Bernhard Räuchle in seiner Reithalle in Schwieberdingen. Foto: factum/Weise

Im Schatten der Firma Bosch und umsäumt von viel befahrenen Verkehrsachsen behauptet sich in Schwieberdingen der Reitstall Räuchle – seit einem halben Jahrhundert. Dabei war es eher einem Zufall geschuldet, dass die Räuchles 1969 auf die Rösser setzten.

Schwieberdingen - Als Bernhard Räuchles Großeltern Gottlieb und Johanna Schütt nach der Vertreibung aus dem Donauschwäbischen in Schwieberdingen Fuß fassten, war um ihre kleine Landwirtschaft herum nichts – außer fruchtbarem Boden. Wer den Hof heute ansteuert, muss ihn erst einmal finden. Links und rechts haben sich Häuser und Betriebe angesiedelt. Mächtig und zum Greifen nahe ragen im Norden die Bosch-Bauten in die Höhe. In Sicht- und Hörweite rauscht der Verkehr auf der Verbindungsstraße zwischen A 81 und B 10. „Ballungsraum halt“, sagt Bernhard Räuchle. „Groß ausreiten kann man nicht mehr. Dazu sind wir inzwischen zu zugebaut.“

Mit Pony Benny fing es an

Resignativ sagt der 55-Jährige das nicht, er hat auch keinen Grund dazu. Im Gegenteil: Am 2. März um 16 Uhr gibt es etwas zu feiern bei ihm. Was seine Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg als Landwirtschaft begannen, modelten seine Eltern Manfred und Johanna Räuchle später zum Reiterhof um. Er war einer der ersten Reiterhöfe weit und breit, Eröffnung war Anfang März 1969. „Reithallen gab’s damals in der Gegend kaum, nur die größeren Städte wie Leonberg, Ludwigsburg oder Bietigheim-Bissingen hatten welche“, erzählt Bernhard Räuchle. „Mein Vater war seiner Zeit damals weit voraus. Er hat sozusagen eine Marktlücke entdeckt.“

Dabei war der Reitbetrieb, der nun das halbe Jahrhundert voll hat, eigentlich ein Zufallsprodukt. „Meine Schwester wollte als Kind ein Pferd“, erinnert sich Bernhard Räuchle. Sie bekam den Wunsch erfüllt. Von Pony Benny war nicht nur die stolze Besitzerin hingerissen, sondern auch ihre Freundinnen. Irgendwann bot der Vater Ponyreiten an, machte Lehrgänge im Landesgestüt Marbach, schaffte weitere Pferde an und begann, Reitunterricht zu geben.

„Damals gab’s noch keine Standardmaße“

Immer mehr Pferdebegeisterte zog es zum Räuchle-Hof, auch viele Erwachsene. Ihre Runden drehten sie damals im „Reithaus“, einer ausgebauten Scheuer, die es heute nicht mehr gibt – keiner würde auf so engem Radius heute noch Reitstunden nehmen wollen. „Aber damals gab’s noch keine Standardmaße. Und besser ist man auf wenig Raum geritten als draußen im Regen“, so Räuchle. 1973 war die erste Reithalle fertig, 1989 die zweite. In jenem Jahr übernahm er auch den Betrieb. Als kleiner Junge konnte er der Reiterei zwar nicht sonderlich viel abgewinnen, doch als Jugendlicher startete er durch – vor allem als Springreiter. Später machte er eine Ausbildung als Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten. „Wenn ich da hoch zu Bosch gegangen wäre“, meint er lachend mit einem Blick gen Norden, „wie manche meiner Schulkameraden, hätte ich’s vielleicht manchmal leichter gehabt.“

Immer weitere Wege für Heu und Stroh

Der Wandel der Zeiten manifestiert sich längst nicht nur in der räumlichen Einschränkung. Pferde kann man heute online über E-Horses suchen und kaufen. Versorgungs- und Futtermaterialien kommen nicht mehr automatisch von den Feldern vor der Haustür. Das Strohgäu heißt zwar so, aber der Getreideanbau schrumpft: „Wir pressen 12 000 Ballen Stroh pro Jahr selbst, ich kaufe das Stroh von Bauern aus der Gegend. Wenn 30 Prozent der Anbauflächen mittlerweile für Energiepflanzen genutzt werden, die in Biogasanlagen landen, heißt das für mich, dass ich immer weitere Wege zurücklegen muss, also mehr Zeit und mehr Sprit brauche“, erklärt er.

Auch das Heu wird teurer: Die Menge, die Bernhard Räuchle in Eigenproduktion herstellt, reicht für einen Monat, für die restlichen elf Monate im Jahr muss er es zukaufen. „Ein Landwirt aus Mühlacker macht allein 200 Ballen für uns. Aber wenn ich Pech habe, muss ich Heu vom Bodensee kaufen und Hafer aus Frankreich.“ Kosten, die er auf seine Kunden umlegen muss.

Einstellungsmerkmal für die vierbeinigen Mitarbeiter: Umgänglichkeit

Einen treuen Stamm an Reitern hat er dennoch. Mancher ist schon seit 40 Jahren dabei. „Klar wechseln die Leute auch mal, das ist auch in Ordnung. Es passt nicht für jeden bei uns“, sagt er. Aber die meisten schätzten die familiäre Atmosphäre. Auch in seinem Team zählt Kontinuität. „Dass wir ein meistergeführter Betrieb mit qualifiziertem Personalsind, unterscheidet uns von manchen anderen“, sagt Räuchle. Seine beiden langjährigen Pferdewirtinnen hat er selbst ausgebildet. Drei weitere junge Frauen lernen derzeit bei ihm. 20 Pferde und Ponys nennt er sein Eigen, 20 weitere haben Privatbesitzer bei ihm einquartiert. Das für den Chef wichtigste Einstellungsmerkmal, zumindest für seine eigenen Vierbeiner: Umgänglichkeit.

Heute frönen 250 Reitbegeisterte ihr Hobby bei ihm, 160 sind im Reitverein, der sich 1979 auf dem Hof gründete – ambitioniertere Reiter, die bei Turnieren starten wollen, müssen über Vereine gemeldet werden. Auch selbst richtete der Verein bis 2014 große Reitturniere aus, heute fehlen die Sponsoren. „Der Großteil unserer Kunden sind aber Freizeitreiter“, sagt Räuchle.

„Wenn du so eine Anlage führst, ist das dein Leben“

Ein stylisher Reitschuppen ist sein Hof nicht: An der alten Reithalle nagt der Zahn der Zeit, manches Mauerwerk hat sein Vater, der mit seiner Frau mittlerweile in Spanien lebt, höchstpersönlich gesetzt. Bernhard Räuchles Töchter, obschon pferdeaffin, hat es ins Lehramt und in die Juristerei gezogen. „Wenn du so eine Anlage führst, ist das dein Leben, dann hast du eine Sechseinhalb-Tage-Woche“, sagt er. Was einmal aus dem Hof wird? Wer weiß. „Jetzt mach ich erst mal noch zehn, 15 Jahre weiter, das ist mit meinen Mitarbeitern besprochen“, meint er. Seine Kinder, Frauen und Männer hoch zu Ross dürften es ihm danken.

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