Schluss mit Atemnot und eingequetschten Geweiden: Emmy Schochs Kleidung war ein Befreiungsschlag für die deutsche Frau. Wie hat sie das von Karlsruhe aus geschafft?
Kleidung mag einem besser oder weniger gut stehen. Aber kann ein hübsches Besuchskleid ernsthaft die Gesundheit schädigen? Und ob! Wenn Emmy Schoch an ihrem Tisch saß und neue Kleider entwarf, so tat sie das, damit Frauen nicht mehr Lunge und Organe in viel zu engen Korsetts eingezwängt werden oder ihr Nacken wegen verstärkter Stehkrägen steif wurden. Die Karlsruher Modeschöpferin machte Schluss mit den schweren Stoffschichten, die sich nicht waschen ließen und deshalb eine wahre Brutstätte für allerhand Getier waren. Wer sich ein Kleid von Emmy Schoch kaufte, der konnte sich – endlich – „freier, spielerischer, schöpferischer“ bewegen, wie sie zu sagen pflegte.
Das sogenannte Reformkleid war ein Befreiungsschlag. Es hing locker und leicht am Körper, sogar so leicht, dass konservative Kreise es für anstößig hielten – weil Busen und Po nicht mehr richtig zur Geltung kamen. Frauenrechtlerinnen und freigeistige Männer begrüßten dagegen die neue Mode, die locker sitzenden Tunikas und knöchellangen Röcken, in denen Frauen sogar Tennis spielen konnten.
Emmy Schoch lieferte auch halb fertige Kleider aus
Emmy Schoch war zwar nicht die erste Modedesignerin, die das Reformkleid auf den Weg brachte, aber dieses resolute Persönchen von bestenfalls 1,55 Meter Größe war eine erfolgreiche Unternehmerin. Mit ihrer Werkstatt in Karlsruhe sorgte sie dafür, dass sich vor rund hundert Jahren die neue, bequeme Mode im ganzen Land durchsetzen konnte – auch bei den Frauen, die sich solche Kleider eigentlich nicht leisten konnten.
Denn Emmy Schoch, die von 1905 bis 1953 eine große Werkstätte für Frauenkleidung betrieb, setzte auch auf ein cleveres Geschäftsmodell: Kurz vor dem Ersten Weltkrieg brachte sie einen Versandkatalog heraus, in dem Zeichnungen von Typenkleidern abgedruckt waren. Die Kundinnen konnten ihre Maße angeben – und erhielten ein auf ihren Körper perfekt zugeschnittenes Kleid per Post zugeschickt.
Damit hat Emmy Schoch nicht nur die Reformbewegung praxistauglich gemacht, sondern auch Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Umso erstaunlicher, dass es Jahrzehnte brauchte und letztlich Andrea Sabor-Peterke, die ihr jetzt ein Buch gewidmet hat. Die Kunsthistorikerin hat bereits ihre Magisterarbeit über Emmy Schoch geschrieben, ist aber jetzt noch einmal in die Archive gegangen für ihr Buch „Emmy Schoch – Leben und Werk“. Höchste Zeit, denn Emmy Schoch ist nicht nur als Modeschöpferin und Unternehmerin interessant, sondern ihr Werdegang macht auch bewusst, wie eng Aufbruch und Niedergang in Deutschland damals beisammen lagen und reformerischer Freigeist bruchlos in Nationalismus überging.
Für die Tochter aus gutem Hause war eine Karriere als Pianistin vorgesehen
Eine Revolutionärin war Emmy Schoch sicher nicht, auch wenn ihre Eltern in ihr eine Rebellin sahen. Geboren wurde sie 1881. Der Vater war Apotheker, betrieb aber auch eine Wollfabrik. Hier wird Emmy schon als Kind mit Stoffen in Berührung gekommen sein. Für sie war eine Karriere als Pianistin vorgesehen, und Emmy scheint durchaus talentiert gewesen zu sein, ging aufs Konservatorium und wurde Meisterschülerin. Umso enttäuschter waren die Eltern, als sie nach einer Krankheit das Studium hinwarf – und beschloss, ausgerechnet Schneiderin zu werden. Ein Beruf, der weit unter der Würde einer Tochter aus gutem Hause lag.
Aber Emmy Schoch wollte keineswegs nur schneidern, sondern hatte größere Pläne. Begeistert las sie das 1901 erschienene Buch „Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung“ und fühlte sich bestätigt in ihrem Vorhaben, Kleidung zu entwerfen, die die Frau aus den Zwängen der gängigen Garderobe befreit. In einem Berliner Atelier ließ sie sich das nötige Rüstzeug beibringen und reiste immer wieder nach Paris, um sich auf dem Laufenden zu halten. 1905 war es dann endlich so weit: Emmy Schoch eröffnete in Karlsruhe ihre „Werkstätte für neue Frauentracht und künstlerische Stickerei“.
Emmy hielt Vorträge, verfasste Aufsätze und war auch sonst eine Karrierefrau
Sie scheint eine Frau mit starkem Willen gewesen zu sein, fleißig, geschäftstüchtig und durchaus darauf bedacht, sich selbst ins Rampenlicht zu setzen. Auf Anzeigen in Zeitschriften prangte groß ihr Name, der unübersehbar wie ein Label verbreitet wurde. Ihr Ehemann war als Prokurist und technischer Leiter im Betrieb tätig, während Emmy fürs Kreative zuständig war, aber auch Vorträge hielt mit Titeln wie „Frauenwohl – Frauenschönheit – Frauenkleidung“ oder „Reformkleid und Eigenkleid“. Sie stellte ihre Entwürfe am lebenden Modell vor, wie Modenschauen damals hießen. Und schon bald erhielt sie Preise und Auszeichnungen.
Emmy Schoch machte die Kleidung hygienischer, indem sie waschbare Stoffe verarbeitete, auswechselbare Unterziehblusen und Einsätze. Aus ästhetischer Sicht war sie dagegen eher Traditionalistin. Sie wollte den „Frauenreiz in Stoffen und Linien“ betonen mit Schleifen, Stickereien und Gürteln und sich bei ihren „Besuchskleidern“ auch nicht ganz von der Straßenschleppe verabschieden, auch wenn sie nun deutlich leichter und kürzer ausfiel.
Die Kundinnen konnten sich den Stoff selbst aussuchen
Bemerkenswert waren aber die Freiheiten, die Emmy Schoch ihren Kundinnen einräumte. Denn sie bot keine standardisierte Konfektionskleidung an, sondern maßgeschneiderte Garderobe für alle, wobei sich die Kundinnen den Stoff nach eigenem Gusto aussuchen konnten. Das konnten sich zunächst vor allem Musikerinnen, Schauspielerinnen und reiche Gattinnen leisten.
Aber schon bald bot sie auch „billige halb fertige Kleider zur Selbstschneiderei“ an. Die Kundinnen nähten den Rest – und sparten die Hälfte des Preises. Auch Emmy Schochs Werkstatt hat freilich Krisen erlebt. Während des Ersten Weltkriegs brach die Nachfrage ein und florierte nur noch Trauerkleidung. Sie bot nun auch Kurse für junge Frauen an, die „unter verständnisvoller Anleitung“ lernen sollten, ihren eigenen Geschmack zu entwickeln.
Der aufkommende Nationalismus passte in ihr Programm
Das klingt nach einem Siegeszug der Kreativität, aber dass Emmy Schoch ihren Katalog mit „Deutsche Typenkleider“ betitelte, war durchaus Programm. Sie wollte sich abgrenzen von der Konkurrenz aus dem Ausland und fühlte sich dazu berufen, selbst „eine Führerin für deutsche Mode“ zu werden. „Wir brauchen deutsche Modelle, aus Stoff und Zweck empfunden und gestaltet von deutschen Menschen“, schrieb sie in einem Artikel und war überzeugt, dass Deutschland „führend sein wird in der Weltmode, dass das organische deutsche Kleid weit über unsere Grenzen hinaus Frauentypen schaffen wird“.
Bequeme, körperfreundliche Kleidung und die Stärkung des Standorts passten bestens zum Nationalsozialismus. Und so witterte die Modeschöpferin Hoffnung, die neue politische Lage im Land für ihre Mission nutzen zu können. 1933 schrieb Emmy Schoch einen Brief an den Reichsinnenminister und diente sich an, „auf dem Gebiet des deutschen Kleiderwesens für Volk und Gesamtheit“ einen Beitrag leisten zu wollen. Eine Antwort bekam sie nicht – zum Glück.
Nach dem Krieg wollte man keine Handarbeit mehr
Andrea Sabor-Peterke glaubt trotzdem, dass Emmy Schoch keine Anhängerin der Nationalsozialisten gewesen sei, zumindest war sie wohl nicht in der Partei – im Gegensatz zu ihrem Mann, der später im Entnazifizierungsverfahren betonte, nicht aus politischen Gründen in die NSDAP eingetreten zu sein, sondern weil ihm das „die Hebung des Handwerks“ zugesichert habe.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Zeiten dann schwerer für Emmy Schoch. Die Mode wurde schnelllebiger und man interessierte sich nicht mehr für aufwendige Handarbeit. Sie kümmerte sich um ihren Nachlass und Nachruhm, sodass sich heute auch einige ihrer Modelle im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe finden. Sie mag nicht die ersten Reformkleider entworfen haben, laut den Recherchen von Andrea Sabor-Peterke war Emmy Schoch en passant aber Pionierin auf einem anderen Gebiet: Sie war die Erste, die sich mit Bergsteigerkleidung für Frauen auseinandersetzte und sogar eine Kniebundhose für sie entwarf.