Schon als Kind waren Donata Kindesperk Knöpfe nicht geheuer. Foto:  

Donata Kindesperk leidet an einer Phobie gegen Knöpfe. Sie versucht, sich der seltenen Angststörung mit künstlerischen Mitteln zu stellen.

Das ist die Geschichte von Donata Kindesperk, die bereits als Kind eine große Furcht vor einem kleinen Ding überfiel. Es handelte sich um schlichte Knöpfe, wie sie an jedem Kleidungsstück zum Schönsein oder zum Fixieren getragen werden. Was andere Menschen lieben, polieren und wieder annähen, wenn es verloren geht, das jagt ihr seit jeher Angst ein: der Knopf als Solist oder in Reihe genäht, ob zierlich oder voluminös.

 

Wir treffen uns in einem Café in ihrem Wohnort Konstanz unter Kastanien, deren Blätterdach die Kundschaft schirmt. Donata Kindesperk will, dass wir trotz kräftiger Brise draußen bleiben. Dann könne sie ungestört rauchen. Auf dem kleinen Bistrotisch hat sie die nötigen Utensilien zum Selberdrehen aufgebaut – Tabak, Filter, Zigarettenpapier. Die drei Päckchen steckt sie senkrecht in die Ritzen des Tisches, damit der Wind nichts fortträgt an diesem aufgewühlten Tag, der Schaumkronen in die Kaffeetassen bläst.

Kindesperk trägt ein schlichtes schwarzes Oberteil ohne Knöpfe. Beim Drehen der ersten Zigarette erzählt sie von den kleinen Dingern, die fast niemand beachtet und fast jeder benutzt. Die heute 39-Jährige leidet unter Knopfphobie. Sie kann Knöpfe nicht nur nicht ausstehen – sie verursachen ihr seelische Pein bis hin zur Panik. „Ich habe das Gefühl, dass sie unrein sind, schmutzig. Deshalb will ich sie von mir fernhalten“, sagt sie und rollt genüsslich den Tabak ins Papier. Knöpfe wirken auf sie unsauber, sie lösen Angst aus, stören ihren Alltag. Auch wenn sie nur einen herumliegen sieht, beleidigt das ihren Ordnungssinn. „Ein Knopf auf der Straße nervt mich. Er gehört da nicht hin.“ Hinterhältig, ja hinterhältig erscheint ihr der billige Gegenstand, der für die Mehrheit der Menschen einfach belanglos ist.

An Knöpfen kann sich ihr Geist aufhängen

Das Knopfdrama fing in frühen Tagen an. Eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Donata Kindesperk stammt aus einer adligen Familie in Oberfranken. Die Eltern erzogen sie konservativ, sagt sie, sehr konservativ. Bei Besuchen und Außenkontakten sollten die Kinder vor allem eines sein: repräsentativ, brav und still. „Kinder hatten damals nichts zu sagen“, erinnert sie sich. Man steckte das zierliche Kind in ein Kleidchen mit breitem Kragen oder in dekorative Blusen. Was die Eltern nicht wussten, als sie Donata in die hübschen Sachen packten: Die Knöpfe an den Ärmeln, über der Brust und wo auch immer ängstigten das Kind. Am schlimmsten empfand sie Kleider, die am Rücken mit einer entsprechenden Leiste versehen waren. Für sie unsichtbar, aber doch vorhanden. „Das war für mich immer ein Störfaktor, an dem sich der Geist aufhängen kann“, sagt sie.

Sie begann heimlich mit dem Entfernen der abstoßenden Details. Damals fragte sie sich: „Warum tue ich ihnen nicht den Gefallen und mache mich so zurecht, wie sie es möchten? Wenigstens heute mal.“ Sie entwickelte leise ein schlechtes Gewissen. Ihre Mutter drohte dem Kind gar mit der Familienchronik – etwa so: „Was würden deine Vorfahren denken, wenn sie dich so sehen? Sie würden sich im Grabe herumdrehen.“

Solche Stilwelten prägen und brennen. Sie ist froh, dass sie heute nicht mehr diesen Normen gehorchen muss. Das eigene Kaufen und Präparieren von Kleidung ist Teil ihres Lebens geworden. Vieles, was sie auf der Haut trägt, hat sie zuvor genau gemustert und bearbeitet. Kleidung wird zur zweiten Haut, eine Bluse zur Leib- und Seelenwäsche, wenn sie nur umgearbeitet ist.

Ihrer gediegenen Sprache merkt man an: Sie begann früh mit der eigenen Analyse ihrer Befindlichkeiten. Sie versuchte, den Kampf in ihrem Kopf zu verstehen. Sie fasste es in Worte und in Bilder. Früh schon freute sie sich am Kritzeln und Zeichnen. Dieses Talent half ihr, die Phobie zu bannen, und wenn es nur auf dem Papier war. Jede Menge der runden Dinger tauchen in ihren Malblöcken auf. Der Krieg gegen die Knöpfe tobt auch in den selbsttherapeutischen Cartoons. Er wird in den eigenen vier Wänden ausgetragen, am Tischchen, an dem sie malt.

Freilich, sie suchte auch externen Rat. Sie besuchte eine Therapie, in der ihr manche Zusammenhänge klar wurden. Die Koumpounophobie, wie das Phänomen im Fachjargon heißt, beruht auf einer frühen neurotischen Störung. So viel erfuhr sie in den Sitzungen und erwähnt es zwischen zwei Zigarettenzügen. Weitere Schritte lehnte sie ab. Keine Psychotherapie bitte.

Denn sie registrierte umgekehrt, dass sie der Kampf gegen die Knopfwelt unverwechselbar macht. „Wenn ich auf eine Party gehe, kann ich mit diesem Thema immer gut einsteigen. Schließlich ist das Teil meiner speziellen Lebenswelt“, sagt sie. Wer ihr begegnet, dem kann es leicht passieren, dass sie ohne Übergang von Knöpfen, Schließen und Gürteln zu reden beginnt. Das sichert Aufmerksamkeit, schließlich ist ihre Furcht nur bei ganz wenigen Menschen so ausgeprägt. „Das ist ein Luxusproblemchen“, weiß sie. Und bastelt an einer frischen Zigarette.

Leidensgenossen melden sich bei ihr

Im Übrigen ist sie überzeugt, dass viele Menschen etwas Absurdes an sich hätten, das sie pflegen. Ohne dass ein Therapeut konsultiert würde.

Dabei hat diese Frau genug anderes zu tun. Seit zehn Jahren arbeitet sie für die „Tageszeitung“ (taz) in Berlin. Erst als Redakteurin, dann als Akteurin im Social-Media-Bereich der „taz“. Dann kam sie auf ihre alte Leidenschaft zurück und fing mit Illustrationen an. Und wieder greift sie auf ihr altes Thema zurück – ihren persönlichen Feldzug gegen die Knöpfe. Mit feinsten Buntstiften beschreibt sie das Objekt ihrer Abneigung: Knöpfe aller Größen und Formen, aus Metall, Horn, Holz oder Plastik skizziert sie. In ihrer Exaktheit wirken die Cartoons fast besessen. Sie lässt keine Nuance an den harmlosen runden Dingern aus, sie umkreist sie mit dem Stift, gibt Licht, wirft Schatten, damit die Welt nur erkennt, wie garstig die Scheiben sind. Manches Mal wirken die Knöpfe wie fliegende Untertassen oder wie der Unterleib einer ekligen Spinne.

Häufig rückt sie sich selbst ins Bild – als Teenager, der in einem Raum sitzt und bald die Wände hochgeht, um die Knopfwesen zu bekämpfen. Anfangs dachte Kindesperk noch, es handle sich um eine Marotte, die sie sich leiste. Doch dann präsentierte sie ihr Problem auf Instagram und erntete zustimmende Reaktionen. „Hallo, ich leide auch an einer Furcht vor Knöpfen.“ So oder ähnlich schrieben Betroffene zurück.

Dann stieß sie auf einen spannenden Zeitgenossen: Der berühmte Steve Jobs (1955 bis 2011) trug bei seinen Präsentationen stets einen Rollkragenpulli. Oder ein geschlossenes T-Shirt. Donata Kindesperk ging der Sache nach – und entdeckte in dem Apple-Mann einen Leidensgenossen. Jobs war bekennender Knopfphobiker und sprach offen darüber. Sein Rollkragen-Look, den manche für Coolness hielten, war wie eine Escapetaste: Er ekelte sich vor Knöpfen und floh in andere Kleidung. Möglicherweise hat diese seltene Phobie auch die Entwicklung der elektronischen Geräte beeinflusst, an denen Steve Jobs beteiligt war. Die jüngeren kommen ohne Tasten und Knöpfe auf. Die Finger gleiten über ein Display, unter dem die Tasten nur aufgezeichnet sind. Man bedient sie, ohne dass sie da sind. Kindesperk ahnt, dass Jobs mit diesem revolutionären Schritt auch seine Neurose bannte.

Bleibt das spannende Kapitel des Kleiderkaufens. Das Wort „Shopping“ geht Donata nicht über die Lippen. Das Aufsuchen von Läden bedeutet für sie eher einen erzwungenen Gang, bei dem sie permanent mit schreienden Knöpfen in Kontakt kommt. Beim Kauf eines Mantels, zumal eines preisgünstigen, fängt es schon an, sie erzählt: „Es gibt zwar Dufflecoats und Mäntel mit Bindegürtel, aber einen richtig gut sitzenden Mantel ohne Knöpfe finde ich nicht.“

Frische Kleidung wird sofort verschnitten

Andere Ware kauft sie mit dem unvermeidlichen Knopf und schneidert dann um. Kindesperk entfernt die Fremdkörper zu Hause. Das geschieht mit Plastikhandschuhen, damit sie die kleinen Dinger nicht anfassen muss. Die Schere wird sie danach reinigen. Die nunmehr befreite Kleidung wird erst einmal gewaschen, schließlich könnte noch Knopfschmutz daran heften, so klein er auch sein mag. Auch die Optik muss stimmen: Wenn die runden Verschlüsse entfernt sind, hinterlassen sie ein Loch, das zerzaust aussieht. Also näht sie die Knopflöcher zu, die entstehenden Narben deckt sie mit Stickereien ab. Wer sie beobachten könnte, würde diese Handlung kaum verstehen: Frische Kleidung wird sofort verschnitten. Für sie bedeutet das eine verdeckte Therapie. „Ich nenne das Heilen“, sagt sie. Die Fertigteile aus dem Kaufhaus werden am Nähtisch entschärft, wie man eine Bombe entschärft. Dann ist alles gut.

Nur bei der anspruchsvollen Bluse wird es schwierig. Ein Reißverschluss ist nicht möglich, der würde das Ensemble ruinieren. Früher, als sie noch bei einer Bank arbeitete und ein gehobener Dresscode erwartet wurde, wäre sie in einer Bluse immer gut angezogen gewesen – wenn nicht die unleidigen Knöpfe gewesen wären. So sann sie immer auf Auswege und Umwege. Hier die Phobie, dort die Erwartungen an einen firmenpassenden Auftritt. Schmunzelnd erinnert sie sich: „Als ich jünger war, wurde mir oft gesagt: Ein Leben ohne Bluse nicht vorstellbar.“ Doch, das ist es. Als sie später zur „taz“ wechselte, spielte das alles keine Rolle mehr. Wohl auch ein Grund dafür, dass sie sich bei der alternativen Zeitung so wohlfühlt. Auch nachdem sie und ihr Mann nach Konstanz gezogen sind, hält sie dem Blatt die Treue.

Treue versprach sie auch ihrem Mann Jann-Luca vor dem Standesamt. Eine schöne Feier, erinnert sie sich. Jann-Luca trug stolz einen Anzug, der konventionsgerecht mit gemustertem Knopfwerk ausgestattet war. Durch eine Stoffleiste waren sie elegant verdeckt und verborgen.