Lithografie des Rosensteintunnels von Markus Eberhard Emminger nach einer Zeichnung von Christian Friedrich Leins (der Tunneleingang wurde so nicht gebaut) Foto: Bild: Stadtarchiv Stuttgart

Das Stadtarchiv Stuttgart erinnert dieser Tage immer wieder an Carl von Etzel. Der vor 150 Jahren verstorbene Eisenbahnpionier hat die Grundlagen für die Entwicklung Württembergs zum modernen Industriestandort gelegt.

Stuttgart - Carl von Etzel (1812–1865) ist das Bauwesen quasi in die Wiege gelegt worden. Sein Vater, der königliche Oberbaurat Eberhard von Etzel, hatte anno 1822 von König Wilhelm I. den Auftrag für den Bau der Neuen Weinsteige erhalten. Eberhard von Etzel schuf eine breite Panoramastraße, die 76 000 Gulden kostete. Für Eberhard von Etzel und seinen Sohn Carl war die Regentschaft Wilhelms I. ein Glücksfall. Der Herrscher galt als Kunstbanause, der für Gemälde und Plastiken wenig Geld investierte.

Ganz im Sinne seines Königs soll der damalige Abgeordnete Peter Damian von Mosthaf gesagt haben: „Mir brauchet koi Kunscht, mir brauchat Grombiera.“ Wilhelm I. suchte Mittel und Wege, um seinem an Rohstoffen armen Land, in dem die Menschen nach jeder Missernte unter Hunger leiden mussten, Wohlstand zu verschaffen. Dabei setzte er auf den schwäbischen Tüftlergeist und gründete die „Zentralstelle für Handel und Gewerbe“, eine Art Landesgewerbeamt, und förderte damit die Industrialisierung. Weil die Güter transportiert werden mussten, lag der Eisenbahnbau in seinem Interesse.

Bereits im Oktober 1845 verkehrte die erste Eisenbahn zwischen Cannstatt und Esslingen. Stuttgart als Residenzstadt sollte ebenfalls an die Strecke angeschlossen werden, aber dazwischen lag ein Hindernis: der Kahlenberg, den der König als englischen Garten anlegen ließ, in Rosenstein umbenannte und dort sein Residenzschloss baute.

Mit dem Tunnelbau durch den Kahlenberg beauftragte er Carl von Etzel, der 1864 mit dem Bau der Brennerbahn Weltruhm erlangen sollte. Carl Etzel, der in den 1830er Jahren beim Stuttgarter Architekten und Maler Nikolaus Friedrich von Thouret studiert und sich dann beim Bau von Eisenbahnstrecken in Frankreich Meriten erworben hatte, arbeitete in rasantem Tempo. Er überwand Komplikationen durch eine Wasserblase und führte den Tunnel exakt unter dem Rosensteinschloss durch. Weil dieser ein fürstlicher Tunnel war, ließ er ihn innen mit Klinker verkleiden. Er existiert heute noch, ist aber verschlossen. Etzels Bahnlinie führte nach Stuttgart hinein. In der damaligen Schlossstraße, heute Eugen-Bolz-Straße, bauten er und der Architekt Georg Morlock den ersten Stuttgarter Bahnhof. Er wurde am 26. September 1846 eröffnet.

Nun galt es, das Schienennetz weiter auszubauen. Eine weitere Strecke führte nach Heilbronn, dem wichtigsten Neckarhafen. Von dort sollte ein weiterer Schienenstrang nach Friedrichshafen am Bodensee führen. Dabei gelang Carl von Etzel eine Meisterleistung: die Bewältigung der Geislinger Steige, die als erste Überquerung eines Mittelgebirges durch die Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent gilt.

1847 begannen Oberbaurat Carl von Etzel und sein Oberingenieur Michael Knoll mit dem Bau der Eisenbahntrasse über die Schwäbische Alb. Nach intensiver Überprüfung des Terrains hatten sie andere Trassen verworfen und sich für die kurze, dafür aber steile Strecke bei Geislingen entschieden. Etwas 3000 Arbeiter schwangen dabei die Spitzhacken im Schweiße ihres Angesichts. Tauglicheren Sprengstoff als Schwarzpulver gab es damals noch nicht, denn Alfred Nobel sollte die Erfindung des Dynamits erst im Jahre 1867 gelingen. Am 7. Juli 1850 wurde die 5,6 Kilometer lange Geislinger Steige gemeinsam mit der bis dahin fertiggestellten Gesamtstrecke von Heilbronn bis Friedrichshafen in Betrieb genommen. Die Steige überwindet den Höhenunterschied von 112 Metern. Im Bahnbetrieb forderte die steile Strecke durch hohen Materialeinsatz Tribut. Jeder Zug musste mit einer zweiten Lokomotive angeschoben werden. Für die Wartung der Dampfloks gab es ein eigenes Betriebswerk an der Strecke.

Ein weiteres Glanzstück des genialen Ingenieurs ist das Enztalviadukt bei Bietigheim-Bissingen. Es ist Teil der ersten Eisenbahnstrecke zwischen dem Königreich Württemberg und dem Großherzogtum Baden. Diese als Westbahn bezeichnete Strecke führte von Bietigheim nach Bruchsal. Das Viadukt über das Enztal wollte Etzel erst auf Steinpfeilern in Holz ausführen. entschied sich dann jedoch für komplettes Mauerwerk. Mit 33 Meter Höhe und 287 Meter Länge gilt das Viadukt mit 21 Bögen als aufwendigster Einzelbau der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen. Gemeinsam mit der Einweihung der Westbahn wurde es am 20. September 1853 in Betrieb genommen.

Weltruhm erlangte Etzel in Österreich. Seine große Stunde dort kam 1864 mit dem Bau der Brennerbahn. Sie machte ihn zur Legende. Ihre Fertigstellung hat der Mann, der mehr als 1500  Kilometer Eisenbahnstrecke geschaffen hatte, nicht mehr erlebt. 1864 erlitt er den ersten Schlaganfall. Auf der Fahrt nach Stuttgart, wo er im Ruhestand die nach seinen Plänen errichtete Villa beziehen wollte, starb er am 2. Mai 1865 am zweiten Schlaganfall.

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