In prominenten baden-württembergischen Firmen steckt Geld aus Katar. Welche Strategie verfolgen die Kataris?
Groß geworden mit Öl, märchenhaft reich geworden mit Flüssiggas – das ist Katar. Mit Einnahmen aus seinen Rohstoffexporten hat Katar einen der zehn größten Staatsfonds der Welt gefüllt – den „Qatar Investment Authority“ (QIA). Über ihn werden zumeist die Investitionen in europäische Firmen getätigt. Er soll mittlerweile ein Vermögen von etwa 460 Milliarden Dollar (445,7 Milliarden Euro) verwalten. Auch Baden-Württemberg bleibt davon nicht unberührt. Ein Einblick.
Wie viel Katar steckt in baden-württembergischen Firmen? Luxusautos und der Reichtum des Königshauses passen gut zusammen. Im Zuge des Börsengangs von Porsche haben die Kataris als „Cornerstone Investor“ einen Anteil von 4,99 Prozent erworben. Gezeichnet hat die QIA rund 22,73 Millionen Vorzugsaktien zum Angebotspreis von 82,50 EUR je Aktie – gut möglich ist, dass sie die Anteile langfristig halten will.
Das Engagement hat eine Vorgeschichte: Als im Sommer 2009 nach der gescheiterten Übernahme von Volkswagen durch Porsche ein Investor gesucht wurde, schritt das Emirat ein und bekam im Gegenzug ein dickes Aktienpaket. So hielt die Qatar Holding von 2009 bis 2013 zehn Prozent der Stammaktien an der Porsche SE. Nun hält sie seit vielen Jahren 17 Prozent der Stimmrechte beim Mutterkonzern Volkswagen – mehr haben nur das Land Niedersachsen und die Gründerfamilien Porsche und Piëch. Die Folge: zwei Sitze im Aufsichtsrat.
Erst seit zwei Jahren haben die Kataris in ein anderes prominentes Unternehmen aus dem Südwesten investiert: Der Staatsfonds QIA und weitere Investoren sind im Juli 2020 beim Tübinger Impfstoffhersteller Curevac mit 126 Millionen US-Dollar (110 Millionen Euro) eingestiegen. „Wir schätzen QIA sehr als professionellen und langzeitigen Aktionär“, sagt eine Sprecherin. Über die genaue Beteiligung kann sie keine Auskunft geben.
Wo ist das Emirat noch beteiligt? Erst Anfang Oktober wurde bekannt, dass die Qatar Holding mit gut neun Prozent bei RWE ein- und zum größten Aktionär aufgestiegen ist. Davor gehörten Traditionskonzerne wie die Deutsche Bank (6,1 Prozent) und die Reederei Hapag-Lloyd (12,3 Prozent) zu den namhaften Beteiligungen. Beim Siemens-Konzern hält die Königsfamilie ein Aktienpaket von etwa drei Prozent – ebenso Anteile bei mehreren Ausgründungen. So wundert es nicht, dass Siemens im Emirat mit der Lieferung etwa von Straßenbahnen und Stromversorgungssystemen gutes Geld verdient – auch für die WM-Infrastruktur. Die Deutsche Bahn beteiligt sich am Aufbau des Nahverkehrs, SAP an der Digitalisierung.
Welche Strategie verfolgen die Kataris? Während die fossilen Energieträger auf lange Sicht durch klimaneutrale Rohstoffe abgelöst werden, will Katar mit den globalen Investitionen seine Zukunft absichern und sich unverzichtbar machen. Einerseits soll der Wandel der Industriestaaten zu den erneuerbaren Energien durch den Verkauf von Öl und Gas hinausgezögert werden – andererseits will man an neuen Technologien verdienen und finanzielle Unabhängigkeit erlangen. Während Katar weitere umfangreiche Investitionen hierzulande angekündigt hat, investieren deutsche Firmen in dem Zwergstaat nur in sehr geringem Umfang.
Welche Rolle spielt der Außenhandel mit Katar für Baden-Württemberg? Mit einem Anteil von lediglich 0,1 Prozent an den gesamten Südwest-Exporten sowie 0,001 Prozent an den Gesamtimporten spielen die Aus- und Einfuhren nach und aus Katar eine verschwindend geringe Rolle für den Außenhandel Baden-Württembergs.
Das Emirat lag 2021 in der Liste der wichtigsten Handelspartner des Landes bei den Ausfuhren auf Platz 60 und bei den Einfuhren nach Baden-Württemberg auf Platz 121. Im vorigen Jahr wurden Waren im Wert von fast 200 Millionen Euro von Baden-Württemberg nach Katar ausgeführt – nach 150 Millionen Euro ein Jahr zuvor.
Spitzenreiter unter den Exporten waren mit einem Wert von 91,7 Millionen Euro Kraftwagen und Kraftwagenteile sowie mit 41,3 Millionen Euro Maschinen(teile), etwa Pumpen oder Ventile.
Die baden-württembergischen Einfuhren sind kaum spürbar und betrugen im vorigen Jahr 2,4 Millionen Euro. Da waren chemische Erzeugnisse am meisten gefragt (625 100 Euro), gefolgt von Möbeln mit 332 900 Euro.
Auch der baden-württembergische Maschinenbauverband (VDMA) sieht in Katar unabhängig von der Rolle als Energie- und Rohstofflieferant eher einen strategischen und finanziellen Investor. Die arabische Welt sei wichtig für die Branche, doch Katar sei „kein relevanter Markt“, sagt der Geschäftsführer Dietrich Birk. Auch die WM sei kein bedeutendes Thema für den industriellen Mittelstand – beim VDMA seien jedenfalls keine Anfragen dazu eingegangen.
Könnte sich die negative Diskussion um die WM nachteilig auswirken? Inwieweit die Kritik an der WM hierzulande die Präsenz deutscher Unternehmen in Katar beeinflusst, bleibe abzuwarten, heißt es im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium. Unabhängig davon werde der Golfraum insgesamt für die Versorgung mit regenerativen Energieträgern und als Handelsplattform in den afrikanischen und asiatischen Raum hinein an strategischer Bedeutung gewinnen.
Die Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) zeigt sich über die Entwicklung enttäuscht: Die WM-Vergabe habe in der westlichen Öffentlichkeit die Hoffnung geweckt, mit der katarischen Führung eine gemeinsame Wertebasis zu finden. Das was bis heute in Katar erreicht werden konnte, sei noch nicht ausreichend – „es werden noch viele weitere Schritte notwendig sein“, so die Ministerin. Dennoch bekennt sie: „Wenn ich Zeit habe, werde ich mir das eine oder andere Spiel der deutschen Mannschaft schon anschauen.“ Als ehemalige Sportlerin wisse sie, „wie wichtig solche Turniere für die Sportler sind“.