Seit 20 Jahren führt die Leonbergerin Birgit Bockel ihre Damenmode-Boutique. Erst im Leo-Center, dann in der Schlossstraße. Mit fast 70 Jahren geht sie in den Ruhestand.
Birgit Bockel nimmt sich Zeit für ein Gespräch in ihrer Damenmode-Boutique in der Leonberger Schlossstraße 7. Das Geschäft liegt nur einen Katzensprung vom historischen Marktplatz entfernt, leicht zu erkennen am markanten grünen Petrol-Schriftzug über der Eingangstür. „Das ist eine schöne Gelegenheit, mich von meinen Kunden zu verabschieden und ihnen Dankeschön für die mehr als 20 gemeinsamen Jahre zu sagen, das liegt mir sehr am Herzen“, sagt die 69-Jährige nicht ohne Wehmut. Doch mit fast 70 Jahren – ihren Geburtstag feiert sie in diesem Oktober –verabschiedet sie sich in den Ruhestand.
Räumungsverkauf bis zum 20. April
„Eigentlich wollte ich so lange weitermachen, wie es geht, doch ich habe mich jetzt relativ kurzfristig dazu entschlossen, mein Geschäft aufzugeben“, sagt die Frau mit dem markanten kurzen Pony, die meist in schwarzer, weiter, lässiger Mode gekleidet ist. Bockel steckt mitten im Räumungsverkauf. Am 20. April ist Schluss, dann müssen die Räumlichkeiten leer sein. Renovieren muss sie auch noch.
Die Auslagen in den Regalen, auf dem dunklen Tisch aus massivem Holz sowie auf den Kleiderstangen haben sich sichtbar gelichtet. Es gibt trotzdem noch genügend Einzelstücke. Ihren Stammkundinnen hatte sie ein Kärtchen geschickt und über ihren Schritt informiert. „Eine Dame meinte, sie hatte Tränen in den Augen gehabt, als sie die Karte gelesen hat, eine andere Kundin wisse jetzt nicht, wo sie einkaufen solle, weil sie die Marken anderswo nicht so leicht finde“, erzählt die eher zurückhaltende Geschäftsfrau. Einmal habe sie aus dem Gespräch mit einer Kundin erfahren, dass diese gerade ihren Kleiderschrank ausgemistet habe. „Die Kleidung, die sie bei mir gekauft hat, trägt sie aber noch immer, das nenne ich nachhaltig“, sagt Birgit Bockel.
Klassisch, zeitlos, aber in hoher Qualität
Klassisch, zeitlos, aber in hoher Qualität war ihre Mode über all die Jahre. Von aktuellen Trends, was Schnitte oder Farben betrifft, hat sich Bockel nie leiten lassen. Ihr Motto lautete: Jede kann tragen, was sie will, sollte sich dabei aber unbedingt wohlfühlen. Die Boutique-Besitzerin verkaufte früher viel aus Naturfasern. Leinen, Wolle oder auch aus der natürlichen Kunstfaser Viskose. Nach und nach hat sie Marken dazu genommen und auch die Materialien in ihrem Angebot erweitert.
Nach der Schule absolvierte die Leonbergerin eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Im damaligen Modegeschäft Fischer+Riegel in der Eltinger Poststraße. Sie wechselte in das Wollgeschäft am Leonberger Marktplatz, dann in ein Korntaler Modegeschäft. „Wenn es mal Leerlauf im Laden gab, habe ich kleine Schneiderarbeiten an der Nähmaschine verrichtet, Pausen gab es dort nicht.“ Freimachen dürfte sie dann, wenn das Wetter schlecht war, weil dann weniger Kunden kamen. Eine Zeit lang arbeitete sie in einem Büro, lernte ihren Mann kennen, sie bekamen zwei Kinder.
Birgit Bockel legte eine berufliche Pause ein, stieg dann stundenweise im Modegeschäft Petrol ein, das Christine Müh im Leo-Center führte. „Damals war noch richtig viel los im Center und es gab klare Regeln für die Mieter, da hat sich keiner getraut, das Geschäft früher am Abend zu schließen, das gab gleich eine Rüge“, erinnert sich Bockel. Sie erweiterte ihre Arbeitszeit. 2002 hörte ihre Chefin auf. Birgit Bockel übernahm das Modegeschäft, blieb noch zehn Jahre im Leo-Center. Als ihr Vertrag auslief, suchte sie neue Räumlichkeiten. „Ich wollte mich nicht mehr den strikten Vorgaben unterordnen.“ Fündig wurde sie in der Schlossstraße. Die damalige Drogerie Dambacher musste aus gesundheitlichen Gründen des Inhabers schließen. Mit dem Käufer des Hauses wurde sich die Boutiquebesitzerin schnell einig, die Räume waren auch schon renoviert.
Ein glitzernder Kronleuchter an der Decke
Birgit Bockel richtete sich nach ihrem Geschmack ein. Ein Blickfang: der alte nostalgische Kamin mit den hellgrünen Fliesen und der glitzernde Kronleuchter an der Decke. Dass es hier ruhiger zuging als im Leo-Center, störte sie nicht. „Die Kundinnen haben mich auch so gefunden, und hier war es persönlicher.“ Unterstützung hatte sie – schon im Leo-Center – zweimal pro Woche von ihrer treuen Mitarbeiterin Evelin Heinkele. Sie sprang auch immer zuverlässig ein, wenn Birgit Bockel zu den Bestellterminen ihrer Lieferanten nach Sindelfingen oder nach München musste. Unterstützung im Hintergrund bekam sie von ihren zwei Kindern. Viel Urlaub hat die Geschäftsfrau in all den Jahren nicht gemacht. „Das war mir auch nie wichtig, weil mir meine Arbeit immer großen Spaß gemacht hat.“ Nur zuletzt reduzierte sie ihre Öffnungszeiten, um auch mal durchatmen zu können.
Trotz aller Wehmut ist sich die Geschäftsfrau sicher, dass sie zur richtigen Zeit aufhört. „Rund um den Marktplatz hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert, früher war er belebter, es gab mehr Läden und mehr Vielfalt.“
Genaue Pläne für ihren Ruhestand hat Birgit Bockel, die in Schafhausen wohnt, noch nicht. „Das brauche ich auch nicht, weil ich gerne situativ entscheide und mich noch gar nicht festlegen möchte, langweilig wird es mir aber mit Sicherheit nicht werden.“