Einst galt Stuttgart-Giebel als Brennpunktviertel. Heute wohnen hier auch Besserverdiener. Dass die Mieten nicht explodieren, liegt an der Entstehungsgeschichte des Stadtteils.
Es gibt wohl wenige Menschen, die Stuttgart-Giebel besser kennen als Waltraud Illner. Seit 70 Jahren lebt sie hier. Hier ist sie aufgewachsen, hier wurde sie eingeschult und konfirmiert. Einige der Freunde von damals wohnen noch immer in ihrer Nachbarschaft. Sie sind mit dem Stadtteil älter geworden. Und doch hat sich in den letzten Jahren viel verändert.
Der Stadtteil Giebel entstand vor 70 Jahren aus dem Nichts. Damals herrschte überall in Deutschland Wohnungsnot. In den Städten hatten zahlreiche Menschen durch die massiven Luftangriffe ihre Wohnungen verloren, zudem musste die junge Bundesrepublik 12 Millionen Geflüchtete aus den sogenannten „Ostgebieten“ aufnehmen. Schätzungen zufolge fehlten 1946 in Deutschland 5,5 Millionen Wohnungen. Erst Anfang der 1950er Jahre kam es durch steuerliche Anreize und Zwangsmaßnahmen zu massiven Investitionen in den Wohnungsbau, auch in Stuttgart. 1953 entstand in Weilimdorf die Siedlung Giebel, in der bis 1960 rund 7 000 Menschen ein neues Zuhause fanden.
Illners Eltern dürften zu den ersten Bewohnern gehört haben, als sie 1954 mit ihrer einjährigen Tochter im Gepäck nach Stuttgart kamen. Sie waren Vertriebene aus dem Sudetenland. Eine Wohnung der Flüchtlingsbaugenossenschaft „Neues Heim“ in Giebel ermöglichte ihnen den Neustart. Dass sie sich in Giebel niederließen, stellte sich für ihre Tochter als Glücksfall heraus. „Giebel ist meine Heimat. Weshalb hätte ich weggehen sollen? Wir haben hier alles, was wir brauchen“, sagt sie.
Früher trauten sich die Taxifahrer nicht nach Giebel
Illner schätzt die vielen Grünflächen und die Vielfalt, die das Viertel bis heute auszeichnet. Die Eltern ihrer Spielkameraden kamen aus Donauschwaben, Siebenbürgen oder dem Sudetenland. In den 1960er Jahren zogen im Zuge der Anwerbeabkommen der Bundesrepublik Gastarbeiter aus Italien, Portugal oder der Türkei nach Giebel. „Giebel ist bunt“, betont auch Laura Di Muzio, Koordinatorin des Stadtteil- und Familienzentrums.
Ob es auch manchmal zu Konflikten komme, wenn Menschen mit verschiedenen Traditionen und Gewohnheiten auf engem Raum zusammenlebten? Eigentlich nicht, sagt Christiana Rothaug, die sich ehrenamtlich im Bürgerverein engagiert. Wie die Republikaner hier noch vor zehn Jahren ihr bestes Ergebnis in Stuttgart einfahren konnten, kann sie sich nicht erklären.
Allerdings gab es Zeiten, in denen sich die Taxifahrer weigerten, nach Giebel zu fahren, erinnert sich Illner. Ähnlich wie Stuttgart-Hallschlag war der Stadtteil als Brennpunktviertel berüchtigt. Die Sicherheitslage galt als schlecht, das Zentrum als lieblos, die Wohnblöcke als abgewirtschaftet. Dann nahm die Stadt Giebel in ihr Städtebauförderprogramm auf. 5,8 Millionen Euro steckten Bund, Land und Stadt ab 2007 in die Entwicklung des Stadtteils. Seit 2017 ist das Programm „Soziale Stadt“ abgeschlossen.
Das Giebelhaus ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe
Städtebaulich hat sich das Viertel rasant verändert: Es entstanden Spielplätze, Tischtennisplatten und Blumenbeete. Viele Wohnungen wurden saniert, einige Wohnblöcke ganz abgerissen. Die neuen Wohnungen sind großzügiger geschnitten und heller, teilweise barrierefrei und mit Fußbodenheizung und Aufzug ausgestattet.
Zudem wurden Initiativen ins Leben gerufen, die die Menschen zusammenführen sollten und noch immer florieren: Das Kinder- und Bürgerfest, das tägliche Bürgercafé, der Jazzkeller. Einmal im Jahr lädt die Kirchengemeinde „Salvator“ zum „Fest der Nationen“. „Vor allem das Giebelhaus mit Räumen für Jugendliche und vielen Freizeitangeboten ist eine große Bereicherung für das Stadtteilleben,“ sagt Rothaug.
Giebel auch für junge Menschen attraktiv
Es scheint, als hätten die städtischen Maßnahmen das Image des Stadtteil deutlich verbessert. Seit einigen Jahren beobachtet Rothaug einen Generationenwechsel. Zugezogene hätten oft gute Ausbildungen genossen und verfügten über entsprechende Einkommen. Der „Einkommensatlas“ unserer Redaktion bestätigt den Eindruck: Über 20 Prozent der Haushalte verfügen über mehr als 5 000 Euro im Monat und liegen damit deutlich über dem mittleren Nettoeinkommen, das zeigen Schätzungen des Datendienstleisters infas360.
Von Gentrifizierung könne dennoch keine Rede sein, sagt Illner, die in einer neu gebauten Wohnung der Baugenossenschaft „Neues Heim“ in der Mittenfeldstraße wohnt. Der Großteil der Wohnungen ist seit Entstehung des Stadtteils in den Händen der Genossenschaften SWSG, „Neues Heim“, LBG und Flüwo. Diese achten nach eigener Aussage auf eine ausgewogene Durchmischung, Über- und Unterbelegungen würden vermieden. Mieter von abgerissenen oder sanierten Wohnungen hätten das Recht erhalten, wieder zurück zu ziehen.
Auch wenn die Mieten seit Beginn der Sanierung im Stadtteilschnitt deutlich gestiegen sind – verglichen mit anderen Teilen Stuttgarts sind sie noch moderat. Bei der SWSG liegen sie 20 Prozent unter dem Mittelwert des Mietspiegels der Stadt. Dennoch ist der Mietmarkt angespannt. Auf eine Wohnung kämen rund 150 Bewerber, so Viola Meyer, die bei „Neues Heim“ für Giebel zuständig ist. Um überhaupt eine Chance zu haben müssen Interessenten ein Einkommen nachweisen, das die Warmmiete um das 2,3-fache übersteigt. Nur 44 von 333 Wohneinheiten der Genossenschaft sind Sozialwohnungen, bei der SWSG sind es 88 von 454. „Ich kenne Alleinerziehende, die seit Jahren keine angemessen große Wohnung finden,“ so Di Muzio.
Einkommensatlas
Serie
Mit unserer Serie „Einkommensatlas“ zeigen wir in den kommenden Wochen für alle Stuttgarter Stadtbezirke, wo Gut- und Geringverdiener wohnen – und wie man in der Stadt damit umgeht. Wir zeigen die Daten auf Karten und ordnen sie ein. Auf unserer Themenseite finden Abonnentinnen und Abonnenten die interaktive Karte sowie erste Analysen.
Daten
Die Einkommensschätzung stammt vom Daten- und Marktforschungsunternehmen infas360. Das Rechenverfahren trifft in den meisten Fällen die richtige Einkommensklasse, kann aber auch von der Realität abweichen. Es sagt weniger über einzelne Haushalte aus, sondern vor allem über die Verteilung von Einkommen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mehr zur Methodik erfahren Sie in diesem Artikel.