Nach einem drei Jahre anhaltenden Reallohnverlust ist der Druck von unten immens – da werden die Gewerkschaften noch lange für eine deutliche Stärkung der Kaufkraft kämpfen, meint Matthias Schiermeyer.
Dass die Folgen des Ukraine-Kriegs dieses Land einen Teil des Wohlstands kosten werden, hat sich schon recht früh im vorigen Jahr angedeutet. Was dies bedeutet, zeigt sich nun immer konkreter: Die Preise verharren auf hohem Niveau – die Einkommen können da nicht mithalten. Auch wenn der Staat mit vielen Milliarden Euro besonders betroffenen Gruppen unter die Arme greift, bleibt noch ein massiver Kaufkraftschwund. So wird auch deutlich, dass alle ihren Anteil an diesem Wohlstandsverlust tragen: der Staat, die Wirtschaft, aber auch die Menschen selbst.
Kräftiger Lohnzuwachs in Niedriglohnbranchen
Zum dritten Mal in Folge sind die Reallöhne gesunken: im Schnitt um 4,1 Prozent gegenüber 2021, nachdem sie schon in den Krisenjahren davor geschrumpft waren. Das wirkt noch dramatischer, als es ist: Wenn die großen Tarifabschlüsse von 2022 und 2023 in diesem und nächstem Jahr voll wirksam werden, dürften die Einkommen nicht mehr so immens unter Druck stehen. Zudem gab es voriges Jahr einige Tarifbereiche, in denen die Reallöhne gesichert werden konnten: etwa in klassischen Niedriglohnbranchen wie dem Bäckereihandwerk, dem Gastgewerbe, der Gebäudereinigung oder dem Bewachungsgewerbe, wo sich die massive Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf zwölf Euro pro Stunde in einem entsprechend kräftigen Zuwachs der Tarifvergütungen niederschlug.
Das ist wichtig, weil die davon betroffenen Einkommensgruppen viel stärker unter der Inflation leiden als Gutverdiener. Die Gewerkschaften werden ihre Offensive aber in den nächsten Jahren auf breiter Front fortsetzen, um die Entwicklung wieder umzukehren. Der Rucksack – also der Kaufkraftverlust – dürfe nicht so groß werden, dass die Konflikte an der Basis unbeherrschbar werden, warnen sie. Düster sieht es für die Beschäftigten aus, die keinen solchen Schutz haben. Folglich wird das gesellschaftliche Klima auf Dauer sehr angespannt bleiben.