Seit sie vier Jahre alt ist, steht die Sindelfingerin Jasmin Lugert auf dem Eis Foto: Baumann

Jahrelang war Jasmin Lugert von Rückschlägen verschont geblieben, dann streikte ihr Körper. Bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften in der Eiswelt Stuttgart greift die 18-Jährige vom TEC Waldau wieder an.

Stuttgart - Es herrscht ein ziemliches Gedränge auf der Fläche in der Stuttgarter Eiswelt an diesem Sonntagvormittag, und es ist nicht immer einfach, die Ideallinie auf dem Eis zu finden. Schließlich trainieren alle Kaderathleten der Stuttgarter Eislaufvereine zusammen, üben noch einmal die schwersten Sprünge und Pirouetten, feilen an der Choreografie. Da braucht man ein entsprechendes Raumgefühl, um den anderen nicht in die Quere zu kommen. „Die kennen sich alle und wissen, wie sie laufen“, sagt ­Anuschka Gläser, Trainerin beim TEC Waldau. Das sei in etwa vergleichbar mit einem Fußballer, der auch den Blick für den Ball haben muss.

Deutsche Meisterschaften auf der Waldau

Eine Woche vor den deutschen Meisterschaften im Eiskunstlaufen auf der Waldau an diesem Samstag (17 Uhr) und Sonntag (14.30 Uhr) beobachtet sie vor allem Jasmin Lugert. Seit sechs Wochen erst trainiert sie die Athletin, die jahrelang von der Landestrainerin Claudia Unger betreut wurde. „Ich wollte neue Reize, einen neuen Impuls“, sagt Jasmin Lugert. Die 18-Jährige aus Sindelfingen steht auf dem Eis, seit sie vier Jahre alt ist. „Man wächst damit auf, will sich immer verbessern, und wenn es nicht geklappt hat, dann bin ich erst recht motiviert“, sagt sie. Vor einem Jahr war so ein Moment, wo sie gespürt hat, dass sich alles gelohnt hat – der Drill, die Mühe, die Arbeit im Tanzsaal, an der Ballettstange, in kalten, zugigen Hallen. Bei den letztjährigen deutschen Meisterschaften in Frankfurt hat sie sich nämlich selbst am meisten überrascht, als sie in der Meisterklasse Vierte wurde. Danach ist sie noch stabiler geworden in den Dreifachsprüngen, hat an ihrem Laufstil gearbeitet und ihre Programme auf dem Eis ausdrucksstark interpretiert. Es schien alles gerichtet für die Titelkämpfe in der heimischen Eiswelt. Vor vier Jahren war sie noch als Pokalmädchen im Einsatz. Diesmal sollte es ihr großer Auftritt werden.

Plötzlich streikt der Körper

Doch dann streikte plötzlich ihr Körper. Jahrelang war sie von Verletzungen und gesundheitlichen Rückschlägen verschont geblieben. Dann kam alles auf einmal – erst machte das Knie Probleme und zuletzt hinderte sie eine Nervenentzündung im Po am intensiven Training. Aber sie hat sich zurückgekämpft. Der Schwerpunkt liegt in diesem Training auf den Dreifachsprüngen. Es ist nicht leicht, das Herantasten an die alte Form, die vertrauten Abläufe. „Und weil wir eine erneute Überbelastung vermeiden wollen, sind wir dabei, die Technik umzustellen“, sagt Anuschka Gläser.

Bisher habe sie bei den Sprüngen zu viel mit Kraft gemacht. Die Trainerin hat Erfahrung, weiß wovon sie redet. Die gebürtige Stuttgarterin hat in ihrer Paarlaufkarriere mit zwei verschiedenen Partnern drei deutsche Meistertitel gesammelt, wurde Neunte bei der WM und kam auf Platz fünf bei der EM in Sankt Petersburg. Sie filmt jede Sequenz, auch die Szenen, in denen es nicht klappt mit dem dreifachen Lutz und Jasmin auf dem Eis landet. Dann heißt es abwischen und weitermachen. Und als sie den Dreifachen dann steht, versagt bei der Trainerin die Technik.

Eine Überraschung ist möglich

Egal. Das gute Gefühl ist wichtig und auch das Vertrauen, dass die Kondition reicht für die 4,10 Minuten lange Kür. Jasmin Lugert läuft auf die Filmmusik von „Games of Thrones“. Ein schwieriges Programm. Ihr Kleid ist in den Farben Blau, Weiß und Gelb gehalten wie das der Hauptdarstellerin Daenerys Targaryen, der mutigen Drachenmutter aus „Games of Thrones“. Die 1,65 Meter kleine, grazile und schüchterne Schülerin hat sich bewusst für diesen Sound entschieden. „Da kann sie sich perfekt ausdrücken, das kommt alles aus ihr selbst“, sagt Anuschka Gläser.

Neun weitere Konkurrentinnen sind am Start, darunter die Vorjahresmeisterin Nicole Schott und die Zweite Nathalie Weinzierl. „Ich will gut durchkommen“, sagt Jasmin Lugert, deren Erwartungen nach der Verletzungspause eher bescheiden sind. Doch wer weiß, wenn alles passt, die Sprünge, die Landungen und die Kufentechnik, dann ist auch in ihrem Wohnzimmer eine Überraschung möglich.

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