EM-Bronze am Stufenbarren im April 2017: Elisabeth Seitz vom MTV Stuttgart strahlt. Foto: dpa

Die Stuttgarter Turnerin Elisabeth Seitz peilt 2019 eine Medaille bei der Heim-WM an – schon an diesem Wochenende will sie beim DTB-Pokal in der Porsche-Arena überzeugen.

Stuttgart - Elisabeth Seitz (24) liebt diesen Moment. Ihren Moment. Den Gänsehautmoment, wie sie ihn selbst nennt. Das Einturnen ist fast beendet, die Halle füllt sich langsam, der Lärmpegel steigt. Musik, Klatschen, Vorfreude. Es knistert. „Und dann“, sagt Elisabeth Seitz, „ruft der Hallensprecher meinen Namen, und die Leute toben.“ Die Stuttgarter Turnerin tobt dann auch. Innerlich. Kurz vor jedem Wettkampf. „Ich bin dann voller Energie“, sagt die Strahlefrau: „Und wenn ich mich dann anschaue, sehe ich Gänsehaut am ganzen Körper.“

An diesem Sonntag wird es wieder so weit sein. Nicht irgendwo in der weiten Welt, sondern daheim, in der Stuttgarter Porsche-Arena. Heimspiel beim DTB-Pokal. Das bedeutet: noch mehr Jubel in der Halle. Und noch mehr Emotionen bei Elisabeth Seitz. Von 12.30 Uhr an steigt der Weltcup-Mehrkampf der Frauen. Mit Tausenden Menschen in der Halle, die toben werden, wenn Seitz einläuft. „Früher dachte ich manchmal, dass ich das Drumherum und die Atmosphäre in der Halle ignorieren muss, dass ich den Tunnelblick brauche“, sagt Seitz. Heute sei das anders. Da genießt sie jeden Augenblick, saugt die Emotionen auf. „Das tut mir gut, und das gibt mir Kraft“, sagt sie. Seitz tankt Energie aus der Energie in der Halle – und gibt sie dann in den Teamwettkämpfen gerne an ihre Kolleginnen weiter. Das weiß die Bundestrainerin Ulla Koch zu schätzen. Seitz ist immer gut gelaunt – und fähig, andere anzutreiben. „Ich habe sie ganz selten verzweifelt gesehen“, sagt Ulla Koch: „Ich bin froh, dass sie das Team so führt.“

Drei Tage vor ihrem Wettkampf in der Porsche-Arena sitzt die Turnerin ein paar Steinwürfe entfernt im Cannstatter Kunstturnforum, dem Ort, an dem sie fast täglich trainiert. Die Athletin des MTV Stuttgart spricht über ihr bewegtes Turnleben – und über die gute Laune, die ihr jeder, der sie kennt, gerne nachsagt. „Es gibt im Leben auch Tage oder Wochen, in denen es nicht läuft und ich nicht gut drauf bin“, sagt Seitz, „aber ich bin ein positiver Mensch. Es bringt nichts, einen Tag schlecht gelaunt zu beginnen – was gestern war, kann man eh nicht mehr ändern, das sollte man abhaken.“

Elisabeth Seitz weiß, wovon sie spricht. Denn im Abhaken von negativen Erfahrungen ist sie eine Meisterin.

Die gebürtige Heidelbergerin hatte in ihrer Karriere nicht nur Grund zum Strahlen, im Gegenteil. Immer wieder musste sie heftige Rückschläge einstecken. Einst galt Seitz als große deutsche Turnhoffnung und avancierte zur Führungsfigur, konnte ihre Klasse aber nur bedingt zeigen, weil sie immer wieder Verletzungen zurückwarfen. Seitz biss auf die Zähne, immer wieder. Sie turnte auch mit kaputtem Finger und Schrauben im Bein. Und sie strahlte – nicht aufgesetzt – trotz der Schmerzen.

Seitz beginnt im April ein Lehramtsstudium

Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro verging dann aber auch ihr das Lachen. Das große Drama am Stufenbarren. Denkbar knapp verpasste Seitz die Bronzemedaille, die an ihre Teamkollegin Sophie Scheder ging. Es war die erste Olympiamedaille nach drei Jahrzehnten für eine Athletin, die aus einem der deutschen Turnverbände stammte. Seitz gratulierte fair – mit Tränen in den Augen. Wieder verarbeitete sie einen Rückschlag, wieder ließ sie sich nicht unterkriegen. „Dazu“, sagt Seitz heute im Rückblick, „macht mir das Turnen einfach viel zu viel Spaß. Ich kann den Leuten eine Freude machen, und wenn ich das schaffe, bin ich einfach glücklich.“

Bei der EM 2017 holte sie Bronze am Stufenbarren, bei der WM in Montreal wurde sie Fünfte an ihrem Paradegerät. Vier Tage vor Heiligabend 2017 folgte der nächste Rückschlag. Freie Gelenkkörper befanden sich im rechten Fuß. Die nächste Operation. „Ich hatte schon drei am linken Fuß, jetzt war der rechte dran“, sagt Seitz trocken. Jetzt ist sie wieder fit. Nächster Rückschlag: abgehakt. Gibt Schlimmeres, nach vorne schauen. So tickt Elisabeth Seitz – die noch lange nicht genug hat.

Im Oktober 2019 steigt die Heim-WM in Stuttgart, ein Jahr später finden die Olympischen Spiele in Tokio statt. Seitz träumt von einer Medaille am Stufenbarren und vom Finaleinzug mit ihren deutschen Teamkolleginnen. Auf die beiden Großereignisse ist alles ausgerichtet – sportlich. Ansonsten wird Seitz im April ein Lehramtsstudium in Ludwigsburg beginnen, Englisch und Ethik sind die Fächer. „Meine Oma hat mir schon immer gesagt, dass ich beim Bäcker keine Brötchen kriege, nur weil ich ein paar Salti schlage“, sagt Seitz. Dann lacht sie wieder, die Strahlefrau des deutschen Turnens.

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