Chacko Nadakkaviliyil ist aus Indien nach Deutschland gekommen, um hier als katholischer Pfarrer zu arbeiten.
Die ganze Predigt hat er Wort für Wort aufgeschrieben, enge Buchstabenreihen auf weißes Papier getippt. Aus der Kirche dringt bereits das Rosenkranzmurmeln in die Sakristei. Pfarrer Chacko steckt in einem grellgrünen Priestergewand, nur sein Kopf mit Hornbrille und ein Paar schwere Schuhe lugen heraus. In den Händen hält er die Papierbögen mit den Worten, die er an diesem Abend verlesen wird. Ein letzter Blick auf den ersten Satz, ein letzter Blick in den Spiegel, ob das schwarze Haar gut sitzt, dann tritt Pfarrer Chacko durch die Holztür ins Kirchenschiff.
„Amen“ hallt es von der Kanzel, ein dünnes Amen kommt von unten zurück. Langsam und betont hat Pfarrer Chacko die so sorgfältig vorbereiteten Sätze gesprochen. Fast ohne Fehler, nur zweimal hat er sich verhaspelt. 15 Besucher, mehr sind es an diesem Dienstagabend nicht. Es lauschen ein paar Gläubige aus fast leeren Reihen.
Schon zum zweiten Mal in seinem Leben arbeitet Chacko Nadakkaviliyil, 47, aus Indien in einer deutschen Gemeinde. Pfarrer Chacko nennen sie ihn – Jakob auf Deutsch. Seinen Nachnamen kann in Nusplingen niemand aussprechen. Er hingegen spricht die Namen seiner Pfarreien fehlerfrei aus. Seit acht Monaten ist er nun schon Seelsorger für die Gemeinden Nusplingen, Obernheim und Oberdigisheim im Zollernalbkreis. In diesem Monat verlässt Pfarrer Josef Kaniyodickal, der ebenfalls aus Indien stammt, die Gemeinde Meßstetten und kehrt in sein Heimatland zurück. Dann soll Pfarrer Chacko auch dort einspringen.
Gottes Land am Südzipfel Indiens
Der katholischen Kirche in Deutschland gehen Gläubige und Geistliche aus. Auch die Skandale um Missbrauchsfälle und die andauernde Diskussion über die Weihe von Frauen führten zu einer Entfremdung vieler Katholiken von ihrer Kirche. Und die Priester werden immer weniger.
Seit vielen Jahrzehnten findet bereits ein Austausch zwischen deutschen und internationalen Diözesen statt, der beiden Seiten dient. Jetzt ist die katholische Kirche in Deutschland dringender denn je auf die Gastpriester angewiesen. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart arbeiten 600 aktive Priester. Ein Drittel davon stammt mittlerweile aus dem Ausland. Kann die Berufung von Priestern wie Chacko Nadakkaviliyil die Probleme lösen?
Nach dem Gottesdienst, in seinem schlichten Büro im Pfarrhaus, erzählt Pfarrer Chacko vom Paradies. Es liegt in einem schmalen Streifen Land ganz am Zipfel Indiens, in dem Bundesstaat Kerala, aus dem er stammt. „God’s own country“ – Gottes Land – nennen sie es. Dort, wo Kokosnusspalmen üppig die Küste zieren und die Sonne heiß auf den Boden brennt, seien die Gemeinden anders, sagt Pfarrer Chacko. Und dort seien die Kirchen noch voll.
Im Süden Indiens leben viele Katholiken. Der christliche Glaube hat dort eine 2000 Jahre alte Tradition, obwohl im Rest des Landes mehr als 80 Prozent der Bevölkerung Hinduisten sind.
Auf den hölzernen Kirchenbänken Platz zu nehmen bedeute in Indien, man ist alt. Kleinkinder, Jugendliche, Mütter, Väter, Großfamilien drängen sich vor dem Altar zusammen, stehen dicht an dicht in den Gängen und im Vorraum. In Deutschland hat das Pfarrbüro Öffnungszeiten. In Nusplingen stehen sie in ein Täfelchen graviert auf der Eingangstür zum Pfarramt. Geöffnet: Dienstag vormittags, Donnerstag nachmittags. In Kerala hat das Pfarramt immer offen. Dort, sagt Pfarrer Chacko, gibt es keine Arbeitszeiten. Priester ist man rund um die Uhr.
Alle drei Monate ging Chacko in Kerala von Tür zu Tür. Viermal im Jahr besuchte er jede Familie in seiner Gemeinde. Am Computer in seinem Pfarrbüro legte er in einer Datenbank eine Kartei der Gläubigen an. Pflegte Fotos ein, vermerkte Alter, Anzahl der Kinder und ihre Klassenstufe, Namen, Geburts- und Hochzeitstage. Eine Kurzbiografie jedes Gemeindemitglieds.
Lehrjahre in Innsbruck
Gemeinsam mit der Familie saß Pfarrer Chacko dann um den Küchentisch, der immer mit reichlich Essen gedeckt war. Fragte, was er zuvor in der Kartei nachgelesen hatte: Hat die Tochter die Schule geschafft? Wie ist es dem Sohn bei der letzten Prüfung ergangen? Ist der Vater wieder gesund? Fragte und lauschte. Segnete das Haus und die Kranken, die in ihm lebten, bevor er wieder über die Schwelle trat. „Wir kennen alle in der Gemeinde in Indien“, sagt Pfarrer Chacko, „wir wissen alles.“ Ein erfüllendes Priesterdasein.
Im Winter 2006 zog er für vier Jahre nach Innsbruck, um seinen Doktor in Philosophie zu absolvieren. Die Priesterausbildung in Indien dauert elf Jahre, sechs davon verbringen die Seminaristen an der Universität, um Philosophie und Theologie zu studieren. Österreich empfing Chacko Nadakkaviliyil mit Kälte und trostloser Dunkelheit. Alles war anders. Im Supermarkt, den er am Morgen nach seiner Ankunft aufsuchte, griff er versehentlich nach einer Konserve mit Tomatensoße, weil in Kerala so saure Gurken verpackt sind. Chacko Nadakkaviliyil kaufte Reis, das Einzige, was ihm bekannt vorkam. Es gab viel Reis in der ersten Zeit.
Doch er lebte sich schnell ein. Unter der Woche lernte er Deutsch, bis er es fließend konnte. An den Wochenenden predigte er in Gemeinden rund um Innsbruck. Drei Stunden saß Pfarrer Chacko damals für seine ersten Predigten auf Deutsch am Schreibtisch. Mit einem Wörterbuch brütete er über der deutschen Bibel. Versuchte, Wort für Wort zu übersetzen aus der Heiligen Schrift – Malayalam zu Deutsch, Deutsch zu Malayalam. Das Wort Gottes, das er verkündete, sollte grammatikalisch korrekt sein.
Manchmal, wenn Pfarrer Chacko eine sehr wichtige Predigt hält, diktiert er sie noch heute vorher als Sprachnachricht in sein Smartphone und schickt sie einem Freund, der ihm jeden kleinsten Fehler korrigiert. Bei Trauungen oder Beerdigungen muss jedes Wort ganz genau passen.
Im Juli 2010 bewarb er sich zum ersten Mal als Pfarrer bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart, anstatt nach Abschluss seines Doktors zurück nach Indien zu fliegen. Lange warten musste er nicht. Sofort war ein Platz frei, und er bekam die Pfarreien in Schemmerhofen und Attenweiler zugeteilt, zwei Gemeinden in der Nähe von Biberach.
Dass er bereits Deutsch sprach, war ein Vorteil. Der oberschwäbische Dialekt, den man in dieser Region pflegt, hatte rein gar nichts mit dem Hochdeutsch zu tun, das er in Innsbruck gelernt hatte. Nun saß er im Wohnzimmer eines 85-Jährigen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren – und verstand kein Wort. Pfarrer Chacko lernte die Feinheiten kennen, die das Priestersein in Deutschland ausmachen. Vor allem lernte Pfarrer Chacko anzurufen, bevor er zu Besuch kam. Und seine Predigten an die sozialen Umstände der Gemeinde anzupassen.
In Deutschland ist er vorsichtiger mit Nähe
Wenn er in Indien von der Kanzel von Nächstenliebe sprach, rief er die Besucher des Gottesdienstes auf, Bedürftigen ein Dach über dem Kopf oder eine Mahlzeit zu spenden. In Deutschland heißt Nächstenliebe: Einsamkeit zu bekämpfen. Alte zu besuchen, die alleine wohnen, ohne Familie. Mit den Händen in der Luft ahmt Pfarrer Chacko eine Umarmung nach. Gerne würde er Gemeindemitglieder manchmal so an sich drücken, wie er es in Indien häufig tat. In Deutschland sei er aber lieber vorsichtiger. Nähe und Distanz, hier bedeuten sie etwas anderes. Trotzdem fühle er sich hier wohl. „Zuhören und anpassen, das können Seelsorger“, sagt Pfarrer Chacko, „dazu sind wir ausgebildet.“
Aus Indien, Ghana, dem Kongo, Tansania und Polen kommen sie nach Deutschland. Ein Deal für beide Seiten: Die Priester lernen Deutsch und eine neue Kultur kennen. Das höhere Gehalt, das sie hier verdienen, wird an die Diözesen in der Heimat geschickt, die damit soziale Projekte finanzieren. Für die deutschen Diözesen sind die Gastpfarrer ein Rettungsring, um den Priestermangel auszugleichen und auch kleinen Gemeinden den Katechismus zu ermöglichen.
Doch nicht allen fällt der Anfang so leicht wie Pfarrer Chacko. Die Diözese Rottenburg- Stuttgart hat deshalb einen zweijährigen Crashkurs zum Priestersein entwickelt, der die Gastpfarrer in all dem unterrichtet, was sich Pfarrer Chacko selbst beibrachte. Dazu gehören zehn Monate Sprachkurs, Fahrstunden, dazu Fachvokabular für die Seelsorge und Rollenspiele, in denen Trauer- und Taufgespräche erprobt werden. Viele Priester müssen erst einmal sensibilisiert werden für die kritische Haltung der Katholiken in Deutschland. Sie stammen aus Ländern, in denen die katholische Kirche noch nicht erschüttert ist von Skandalen. Die Kirchenverdrossenheit hierzulande ist für viele ausländische Pfarrer ein Kulturschock.
Pfarrer Chacko stört das nicht weiter. „Menschen haben Erfahrungen gemacht, deshalb fragen sie“, sagt er. Als Seelsorger sei es seine Aufgabe, für sie da zu sein. Auch und gerade für die Zweifler.