Bei einer Podiumsdiskussion in der Liederhalle zur Vielfalt und über Rassismus im Fußball sind der OK-Chef Philipp Lahm und der vierfache Champions-League-Sieger Clarence Seedorf zu Gast.
Das Motto liest sich gut. „United by Football. Vereint im Herzen Europas”. Unter diese Überschrift hatte sich der Deutsche Fußball-Bund um die EM 2024 beworben. Unter diesem Motto stehen die Fußballspiele im nächsten Sommer. Zugleich prägnant und pauschal genug, man merkt, ausgedacht haben sich das Profis, die Werber von Jung von Matt/Sports.
Dieser Slogan sickert durch in die zehn Austragungsstädte, so heißt es hier „Vereint für Stuttgart“. Aber was bedeutet das? Wie füllt man solch hübsche Absichten mit Leben? Gerade in Zeiten, in denen es die Gesellschaft schier zerreißt angesichts der vielen Krisen und Kriege? Am Montagabend in der Liederhalle startete man einen ersten Versuch. Mit allerlei Prominenz.
Auch sportliche Erfolge schützen nicht vor Rassismus
Clarence Seedorf hat mit Ajax Amsterdam, Real Madrid und Inter Mailand viermal die Champions League gewonnen. Doch seine Erfolge waren nicht das Thema. Seedorf ist Holländer aus Surinam, er ist schwarz. Und hat „tagtägliche Alltagsdiskriminierung und strukturellen Rassismus“ erlebt. In seinem Vortrag zu Beginn erzählte er von seinem Weg als Trainer, trotz Erfolgen bei der AC Mailand habe er nach seiner Entlassung kaum Jobangebote bekommen. Was kein Zufall sei. „In den sechs europäischen Topligen gibt es nur drei farbige Trainer“, sagte er. Noch schlimmer sehe es bei Führungskräften in Vereinen und Verbänden aus, die seien zu 95 Prozent weiß. Es brauche mehr „Gleichstellung“.
Wenig Vielfalt im Saal
Gleichstellung und „Vielfalt für Stuttgart“ auf dem Podium waren hinreichend gegeben mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras, EM-Turnierdirektor Philipp Lahm, Fußballer Hans Sarpei, aufgewachsen in Deutschland, Nationalspieler Ghanas, dem Vorstandsvorsitzenden des VfB Stuttgart, Alexander Wehrle, einer der wenigen offen schwul lebenden Funktionäre im Fußball, und Frank Thumm, Geschäftsführer des Württembergischen Fußballverbands, und Moderatorin Lea Wagner.
Diese Vielfalt vermisste man im Hegelsaal. Geschlossene Gesellschaft. Hatte Aras betont, dass 50 Prozent der Stuttgarter Wurzeln im Ausland haben, so spiegelte sich dies nicht unter den 200 geladenen Gästen wieder. Seedorf hatte zwar ausdrücklich die Kinder begrüßt, im Saal musste man nach ihnen lange suchen. Zu spät war es um 19.30 Uhr, die Schulkinder waren im Bett. Dabei wurden sie wiederholt adressiert, wurde betont, dass Menschen ohne Vorurteile auf die Welt kommen, dass diese anerzogen sind und wie wichtig Bildung ist. Auch Thumms Lob an die Ehrenamtlichen im Amateurfußball und die flammende Rede von Philipp Lahm, der von seiner Mutter erzählte, die seit 30 Jahren Jugendleiterin der FT Gern ist, hätten Übungsleiter und Trainer gefreut. Wären sie denn geladen gewesen. Aber sie konnten es ja im Internet schauen, es nachlesen oder sich ausrichten lassen.
Sind die Prinzipien egal, wenn das Geld ruft?
Hängt man sich also nur ein Regenbogenmäntelchen um? Redet über Vielfalt, damit man über Vielfalt geredet, den Punkt abgehakt hat? Die WM 2034 findet statt in Saudi-Arabien, nicht gerade ein Hort der Menschenrechte. Das ist Sache des Weltfußballverbandes Fifa, nicht der Kollegen aus Europa. Aber die fallen nicht durch erbitterte Opposition auf. Es zeigt das Dilemma. Schutz von Minderheiten und Frauenrechte machen sich gut auf dem Papier, scheinen aber verzichtbar, wenn das große Geld winkt. Zu lange hat die Unterhaltungsindustrie Profifußball allergisch reagiert auf Störungen des Geschäftsbetriebs. Hans Sarpei erzählte von seinem ersten Profieinsatz, damals in Cottbus. Im Stadion der Freundschaft, ausgerechnet, ist er vor 25 Jahren mit Bananen beworfen worden, als „Affe“ beschimpft worden. Passiert ist – nichts.
Drohen Spielabbrüche?
Er sei absolut hilflos gewesen, „damals war man damit noch alleine“. Er fragte: „Stellen Sie sich vor, das wäre Ihr Sohn, Ihr Enkel? Wie würden Sie sich fühlen?“ Mittlerweile gibt es Protokolle, wie man mit Rassismus und Homophobie umzugehen hat. Für die EM werde man einen dreistufigen Prozess einführen, sagte Lahm. Die in der Konsequenz bis zum Abbruch von Spielen führen kann. Der WFV hat eine Meldestelle, es gab 110 Verurteilungen, sagte Thumm, betonte aber auch: bei 120 000 Spielen.
Dass sich einiges getan habe zum Besseren, sagte Wehrle. Wer noch in den 90ern in deutschen Stadien war, musste taub sein, um nicht die rassistischen, antisemitischen und homophoben Sprüche zu hören. Der VfB hat einen schwul-lesbischen Fanclub, mit Vertretern im Fanausschuss, er bringt seine Nachwuchsspieler in Kontakt mit homosexuellen Jugendlichen. Wenn sich ein Spieler des VfB outen wolle, stehe man selbstverständlich an seiner Seite, sagte Wehrle, „aber das ist eine zutiefst persönliche Sache“.
Zimmer für Besucher?
Wie auch der Kampf gegen Rassismus nicht nur Sache der Vereine und Verbände sei, sondern jedes Einzelnen, betonten Aras und Lahm. Zivilcourage zeigen, einstehen für andere, so streite man „vereint für Stuttgart“. Viele Begegnungen, ein Miteinander, das auch über Corona verloren gegangen sei, wünscht sich Lahm. Aras ergänzte, dass sie sich freuen würde, wenn die Stuttgarter ihre freien Zimmer und Betten den Besuchern anbieten würden, man dafür ein Portal einrichten würde. Das erinnert ans Motto der WM 2006: zu Gast bei Freunden. Das wurde mit Leben gefüllt. Da war Stuttgart mal schöner als Berlin. Wer sich ans neue Motto gewöhnen möchte, kann an Silvester auf den Schlossplatz kommen, da wird gefeiert unter dem Slogan: Vielfalt in Stuttgart.