Vor dem gestrigen Training waren die Nationalspieler noch gelöst. Foto: dpa

Bei der Fußball-Nationalmannschaft steigt wenige Stunden vor dem Anpfiff des Topspiels in der EM-Qualifikation gegen Polen die Anspannung. Auch der zuvor angeschlagene Spielmacher Mesut Özil soll von Anfang an dabei sein.

Frankfurt - „An den Spieltagen herrscht tagsüber oft so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm“, berichtet Assistenztrainer Thomas Schneider am Freitag über die Situation im DFB-Quartier. Spielmacher Mesut Özil, der Anfang der Woche noch wegen einer Reizung der Patellasehne im Knie angeschlagen war, soll von 20.45 Uhr an in der ausverkauften Frankfurter Arena voll zur Sache gehen können. „Bei Mesut sieht es sehr gut aus. Er hat im Abschlusstraining einen richtig guten Eindruck gemacht“, äußerte Schneider.

Der Weltmeister will mit einem Sieg die Polen von der Tabellenspitze der Gruppe D verdrängen und so Kurs auf die direkte Qualifikation für die EM-Endrunde 2016 in Frankreich halten. „Polen hat eine richtig gute Mannschaft. Aber: Wir haben eine bessere Mannschaft“, sagte Schneider: „Unsere Spieler haben die Qualität, die Erfahrung, den Willen und damit alle Mittel, um das Spiel erfolgreich zu gestalten.“

Polen führt die Gruppe nach sechs von zehn Spieltagen mit 14 Punkten vor Deutschland (13) und Schottland (11) an. In Glasgow muss Bundestrainer Joachim Löw mit seiner Mannschaft am Montag antreten.

Niederlande mit Ausrutscher gegen Island

Unterdessen wird eine EM mit Island und Wales, aber ohne die große Fußball-Nation Niederlande wahrscheinlicher. Nach den Qualifikationsspielen am Donnerstagabend ist dieses Szenario wieder ein großes Stück realistischer geworden.

Die Szenen nach dem Schlusspfiff in Amsterdam brachten die gesamte Verrücktheit dieser EM-Qualifikation zum Ausdruck. Auf der einen Seite schlugen niederländische Stars wie Wesley Sneijder entsetzt die Hände vors Gesicht. Nur ein paar Meter weiter jubelten dafür Spieler wie Birkir Sævarsson oder Ari Skulason, die zumindest noch in Europa kaum jemand kennt.

Während Außenseiter wie Island und Wales die EURO 2016 in Frankreich schon so gut wie erreicht haben, droht der WM-Dritte dieses Turnier nach der 0:1-Pleite gegen Island und der Verletzung seines Kapitäns Arjen Robben mehr denn je zu verpassen. „Die ersten zwei Plätze sind weg. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass wir wenigstens noch die Playoff-Spiele erreichen“, sagte der neue Trainer Danny Blind nach seinem „Horrorstart“ (Daily Mail) als verantwortlicher Bondscoach.

„Endspiel“ in der Türkei

Sollte der große Favorit der Gruppe A am Sonntag aber auch noch in der Türkei verlieren, wäre sogar Platz drei vorerst verspielt. Und ob Bayern-Star Robben mithelfen kann, dieses Schreckensszenario zu verhindern, ist äußert fraglich. Der 31-Jährige wurde gegen Island mit Rückenproblemen ausgewechselt, die auch noch in die Leistengegend ausstrahlten. Am Freitag flog er zur Behandlung nach München zurück. „Es ist für mich völlig unverständlich. Ich war wirklich fit und kann daher kaum glauben, dass das passiert ist“, meinte er.

Gegen Island ging für die Niederländer „alles schief, was nur schiefgehen kann“ (Telegraaf). Nach einer halben Stunde musste Robben raus, zwei Minuten später sah Bruno Martins Indi die Rote Karte (33.), kurz nach der Pause schoss der frühere Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson per Foulelfmeter das 0:1 (51.). Schon das Hinspiel gewann die Mannschaft des schwedischen Trainers Lars Lagerbäck mit 2:0. Seitdem hat keine einzige Maßnahme des umfangreichen holländischen Krisenmanagements auch nur irgendetwas eingebracht. Blind löste den erfolglosen Guus Hiddink als Trainer ab, Robben den alternden Robin van Persie als Kapitän. Die Hoffnung ist nun, dass der nächste Gegner noch nervöser ist als es die „Oranjes“ selbst sind. Durch ein Gegentor in letzter Minute beim 1:1 gegen Lettland ließ die Türkei erneut die große Chance liegen, in der Tabelle an den Holländern vorbeizuziehen.

An der Spitze ist dagegen alles überraschend klar: Island hat vor den letzten drei Spielen acht Punkte Vorsprung auf Platz drei. Verfolger Tschechien nach dem 2:1 gegen Kasachstan immer noch sechs. „Jetzt kann ich, gemeinsam mit Tausenden anderen Isländern, nach Hotels in Frankreich suchen und reservieren“, schrieb ein Autor der Zeitung „Morgunbladid“. Ein weiterer Sieg am Sonntag gegen Kasachstan - und die erste EM-Teilnahme überhaupt ist perfekt. „Alles, was ich sagen kann, ist herzlichen Glückwunsch, Jungs - und Island als Ganzes“, schrieb Regierungschef Sigmundur Davíð Gunnlaugsson bei Facebook.

Auch Wales kann alles klar machen

In der Gruppe B kann Tabellenführer Wales am Sonntag mit einem Heimsieg gegen Israel ebenfalls schon alles klarmachen. 90-Millionen-Mann Gareth Bale von Real Madrid schoss sein Team am Donnerstag zu einem 1:0 auf Zypern. Der Hintergrund dieses Erfolgs ist ein ähnlicher wie auf Island: Einige wenige Stars wie Bale oder Aaron Ramsey (FC Arsenal) ziehen mit ihrer Erfahrung aus Europas Top-Ligen alle anderen mit. Außerdem ist die ansonsten umstrittene Aufstockung der EM auf 24 Teilnehmer zumindest für kleine Teams ein riesen Ansporn: Die Chance, dabei zu sein, war noch nie so groß.

Verglichen mit den Problemen der Niederländer geht es dem EM-Zweiten Italien auf Platz eins der Gruppe H noch gut. Doch zufrieden war damit nach dem 1:0 gegen Malta niemand. „Was für ein schlimmes Italien...“, titelte die „Gazzetta dello Sport“ nach einem mühsamen Erfolg, der nur durch ein Hand-Tor von Stürmer Graziano Pellè zustande kam. Das sei „eine der schlechtesten Nationalmannschaften aller Zeiten“, urteilte das Italiens Fußball-Bibel nach einem ideenarmen Auftritt vor nur 13 000 Zuschauern in Florenz.

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