Der Jagdhundmischling Henri kann schnüffelnd kranke Bäume erkennen. Seine Besitzerin zeigt in Fellbach, wie das funktioniert, und wie komplex das Training ist.
Sobald Henri sein leuchtend orangenes Arbeitsgeschirr angelegt bekommt, scheint sich seine Brust vor Stolz ein wenig zu heben und seine Aufmerksamkeit ist fokussiert. „Wenn er in seinem Suchmodus ist, dann kann er vieles ausblenden“, sagt Solveig Birg über ihren fünfjährigen Begleiter. Henri ist ein Breton Epagneul-Mischling, das ist ein Jagdhundmischling. Auf die Jagd geht Henri regelmäßig. Ziel seiner olfaktorischen Anstrengungen sind aber nicht flüchtende Hasen oder Rehe, sondern kranke Bäume: Henri ist ein ausgebildeter sogenannter Gehölzpathogen-Spürhund.
Seine Besitzerin hat Landschaftsarchitektur sowie Umweltplanung studiert und gilt bei der Fellbacher Stadtverwaltung als Baumexpertin. Zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten gehört die Verkehrssicherheit von Bäumen. Welche der rund 10 000 Fellbacher Stadtbäume sind von Insekten oder Pilzen befallen? Das ist eine der Kernfragen, mit denen sich die 54-Jährige täglich beschäftigt. Weil Bäume nicht nur ihre Profession, sondern eine echte Leidenschaft sind, möchte sie jeden Baum so lange wie möglich erhalten. Zumal vor allem ältere Laubbäume nicht nur das Stadtklima positiv beeinflussen, sondern auch Rückzugsort und Nahrungsquelle für viele Tierarten sind. Das gilt auch, wenn nur noch der Stamm mit wenigen Ästen erhalten bleiben kann, weshalb besonders radikal beschnittene Bäume oft ein erklärendes Schild bekommen.
Drei Kontrolleure der Stadt sichten die Bäume
Grundsätzlich sollten die Bäume aber gesund bleiben, doch Krankheiten oder Schädlinge sind nicht immer leicht zu erkennen. „Wenn ich etwas sehe, dann ist der Befall schon sehr viel fortgeschrittener“, sagt Solveig Birg. Henris feine Nase indes rettet manchem Baum das Leben, weil in einem frühen Krankheitsstadium noch eine Behandlung möglich ist. Im Fellbacher Stadtgebiet stehen etwa 10 000 Bäume. 6000 bis 7000 von ihnen werden jährlich auf ihre Verkehrssicherheit hin untersucht. Dazu gibt es bei der Stadt drei Baumkontrolleure. Bei Schäden oder Krankheiten wird versucht, mit Rückschnitten, Düngergaben oder anderen Maßnahmen, den Baum so lange wie möglich zu erhalten.
Beim Ortstermin auf dem Alten Friedhof in Fellbach – für Solveig Birg ein artenreiches Kleinod der Natur – zeigt Henri seine Fähigkeiten. Seine Besitzerin holt zur Demonstration ein Schraubglas aus der Tasche, in dem sich wiederum ein Glas mit einem getrockneten Stück des Zottigen Schillerporlings befindet. Ein Handschuh schützt dabei vor Geruchsübertragung. Henri darf kurz schnüffeln und macht sich auf die Suche nach genau diesem Pilz. „Wenn ich ihm Birkenporling vorgebe, dann sucht er Birkenporling und keinen Schwefelporling“, sagt Solveig Birg über einen in Fellbach häufiger vorkommenden Schadpilz.
Genauso gut könnte Henri auch nach Drogen oder Trüffeln suchen. Folglich ist von der Hundeführerin hohe Sachkunde gefordert, denn sie muss wissen, an welchem Baum welcher Pilz oder welcher schädliche Käfer vorkommt. „Ich arbeite in einem Netzwerk“, sagt die Baumexpertin, die sich inzwischen auch mit Pilzen bestens auskennt. Vom Kollektiv gibt es Rat und Referenzproben. Rund 30 Gläser mit Geruchsproben stapeln sich in ihrem Büro. Einige Pilze bekommt Solveig Birg von in Fellbach aktiven Baumpflegern, bei geschützten oder invasiven Insektenarten ist die Beschaffung oft schwieriger. Im Fall des gefürchteten Asiatischen Laubholzbockkäfers muss Henri ein Wattebausch genügen, in den der eingeschleppte Schädling kurz eingepackt war.
Seit zwei Jahren trainiert Henri für seine schnuppernde Tätigkeit. Zahlreiche Seminare hat er absolviert, auch mal eines für Trüffelsucher. Unabhängig davon, dass Trüffel in Deutschland als besonders geschützte Art gelten und der Natur nicht entnommen werden dürfen, war für Solveig Birg dabei der botanische Aspekt deutlich wichtiger als der lukullische: „Es ist ein Feld, wo man nie auslernt.“
Jede Übung wird gefilmt
Dieser Satz gilt für beide Enden der Hundeleine, und obwohl Henri eine erste Zertifizierung bestanden hat, lernt er ständig dazu. „Man kann bei der Suche nicht einfach nach Schema F vorgehen, sondern muss im Vorfeld viel Gehirnschmalz investieren“, sagt Solveig Birg, die sich zwecks späteren Erkenntnisgewinns bei der Ausbildung gerne von ihrem Mann filmen lässt. So gilt es Einflüsse von Wind und anderen Umweltfaktoren zu berücksichtigen. Je nach Art wachsen die Fruchtkörper der Pilze auch nicht aus dem Boden, sondern in einiger Höhe.
Henri hat inzwischen den äußeren Rand einer Duftwolke wahrgenommen und legt sich Zeichen gebend hin. Ein aufmunterndes Wort lässt ihn wieder aufspringen, und die Suche geht weiter, denn auf dem Alten Friedhof stehen mehrere Eschen. Bei einem besonders betagten Exemplar beginnt der Vierbeiner zu scharren. Das Ergebnis ist eindeutig: Der grob geschätzt 30 Meter hohe Baum ist vom Zottigen Schillerporling befallen. Ein Specht hat sich bereits in einem starken Ast häuslich eingerichtet, am Stammfuß sind ebenfalls Schäden zu erkennen.
Weil die städtischen Fachleute die Esche schon länger im Blick haben und von dem Baum mit dem hellen Holz erst kürzlich Proben genommen wurden, will Solveig Birg das Untersuchungsergebnis abwarten. Sie hofft, die Esche mit einem Rückschnitt noch für einige Jahre erhalten zu können. Diese Auswirkungen seiner Schnüffelei dürften Henri weniger interessieren. Eher die schmackhafte Belohnung, die er nach jeder Suche bekommt.