Ihr Tagebuch machte Anne Frank weltberühmt Foto: dpa

In England kommt ein Roman über Anne Frank mit schlüpfrigen Episoden auf den Markt.

London/Stuttgart - Darf die Literatur einem 14-jährigen Holocaust-Opfer erotische Stunden andichten? Diese Frage beschäftigt derzeit die britischen Fans von Anne Franks Tagebuch. Im Herbst kommt auf der Insel ein Pendant zu ihren weltberühmten Notizen auf den Markt - fiktionale Erinnerungen ihres Jugendfreundes Peter, aufgepeppt mit schlüpfrigen, kontroversen Episoden.

Los geht's gleich mit einer Onanie-Szene des Jugendlichen im Amsterdamer Versteck der Familie Frank. Einige Seiten später wird Peter van Pels, der ebenfalls in diesem Haus Zuflucht sucht, Anne Frank küssen, ihre Hand halten und ihr gestehen, wovor er sich am meisten fürchtet: zu sterben, ohne je mit einem Mädchen geschlafen zu haben.

Vielen gehen diese Szenen im neuen Jugendroman "Annexed" zu weit - das Leben zweier historischer Ikonen, darunter Anne, sexuell derart aufzuladen, grenzt nicht nur für die britische Presse an einen handfesten Skandal. "Dieser Roman veruntreut die Erinnerung an Anne Frank", wettert die Zeitung "Daily Telegraph". Und die "Times" holt eilfertig eine Prise Empörung beim Cousin der Tagebuchschreiberin ein: "Ich glaube nicht, dass ihr Schicksal dafür herhalten sollte, um fiktionale Ereignisse zu konstruieren", zitiert sie den 84-jährigen Buddy Elias. In Internetforen melden sich viele Briten schon aufgebracht zu Wort, bevor "Annexed" erschienen ist: "Behütete Jüdinnen im Jahr 1943 haben sich sicher nicht so verhalten wie englische Teenager im Jahr 2010", ist da zu lesen. Das Werk sei "zynisch".

Verbliebenen sagt Buch überhaupt nicht zu

Im September kommt das Buch der preisgekrönten Autorin Sharon Dogar für 9,99 britische Pfund (12 Euro) auf den Markt, im Herbst 2011 soll es in der Übersetzung auch im Stuttgarter Thienemann-Verlag erscheinen, der seit 50 Jahren vor allem für seine "Jim Knopf"-Jugendbücher von Michael Ende bekannt ist.

Klaus Flugge, der Londoner Verleger des Werks, versteht die Aufregung nicht. "Das Buch ist taktvoll und seriös, da ist nichts Schmutziges drin", betont er am Montag. Dennoch: Aus dem Manuskript soll vor Drucklegung eine Sexszene zwischen Anne und Peter herausgestrichen worden sein. "Es gibt keinen Zweifel, dass die beiden ineinander verliebt waren", sagt eine Verlagssprecherin, "schließlich spielen die Hormone in dem Alter verrückt."

Anne und Peter hatten auf der Flucht vor den Nazis von 1942 bis August 1944 in äußerst beengten Verhältnissen zusammengewohnt. Das Mädchen starb schließlich im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus, Peter im KZ Mauthausen. Während Anne Franks Tagebuch authentische Erinnerungen aus ihrer Feder sind, stützt sich das Jugendbuch aus Sicht ihres Freundes Peter auf kreative Freiheit. Autorin Dogar nimmt die historischen Ereignisse als Grundlage, schmückt sie allerdings nach Gusto aus.

"Wir waren uns bewusst, dass der Roman kontrovers diskutiert werden würde", verteidigt Stefan Wendel, Programmleiter beim Thienemann-Verlag, die für Deutschland geplante Übersetzung. "Es ist sicher ein intimes Buch, aber Schamgrenzen werden keine überschritten." Dogar sei es vielmehr gelungen, sich in die spezielle Situation des Amsterdamer Wohnhauses einzufühlen: "Intimsphäre gab es dort nicht - man kann sich vorstellen, was mit zwei Teenagern passiert, die dort eingesperrt sind." Und: "Es gibt sicher Leute, denen solche Einblicke in das Leben historischer Personen zu viel sind." Er halte die entbrannte Kontroverse jedoch für einen "Vorzug dieses Buches".

Auf heftige Kritik stößt "Annexed" dagegen beim Anne-Frank-Verband im britischen Königreich. "Aus Annes und Peters Leben einen Romanstoff zu machen, halte ich für extrem opportunistisch", schimpft die Vorsitzende Gillian Walnes. Sie habe am Montag mit Hinterbliebenen der Familie gesprochen. Und denen sage das Buch "überhaupt nicht zu".

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