Humor, sagt Roland Baisch, hat auch mit Haltung zu tun Foto: factum/Bach

Die Leute zum Lachen zu bringen ist sein Geschäft, aber das allein genügt ihm nicht. Wenn er einen Komiker auf der Bühne sehe, sagt Roland Baisch, wolle er auch was über das Leben erfahren.

Stuttgart - Herr Baisch, bevor 2015 rum ist, lassen Sie uns zurückblicken. Sie wurden im vergangenen Jahr 60 und haben den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg bekommen. Welches Verdienst wiegt schwerer?
Sie unterschlagen etwas. Ich gewann auch einen Wettbewerb für Nachwuchskomiker, den mein Freund Özcan Cosar veranstaltet hat. Da trat ich gegen drei junge Stand-Up-Comedians an. Das Publikum war zwischen 20 und 30. Dass ich da mit Ausschnitten aus meinem Programm „Der Graue Star“ angekommen bin, hat mich wahnsinnig gefreut.
Gratulation, aber zurück zur Frage: 60 Jahre oder Kleinkunstpreis – was wiegt schwerer?
Beides hat damit zu tun, dass man durchgehalten hat. Auf die 60 zuzusteuern, ist erst mal beunruhigend. Wenn man es dann geschafft hat, ist es egal. Elvis Costello ist im letzten Jahr auch 60 geworden. Das beruhigt einen doch.
Alter abgehakt. Lassen Sie uns über Humor reden. Als ich hierher fuhr, sah ich den Laster mit der Aufschrift „Fachkompetenz rund ums Rohr“. Können Sie darüber lachen?
Schon. Die besten Witze schreibt eh das Leben. Aber für die Bühne taugt der nicht. Zu naheliegend. Mit dem Humor ist es ohnehin so einen Sache. Die ersten Programme fallen einem leicht, weil man ja viel erlebt hat und manches witzig war. Beim zweite Programm tut man sich schon schwerer.
Das heißt, Ihr Job wird immer schwieriger?
Nicht, wenn man nebenher noch lebt. Aber ich habe auch nicht den Ehrgeiz, immer nur witzig sein zu wollen. Das würde mir nicht reichen. Ich hätte Angst davor, wenn ich mit 70 immer noch rumhüpfen müsste wie Otto Waalkes. Wenn ich einen Komiker auf der Bühne sehe, will ich auch etwas über das Leben erfahren. Humor hat für mich auch mit Haltung zu tun.
Sie waren nie Grimassenschneider.
Komiker, die mit Pullunder rumrennen und einen Sprachfehler kultivieren, liegen mir nicht. Wie ich überhaupt finde, dass unsere Unterhaltungskultur infantil ist. Wir haben keine Erwachsenen- Comedy-Szene, wie sie in den USA oder in England existiert. Meine frühen Einflüsse waren neben Heinz Erhardt und Peter Frankenfeld vor allem Dean Martin und Frank Sinatra. Männer in Anzügen haben mir immer gefallen. Das Problem ist, dass wir heute eine Eventkultur haben, die alles vermarktet. Wenn junge Komiker behaupten, dass sie Rebell-Comedy machen, müssen sie sich entscheiden: Entweder du bist Rebell. Oder du gehst zu RTL.
In den USA ist das besser?
Dort ist das Publikum anders. In Deutschland begegnet man Komikern mit Zurückhaltung: „Jetzt zeig erst mal, was Du kannst.“ In England und den USA ist Comedy Kulturgut. Ein deutscher TV-Produzent, für den ich schreiben sollte, hat mir gesagt: „Unser Publikum ist 30, weiblich und dumm. So müssen auch die Drehbücher sein.“ Das ist der falsche Ansatz. In den USA arbeiten die besten Leute für Comedy-Shows. Die schaffen zwar 14 Stunden am Tag, können sich nach drei Jahren aber auch ein Haus auf Long Island kaufen.
Über wen können Sie lachen?
Über Steve Martin. Aber ich mag aber auch Helge Schneider. Und meine Kollegen Özcan Cosar und Otto Kuhnle.
Warum gerade Steve Martin?
Der sieht normal aus, ist ein ernsthafter Mensch, mit Depressionen und allem, was dazu gehört – und halt saukomisch. Wichtig für mich als Komiker ist, dass ich mich nicht verbiegen muss. Ich komme bei jungen an, trat aber auch schon in einem katholischen Heim auf, da war der Publikumsschnitt 80. Das unterscheidet mich von einem Hip-Hop-Musiker, der nur in der Hip-Hop-Szene auftreten kann.
Humor, heißt es, besitze eine subversive Kraft.
Sicher. Vor Humor haben manche Leute schon immer Angst gehabt, das ist nicht erst so, seit ein paar fehlgeleitete Menschen Jagd auch Karikaturisten machen. Komik ist der Wahrheit verpflichtet und keiner Ideologie. Über einen Witz zu lachen ist ein Erleuchtungszustand. Das vergessen leider manche Leute, die nur Comedy machen wollen.
Harald Schmidt sagt, im Anzug darfst Du Dinge im Fernsehen sagen, die sie Dir ohne Anzug nie durchlassen.
Da ist was dran. Ich stamme aus einer Generation, die sich noch etwas Nettes anzieht, wenn sie auf die Bühne geht. Im Grunde ist es wie bei Marcel Reich-Ranicki. Der las Bücher auch am Tisch sitzend im Anzug. Das hat auch mit Respekt vor der Kunst zu tun.
Sind sie zufrieden mit Ihrer Karriere?
Ich kann nicht klagen. Ich habe nie hungern müssen, hatte immer Arbeit. Ich werte das als Erfolg. Außerdem wollte ich in einer Hotelbar Jazz-Standards singen, auch das habe ich gemacht. Aber es gibt immer Dinge, von denen man sich erhofft hätte, sie wären anders gelaufen. Ich hätte mir gewünscht, dass die „Comedy Factory“ von Pro 7 länger als drei Jahre produziert worden wäre. Da haben neun Komiker in der bayrischen Provinz zusammengelebt, herumgesponnen und Sketche entwickelt. Das hätte ich gern noch drei Jahre gemacht. Wir waren kurz davor, einen Kinofilm zu produzieren.
Was trieb Sie auf die Bühne?
Es war die Flucht nach vorn. Ich war kein besonders guter Schüler und wollte immer Musik machen. Als ich mit Bands auftrat, habe ich schnell gemerkt, dass ich eigentlich Entertainer bin. Ich kann schauspielern, singen, mich bewegen. Bestärkt hat mich auch eine Kritik in den Stuttgarter Nachrichten. Ich war 17 und einer Ihrer Kollegen schrieb über mich: „Immer wenn der Sänger ins komische Fach wechselte, war die Band gut.“
Eine Ausbildung an einer Schauspielschule haben Sie nie gemacht.
Aber ich war beim Vorsprechen. Mit wurde gesagt, ich solle mir vorstellen, dass ich in einen Raum komme, in dem etwas Schreckliches passiert sei. Das habe ich gespielt – und alle haben gelacht. Dann sagten sie, jetzt soll ich richtig ernst spielen. Daraufhin haben sie noch mehr gelacht. Ich landete auf der Warteliste, meinen Platz bekam Harald Schmidt.
Ihr Programm „Der Grauer Star“ ist eine erstklassige Altersversorgung. Das können Sie bis zum Abwinken spielen.
Stimmt, das Programm verändert sich und wird mit mir älter. Ich mache mich nicht über das Altern lustig, sondern darüber, wie die Gesellschaft damit umgeht. Ich will den Leuten sagen, dass sie auch im Alter Spaß haben können. Man kann eh nichts gegen das Alter tun. Es trifft alle.
Klingt altersweise.
Ich habe mich immer schon für ältere Leute interessiert. Mein Opa war Schneider, von dem habe ich mir als junger Kerl ein Fell geholt und als Brusttoupet getragen, noch vor Dieter-Thomas Kuhn. Sorgen über die Zukunft mache ich mir nicht. Ich habe ein buddhistisches Vertrauen, dass die Sachen zu mir kommen. Wäre auch schlimm, wenn es anders wäre. Es gibt nichts unangenehmeres, als ehrgeizige Komiker.
Mit dem Gitarrenvirtuosen Frank Wekenmann sind Sie auch als Countrymusiker unterwegs. Was reizt Sie an Johnny Cash?
Ich beschäftige mich immer mehr mit archaischen Kunstformen. Humor ist archaisch, weil es Komiker immer gab. Und auch das Geschichtenerzählen mittels Musik ist archaisch. Die Songs von Johnny Cash erzählen vom Leben, das gefällt mir daran. Außerdem beruhigt es mich, dass ich mit einer Gitarre die Leute unterhalten kann. Damit kann man überleben.

Die nächsten Auftritte von Roland Baisch im Stuttgarter Theaterhaus: 26. 2. „Der Graue Star“, 1. 3. „Männerabend“.

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