Igmar Geiß (links) und Len Schumann in der Eigenkonstruktion der Uni Stuttgart kurz nach der Landung auf dem Flugplatz Pattonville. Heute soll der Rekordversuch losgehen. Foto: Birgit Kiefer

Ingenieure der Uni gehen heute für einen Rekordversuch mit einem Elektroflugzeug in die Luft. Mit vier Akkus, basierend auf handelsüblicher Notebook-Technologie, sollen mehr als 400 Kilometer bewältigt werden.

Vaihingen/Pattonville - Dem Laien, für den Flugzeuge einfach Flügel haben und einen Rumpf, fällt nichts besonderes auf, wenn Len Schumann und Ingmar Geiß in den Sinkflug gehen und auf dem Flugplatz Pattonville bei Kornwestheim landen. Am auffälligsten am Flugobjekt ist etwas, das fehlt: Lärm – aber um ein Segelflugzeug handelt es sich offensichtlich nicht. Und das Flugzeug rollt sehr tief auf der Landebahn. Im hohen Gras ist es fast nicht auszumachen. Nur das Leitwerk mit dem Propeller huscht oberhalb der grünen Spitzen entlang. Gerade diese Konstruktion ist die Besonderheit: Der Flieger ist eine Eigenkonstruktion der Universität Stuttgart und auf dem Vaihinger Campus entstanden.

Nach der Landung direkt an die Steckdose

Schumann und Geiß sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Flugzeugbau. Sie landen auf der Wiese nahe Kornwestheim, klappen die Kabinenabdeckung hoch, steigen aus und gehen zu allererst zur Steckdose: aufladen ist angesagt, schließlich handelt es sich um ein reines Elektroflugzeug. Es heißt e-Genius und ist auf dem Flugplatz Pattonville stationiert.

Entworfen und gebaut wurde e-Genius von dem Uni-Team, zu dem auch noch andere gehören, für die Teilnahme am Green Flight Challenge 2011, einem Wettbewerb, der bei San Francisco stattfand. Das Preisgeld in Höhe von 1,3 Millionen US-Dollar ging zwar an einen Konkurrenten, aber die Vaihinger Entwicklung belegte den zweiten Platz, für den es immerhin auch noch 100 000 Dollar gab. Für 100 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern benötigte e-Genius nur 12 Kilowattstunden – was 1,33 Liter Benzin entsprechen würde. Beim Start wurden nur 59,5 Dezibel gemessen, ungefähr die Lautstärke einer Nähmaschine im Einsatz.

Vier Akkus für mehr als 400 Kilometer

Geiß sieht noch aus einem weiteren Grund die Uni-Maschine im Vorteil: Nur sie sei praxistauglich und von jedem normalen Piloten fliegbar. Der Gewinner, der Elektrosegler Pipistrel Taurus G4 mit Doppelrumpf und einem mittig dazwischen eingebauten Motor, ist bisher nur durch Testpiloten geflogen worden.

Am heutigen Donnerstag will das Vaihinger Gespann zum längsten Überlandflug eines rein Batterie betriebenen Motorflugzeugs starten. Von Pattonville nach Dessau soll es gehen. Die beiden Piloten, die seit Jahren an der Entwicklung beteiligt sind, wollen nachweisen, dass ein so weiter Flug von mehr als 400 Kilometern mit einem mit vier Akkus, die auf handelsüblicher Notebook-Technologie aufbauen, betriebenen Flugzeug gelingen kann. „Die Energiedichte ist bei den Laptop-Akkus am höchsten, darum haben wir uns für sie entschieden“, erklärt Geiß. Sein Institut hat aber nicht etwa einfach nur die guten Batterien genommen und in ein windschnittiges, leichtes Flugzeug eingebaut. „So hätten wir nicht alle Vorteile der Technologie nutzen können“, führt Geiß aus. Die Möglichkeit, den Propeller hinten anzubringen, zum Beispiel: Dadurch kann er groß ausfallen, ohne dass das Fahrwerk ebenfalls riesig werden muss. Die Aerodynamik ist zudem viel besser.

Volltanken kostet elf Euro – und dauert sechs Stunden

Noch gibt es nur diesen einen Prototyp von e-Genius, und in dem stecken sieben Jahre Arbeit und 1,5 Millionen Euro. Der Elektroflieger hat Vorläufer: Das Institut versuchte es zuerst mit Solartechnik: Icaré II gewann 1996 den Berblinger-Preis, verfügt über 20 Quadratmeter Solarzellen und kann mit Batterie über 1000 Meter steigen und dann allein mittels Sonnenenergie horizontal fliegen. Bei besonders guter Einstrahlung kann auch weiter gestiegen oder der Akku nachgeladen werden. Das Flugzeug ist immer noch in Betrieb und 2011 und 2012 erflog es fünf offizielle FAI-Weltrekorde. 2006 wurde mit dem Entwurf des Brennstoffzellenflugzeugs „Hydrogenius“ erneut der Berblinger-Preis gewonnen.

Jetzt also e-Genius – aus Kohlefaser gebaut und mit einer Spannweite von 16,9 Metern. Nahezu 100 Personen, davon 70 Studenten, haben unter Leitung von Professor Rudolf Voit-Nitschmann an ihm mitgewirkt. Einmal volltanken an einer üblichen Steckdose kostet derzeit rund elf Euro – dauert allerdings sechs Stunden. Aber dafür kämen zwei Menschen günstig und umweltschonend bis nach Dessau und vielleicht sogar weiter bis nach Berlin, wenn es die Batterien hergeben.

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