„Wir hatten nie einen Corona-Fall“: Heimleiterin Edith Klup Foto: Christoph/Link

Bleibt es bei der Impfpflicht in Baden-Württemberg, stürzt das Heim Waldblick in Radolfzell in Not. 20 Prozent des Personals ist geimpft. Die Betreiberin des Pflegeheims erklärt bei einem Rundgang die Situation.

Radolfzell - Anfeindungen? Nein, sagt Edith Klup, Betreiberin des Pflegeheims Waldblick im 1400-Einwohner-Ortsteil Stahringen von Radolfzell im Kreis Konstanz, Anfeindungen habe es keine gegeben, seit der „Südkurier“ vor zwei Wochen über die magere Impfquote in ihrem Heim berichtet hat. „Wieso denn auch, wenn man die Wahrheit ausspricht?“

 

Das Pflegeheim betreut 45 psychisch Kranke mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren, die es in einer Wohngruppe nicht aushalten könnten, und es hat ein besonderes Merkmal: Von den 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind sechs geimpft und von denen zwei vollständig. Das entspricht – nach günstigster Lesart – einer Impfquote von 20 Prozent und unterbietet sogar die Verhältnisse im Freistaat Sachsen, wo die Impfrate beim Pflegepersonal bei 66 Prozent liegen soll, in einigen Landkreisen unter 50.

Man kann keinen Mitarbeiter entbehren

Vom 15. März an sind bestimmte Einrichtungen wie Heime, Krankenhäuser und Arztpraxen – überall, wo schutzbedürftige Personen versorgt werden – dazu verpflichtet, ungeimpfte Mitarbeiter dem Gesundheitsamt zu melden. Dieses kann eine Frist setzen, anhören, beraten, Atteste prüfen und ein Betretungs- und Beschäftigungsverbot aussprechen. Wie im Blindflug steuert das „Waldblick“ auf dieses Datum zu. Wird es schließen? „Das könnte tragisch werden“, sagt Edith Klup. Sie könne keinen einzigen Mitarbeiter entbehren, man sei im Schichtdienst auf Kante genäht.

Dafür, dass die Impfrate so niedrig ist, hat sie eine simple Erklärung. „Es ist eine individuelle Entscheidung. Die meisten haben das Gefühl, dass sie die Impfung nicht brauchen.“ Im Übrigen habe man in den zwei Jahren der Pandemie „keinen einzigen Coronafall“ gehabt und viel von den Nebenwirkungen der Impfung gehört. Das Personal werde täglich getestet, von den Bewohnern seien bis auf sechs alle geimpft und geboostert.

„Setzen Sie sich wieder hin, Herr W.“

Der Rundgang führt durch ein mit Blumen und antiken Möbeln ausgestattetes Haus. Im Aufenthaltsraum sitzen ein halbes Dutzend Bewohner, ein älterer Mann springt plötzlich auf. Edith Klup beruhigt ihn: „Setzen Sie sich wieder hin, Herr W.“ Langzeitpatienten seien etwas scheu, sagt sie. Das Heim nennt sich selbst eine „Oase der umsorgten Geborgenheit“.

Ein Gefühl von Ungerechtigkeit

Aber wie geht es „ungeimpft“ nun weiter? „Ich mache die Auflistung der ungeimpften Mitarbeiter fertig für das Landratsamt“, sagt Edith Klup. „Danach warte ich ab, was passiert.“ Sie empfinde es als ungerecht, dass mit der einrichtungsbezogenen Impfpflicht eine Berufsgruppe „abgespalten“ werde.

Kopfschütteln in der Gesundheitsszene

Der Fall des Heimes Waldblick wird in der Gesundheitsszene von Konstanz mit Kopfschütteln registriert, offiziell kommentieren will die Impfquote allerdings niemand. Das Heim habe aber keine Auffälligkeiten, heißt es bei der Stadt Radolfzell.

Das Landratsamt als Heimaufsicht äußert sich wortkarg mit Hinweis auf den Datenschutz: Natürlich habe das Gesundheitsamt allen Einrichtungen Informationen über das Impfen weitergereicht. „Unterstützung zur Aufklärung wurde durch die Einrichtung zu keiner Zeit angefordert“, teilt eine Sprecherin mit. Und wenn das Heim schließen muss? Das Landratsamt verweist auf einen Paragrafen im Wohn-, Teilhabe und Pflegegesetz: Eine Einstellung des Betriebes müsse dem Amt angezeigt werden, und „die Unterkunft und Betreuung der Bewohner und die geplante ordnungsgemäße Abwicklung der Vertragsverhältnisse mit den Bewohnern“ seien nachzuweisen.

Hoffnung wegen eines Briefes aus Stuttgart

Edith Klup hat die Hoffnung, dass es so weit nicht kommen wird, und die beruht auf einer Passage in einem Brief des Landessozialministeriums an alle Einrichtungen. Darin heißt es, dass der Bundesgesetzgeber den Gesundheitsämtern ein Ermessen bei ihren Entscheidungen einräume, und dabei werde „auch der Wahrung und Erhaltung der Funktionsfähigkeit der betreffenenden Einrichtungen und Unternehmen Bedeutung zuzumessen sein“. Aber wie genau die Entscheidungskriterien für die Gesundheitsämter aussehen, steht noch gar nicht fest. Das Ministerium arbeitet derzeit an „Handreichungen“ für die Ämter.

Für viele Einrichtungen werden sie über ihre Existenz entscheiden. „Es ist schwierig zu erklären, warum Personal geimpft sein muss, aber Besucher sowie Patienten und Bewohner in Kliniken und Pflegeheimen nicht“, erklärt Matthias Einwag, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft in Baden-Württemberg. Andreas Hoffmann, Geschäftsführer der Caritas im Kreis Konstanz, sieht die Dinge ähnlich. Er sei sehr fürs Impfen, aber dass Pflegekräfte einseitig Opfer bringen müssten, sei nicht gerechtfertigt.

Der Interessenverband fordert Notfallpläne

Laut Landratsamt sind im Kreis Konstanz 82 Prozent der Pflegekräfte geimpft – das liegt unter der vom SWR erhobenen Landesquote von 85,5 Prozent bei den 100 000 Pflegekräften im Südwesten. Aber selbst in Einrichtungen mit hoher Impfquote könnte der Dienst rasch zusammenbrechen, wenn nur wenige Ungeimpfte ausfielen, so Hoffmann.

Überdies beschleicht ihn ein ungutes Gefühl der Ungerechtigkeit: Ein Haus mit niedriger Impfquote – etwa das „Waldblick“ – könnte vom Gesundheitsamt Ausnahmen erhalten, um den Fortbestand zu retten. Ein Heim, das auf eine hohe Impfrate gedrungen hatte, könnte hingegen von Jobverboten getroffen werden, auch wenn es wenige sind. Die Leiterin einer Einrichtung mit 100 Betten und guter Impfrate habe ihm gesagt, der Gedanke, dass man ihr eventuell zwei ungeimpfte examinierte Krankenschwestern wegnehme und ungeimpfte Heime ohne Abstriche davonkämen, mache sie „wahnsinnig“.