Die „Kanne“ gibt es seit 1872 in Böblingen. Das Wirtshaus in der Schafgasse ist die letzte Anlaufstelle in der Stadt, wo der schwäbisch-rustikale Charme aus dem 19. Jahrhundert noch zu erleben ist. Nicht nur in den Kochtöpfen.
Vor 150 Jahren hat der Schuhmacher Johann Walker eine Idee, von der bis heute viele Menschen in Böblingen profitieren. In seinem Haus an der Schafgasse möchte er eine kleine Schankstube einrichten. Die Obrigkeit im noch jungen Deutschen Reich hat nichts gegen den Plan des Handwerkers: Am 27. April 1872 gibt’s vom Königlichen Oberamt eine Schankerlaubnis für Bier, Most, Wein und später auch Branntwein. Die Kanne war geboren und Böblingen um die Lokalität reicher, die das längste Durchhaltevermögen aller Wirtshäuser in der Stadt an den Tag legte. Auch 150 Jahre nachdem Johann Walker das erste Bier gezapft hat, bietet die Kanne nahezu unverändertes Gaststätten-Flair in Böblingen.
Wer heute dort durch die Tür tritt und den Kopf unter der niedrigen Decke erst einmal unbewusst eingezogen hat, trifft auf Ursula Russell. Die Wirtin und Kanne-Besitzerin kennt die Gaststätte seit ihrer Geburt und hat 54 Jahre der Wirtshausgeschichte miterlebt. Ihre Eltern hatten das Lokal seit dem Jahr 1965 gepachtet. Ursula, die alle nur „Uschi“ nennen, übernahm nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2010 Zapfhahn und Küche.
Früher wurde ins „Fässle gsaicht“
Gekocht wird in der Kanne erst seit dem Jahr 1919. Damals kaufte Eugen Mendel, ein Sattler aus Cannstatt, die Bierwirtschaft und macht eine Gaststätte daraus. Die außen liegende Kegelbahn verwandelte er in eine Küche, an die Bedürfnisse der Gäste dachte der neue Wirt ebenfalls. „Durch Einrichtung eines einwandfreien Pissoirs und Abortes im Erdgeschoss und eines Damenabortes im ersten Stock wird man dann allen Anforderungen gerecht“, heißt es in einem Schriftstück, das der Böblinger Hobbyhistoriker Hans-Jürgen Sostmann ausgegraben hat. Davor, weiß er, hätten die Gäste wenn’s dringend war, „ins Fässle gsaicht“.
An diesem sonnigen Frühsommermorgen im Jahr 2022 ist der Kanne-Wirtsraum verwaist. Die sechs Tische sind leer, die Sitzbank am Kachelofen wartet vergeblich auf Gastgesäße, die VfB-Helden, die überall an den Rauputzwänden hängen, müssen ohne Publikum auskommen. Die Kanne lebt dennoch. Vor der Tür. Neben dem Eingang stehen Biertische – die Kulisse für den Sommerbetrieb. Dorthin transportiert Uschi Russell heute die Weizenbiere und die Schnapsgläsle im Minutentakt.
Der Sauerkraut-Duft hat die Lufthoheit
Wäre jetzt Winter, hätte längst der Sauerkrautduft die Lufthoheit bis unter die Decke der Wirtsstube eingenommen und Uschi Russell sich in der Küche um Schlachtplatten, Nierle, Kutteln und Fleischkäse gekümmert. „I bin Schwäbin durch und durch“, bekennt sie. Neumodischer Küchenschnick und exotische Speisen werden die Kanne-Pfannen daher nie erleben. Darauf schwört die Chefin. Eine Ausnahme gibt’s nur, wenn der Gatte Hand anlegt, ein küchenbegabter Amerikaner, der bei der US Army in Vaihingen arbeitet. Dann brutzeln ausnahmsweise Spare-Rips im Ofen. Die Variante mit Whisky-Soße hat sich längst erfolgreich in die Produktpalette der Kanne eingeschlichen.
Schwäbisch rustikal und herzhaft geht es nicht nur in den Kochtöpfen zu. Wer in die Kanne geht, hat meist eine Mission: der Treff mit Gleichgesinnten. Die Sänger, die Polizei, die Feuerwehr, die IBMer oder Fußballer nach dem Training – die Holztische werden zum Ort des Austauschs. Alte Böblinger, Neu-Böblinger, Rei’gschmeckte und Ureinwohner treffen sich, als ob es Fernsehen, Facebook und all die anderen Gemeinschaftskiller nie gegeben hätte. „Vor allem donnerstagabends“, erzählt Uschi Russell, „da ist es richtig, richtig voll.“
Wenn der VfB spielt, vibriert die Wirtschaft
Getoppt wird das nur noch von den Samstagen. Wenn der VfB Stuttgart spielt, dann vibriert die Gaststätte. Wer einen Platz haben möchte, muss früh dran und natürlich für die Schwaben-Elf sein. So ist das seit über 50 Jahren in der Kanne. Denn wer in Böblingen für die Stuttgarter fiebert, der tut das in dieser Wirtschaft. Dafür hat Helmut Hahn, Uschi Russells Vater, schon früh gesorgt. Bis zu seinem Tod 2019 war „der Helmut“ das Gesicht der Kanne. Auch wenn er nur Halbtagswirt war. Nach der Arbeit als Koch in der IBM-Kantine gehörte seine ganze Leidenschaft der Kanne – und eben dem VfB.
Daran hat sich mit der Tresenübernahme durch die Tochter nichts geändert. Die Kanne ist weiterhin Mittelpunkt einer großen Familie, der Mix aus Urigkeit, Herzlichkeit, Geradlinigkeit und unaufgesetztem Traditionsbewusstsein auch im 150. Jahr Programm. So soll es auch bleiben. „Ich will nicht, dass alles anders wird“, sagt Uschi Russell. „Ich möchte das alte Flair beibehalten.“ Ein Blick auf alte Fotos beweist, dass sie erfolgreich ist. Im Innern ist die Zeit stehen geblieben. Ein grüner Kunststoff-Fußboden scheint das Einzige, was dem Gastraum irgendwann mal spendiert worden ist.
Für die Seniorin gibt’s Katzen-TV
Die Zeit ist in der Kanne nicht nur viel wert, wenn es um die Rückbesinnung geht. Wer es eilig hat, ist dort fehl am Platz. Der Einfrauenbetrieb duldet keine Ungeduld. „Das wissen die Gäste“, sagt Uschi Russell. Und falls es mal ganz hektisch ist, dann helfen der „Mühlen-Karle“ und der „Bugga“ aus, wenn sie gerade an den Tischen hocken. Improvisation ist alles unter der niedrigen Decke. Dafür möchte Uschi Russell auch keine Wirtin sein, die nur auf den Umsatz schielt. Das Leberkäsweckle vom Metzger um die Ecke als Beilage zum Bier? Kein Problem in der Kanne, sagt Uschi Russell. Und missmutige Blicke wird dort genauso wenig finden, wer am Abend nur ein Bier trinkt. „Man muss nicht immer an sich selber denken“, sagt die gelernte Erzieherin. Und deshalb gibt es von ihr auch mal eine Umarmung oder ein offenes Ohr, wenn Bedarf besteht. „Bei mir findet jeder sein Plätzle“, versichert Uschi Russell.
Ein paar Stühle von ihr entfernt sitzt der Beweis. Eine alte Frau hat sich an diesem Vormittag am Stammtisch niedergelassen, vor ihr steht ein Glas Hefeweizen. Die Seniorin blättert in alten Modeprospekten und blickt immer wieder in den Fernseher, in dem Katzenvideos flimmern. „Sie hört nichts und kommt jeden Morgen hierher“, berichtet Uschi Russell. Neben der Zerstreuung gibt es für die Dame in der Kanne auch Fürsorge. „Ich guck danach, dass sie auch was isst“, sagt Russell.
Und wie lange wird die Kanne noch die Kanne sein? Uschi Russell denkt nach. „Eine Weile möchte ich schon noch schaffen“, sagt sie. Doch wenn ihr Mann in den Ruhestand geht, könnte es vorbei sein mit der Tradition in der Traditionskneipe. Der Lebensabend in Kalifornien ist zumindest eine Überlegung, die die Wirtin umtreibt. Bis dahin werden noch einige Jahre vergehen. Jahre, in denen Uschi Russell noch stolz sein möchte auf ihr „Wirtschäftle“, wie sie die gute alte Kanne liebevoll nennt.
Die ältesten Gaststätten in Böblingen
Bären
Das älteste Lokal Böblingens befindet sich direkt neben dem Bärenkino an der Poststraße. Der Bären wurde 1707 eröffnet und heißt heute „Hendlburg“.
Brauereigaststätte
Die Gaststätte am Postplatz wurde 1823 gemeinsam mit der Schönbuch-Brauerei eröffnet. Heute ist sie der „Platzhirsch“.
Sonne
Die Sonne gibt es seit dem Jahr 1856 in Böblingen. Zunächst befand sie sich bei der ehemaligen Zuckerfabrik an der Berliner Straße. Seit dem Umzug vor vielen Jahrzehnten ist sie an der Oberen Poststraße zu finden. Heute logiert dort die Pizzeria „La Toscana“.
Kanne
Die einzige Böblinger Traditionswirtschaft, die ihrem Namen treu geblieben ist, wurde 1872 in der Schafgasse eröffnet.