es nicht nur um Rehe, sondern auch um Füchse, Igel, Wildschweine und andere Tiere. Der Wildtierbeauftragte ist motiviert: „Das ist mir persönlich ein Herzensprojekt. Und es wäre ein Riesenerfolg, wenn wir mit unseren Maßnahmen Erfolg haben und diese von anderen Landkreisen später übernommen werden. Das ist für mich eine große Motivation.“