Die regionalen Stromnetze halten mit dem Ausbau der Windkraft nicht Schritt. Foto: dpa/Roberto Pfeil

Der regionale Ausbau der Stromnetze hinkt weit hinter den Anforderungen her und ist dabei, sich zum Flaschenhals der Energiewende zu entwickeln. Besonders betroffen ist Ostwürttemberg.

Jochen Kreidenweiss ist Kummer gewohnt. Der Geschäftsführer der Firma W-I-N-D Energien in Kirchheim unter Teck plant seit vielen Jahren Windräder und Solaranlagen im Südwesten – und bei fast jedem Projekt gebe es zunächst eine Absage vom Netzbetreiber. Das Netz sei ausgelastet, wird ihm beschieden. Kreidenweiss: „Und das geht schon seit zehn Jahren so.“

 

Auch Axel Güthner, der Chef eines Eisen- und Sanitärgroßhandels im bayerischen Oettingen, wollte seinen Ohren nicht trauen. Auf das Dach der Firmenhalle sollte eine Photovoltaikanlage kommen, doch auch bei ihm winkte der Netzbetreiber ODR aus Ellwangen ab. „Ich bin als Unternehmer gewohnt, auf Widerstände zu stoßen“, sagt er: „Aber wie soll da die Energiewende gelingen?“

Netze BW muss 95 Prozent der Umspannwerke ertüchtigen

Tatsächlich dringt erst langsam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, dass nicht die fehlenden Flächen für Windräder und nicht die viel zu lange Planungszeit für die Stromtrassen aus dem Norden das größte Problem sind, sondern die dramatischen Engpässe im regionalen Stromnetz. Da auf der einen Seite immer mehr dezentral gebaute Windräder und Solaranlagen angeschlossen werden sollen und da auf der anderen Seite der Bedarf mit E-Autos und Wärmepumpen stark wächst, muss das regionale Netz massiv ausgebaut werden.

Die Netze BW, eine Tochter der EnBW und größter Netzbetreiber in Baden-Württemberg, geht davon aus, dass 4500 von 7600 Kilometern allein der Hochspannungsleitungen ertüchtigt werden müssen. 95 Prozent der 300 Umspannwerke müssten ausgebaut, weitere 50 bis 100 neu gebaut werden. Der Netzexperte Christian Wagner rechnet mit 50 Milliarden Euro an Investitionen bis 2045 allein in Baden-Württemberg.

Dabei steht der Südwesten im Vergleich zu anderen Bundesländern sogar einigermaßen gut da. Aber gerade die Region Ostwürttemberg hat sich als Problemzone herauskristallisiert. Der größte Netzbetreiber ist ODR (O steht für Ostwürttemberg, DR für die bayerische Region Donau-Ries); es handelt sich ebenfalls um eine EnBW-Tochter.

Die Folgen des schleppenden Ausbaus sind in der Tat enorm. Zum einen wird manche Solaranlage und manches Windrad deswegen gar nicht erst gebaut. Jochen Kreidenweiss weiß von vielen Landwirten oder Energiegenossenschaften, die nach einer Absage des Netzbetreibers aufgeben. Zum anderen müssen laufende Windräder oder größere Solaranlagen zeitweise ausgeschaltet werden, wenn das Netz nicht allen Strom aufnehmen kann. Die Betreiber werden entschädigt, obwohl der Strom verloren ist – laut Bundesnetzagentur beliefen sich diese sogenannten Redispatch-Kosten allein für Anlagen der erneuerbaren Energien 2021 auf 807 Millionen Euro bundesweit.

Die Zahl der Anfragen hat sich um den Faktor 25 erhöht

Die Ursachen für die Misere sind vielfältig. Die Netzbetreiber haben zu lange zu wenig in den Ausbau investiert, auch weil es wirtschaftlich unattraktiv war. Nun werden sie vom Ausbau der Stromgewinnung aus erneuerbarer Energie überrollt. „Im Vergleich zu vor fünf Jahren hat sich die Zahl der Anfragen um den Faktor 25 gesteigert“, sagt Sebastian Maier, Technischer Geschäftsführer der ODR: „Da ist es leider normal, dass der Ausbau hinterherhinkt.“ Das größte Problem sind für ihn zähe Genehmigungsverfahren. Es habe sieben Jahre gedauert, nur um bei einem Projekt eine zusätzliche Leitung auf bestehende Strommasten legen zu dürfen, so Maier. Aus heutiger Sicht müsste die Leitung nun doppelt so stark sein, aber dann würde das Verfahren bei null beginnen: „Da mache ich lieber die kleine Leitung drauf“, so Maier. Der Einspruch einer Bürgerinitiative habe das Ganze zusätzlich um zweieinhalb Jahre verzögert.

Daneben fehlt es mittlerweile an Personal für die Planung und an Material für die Umsetzung. Fördermittel des Bundes, wie Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) sie fordert, hätten deshalb gerade wenig Wirkung, so Maier. Der Materialmangel trifft nun auch Axel Güthner. Er konnte sich mit ODR darauf einigen, dass der Netzbetreiber seine mittlerweile existierende Solaranlage stundenweise abschalten darf, ohne eine Entschädigung zu bezahlen. Der Anschluss wäre also jetzt möglich. Doch nun wartet er seit fast einem Jahr auf ein Trafohaus. „Wenn ich viel Glück habe, wird es im Dezember geliefert.“

Auch die Windrad-Projektierer versuchen Kompromisse zu finden. Auf eigene Rechnung, erzählt Jochen Kreidenweiss, engagiere sein Unternehmen externe Experten und teilweise auch Juristen, um einen Weg zu finden, das Windrad doch anzuschließen. Das gelinge oft, koste aber eine sechsstellige Summe und dauere zwei zusätzliche Jahre. Zweimal hätten sie sogar das Umspannwerk gebaut und bezahlt, obwohl das aus seiner Sicht Aufgabe des Netzbetreibers wäre. „Bei einem Projekt sollte zunächst mit den Leitungen ein Mega-Umweg von insgesamt acht Kilometern gemacht werden“, sagt Kreidenweiss. „Am Ende konnten wir die Anlage direkt am Solarpark anschließen.“

Ein weiteres Problem, das den Ausbau hemmt, ist die Netzumlage. Der Netzbetreiber, der neue Leitungen baut, holt sich das Geld zwei Jahrzehnte lang von seinen Kunden vor Ort wieder. Das bedeutet aber: Die Einwohner auf dem Land, wo die meisten Windräder stehen, bezahlen die Kosten für den Netzausbau, obwohl ein Großteil des Stroms in die Städte transportiert wird.

Landrat fordert solidarische Netzentgelte

Joachim Bläse, CDU-Landrat des Ostalbkreises, ist davon naturgemäß wenig begeistert. Sein Kreis liege bundesweit unter den Top Ten der höchsten Strompreise, sagt er: „Die Menschen brauchen einen Mehrwert, sonst machen sie irgendwann nicht mehr mit.“ Kommunen oder die Menschen direkt über Bürgergenossenschaften müssten stärker finanziell profitieren.

Stuttgart sei übrigens nicht betroffen von Engpässen, sagt Moritz Oehl von den Netzen Stuttgart: „Es können auf absehbare Zeit alle Solaranlagen ohne Einschränkungen ans Stromnetz angeschlossen werden.“ Nur bei sehr großen Anlagen müsse man das Stromnetz vor Inbetriebnahme verstärken.