Leonardo D’Onofrio hat gut lachen: Neben der Kultkneipe Adler betreibt die Gastronomenfamilie in Eislingen auch das schicke Restaurant Marstall am Schlosspark. Foto: Horst Rudel

Wegen eines Zweirads reiste Leonardo D’Onofrio einst nach Eislingen – und blieb bis heute, der Liebe wegen. Der beliebte Gastronom und seine Familie erinnern sich.

Eislingen - Eigentlich wollte Leonardo D’Onofrio nur das Geld für ein neues Motorrad, eine Moto Morini 175, verdienen, als er 1962 zum ersten Mal nach Eislingen zu seinem Bruder Rocco kam. Dass die schwäbische Kleinstadt seine zweite Heimat werden sollte, ahnte der damals 20-Jährige zunächst nicht. Doch dann begegnete ihm Rita Bruno – und das Glück in der Körnerstraße, dem Little Italy von Eislingen, nahm seinen Lauf. Einblicke in seine Lebensgeschichte gewährte der beliebte Gastronom jetzt im Rahmen der Eislinger Wochen der Vielfalt.

Der Adler wurde zur Heimat der italienischen Großfamilie

„Jetzt erzähl mal Papa, wie das damals war“, fordert Maria Grazia Bruno den 75-Jährigen immer wieder auf. Im Adler Musik Pub, das sich unter den D’Onofrios seit 1981 zur Stammkneipe von Vereinen, Lokalpolitikern und Künstlern gemausert hat, haben sich alte Freunde, Gäste und natürlich die Familienmitglieder eingefunden, um mit Leonardo D’Onofrio zurückzublicken. Auf die Zeit, als Maria Grazia und ihr Bruder Salvatore als Kinder ihre Hausaufgaben in der Gaststube der früheren Brauerei-Schankwirtschaft erledigten und der Adler zur Heimat der Großfamilie D’Onofrio-Bruno wurde.

„I hab wegen dem Motorrad glei mal Probleme mit der deutschen Polizei gekriegt“, erinnert sich der Senior an die Rückkehr. Schon 1963 reiste er mangels Arbeit im Heimatort in der süditalienischen Region Basilicata erneut nach Eislingen. „Ja, was war denn los?, fragt die Runde unisono und bricht in schallendes Gelächter aus, als D’Onofrio trocken ergänzt: „Ich hatte doch keinen Führerschein.“ Den habe er dann nachgeholt und sich das Geld dafür bei der Papierfabrik Fleischer als Springer, Maschinenführer und als Vorarbeiter verdient. Wie viele der damals als Gastarbeiter titulierten Einwanderer aus Italien lebte auch D’Onofrio in einer Werkswohnung in der Körnerstraße.

Ehefrau Rita Bruno hält das Heft fest in der Hand

Und damals waren die Sitten noch rauer, da habe sich die Jugend viel geschlägert, erinnert sich der SPD-Gemeinderat Peter Ritz, der dem Freund im Eislinger Stadtbuch ein Kapitel gewidmet hat. Das sei normal gewesen, nicht nur wegen der Zuwanderer. Sicher, manchmal seien auch Schimpfworte wie „Spaghettifresser“ gefallen, zitiert Ritz.

Doch davon will an diesem Abend niemand was hören; die D’Onofrios sind dazu viel zu versöhnlich gestimmt: „Uns geht es hier gut, ich habe keine Probleme“, lobt Ehefrau Rita das Zusammenleben, während Tochter Maria Grazia alles mit dem Handy filmt. Mama Rita Bruno hält als Familienoberhaupt das Heft traditionell fest in der Hand. „Wegen was schämst du dich, wir sind fast 50 Jahre verheiratet“, stupst sie ihren Ehemann im nächsten Moment neckend in die Seite. Doch der will mit der Sprache nicht so recht rausrücken, als Tochter Maria Grazia fragt, wo sich das junge Paar zum ersten Mal geküsste habe.

Selbst ins Kino konnte das junge Paar nie ohne Aufsicht

„Das war im Treppenhaus, bei der Kehrwoche“ lautet die Antwort. „Ich durfte ja nicht in die Wohnung zu Rita“, beschwert sich D’Onofrio rückblickend. Und jeder Kinobesuch war wie eine Verabredung mit der ganzen Familie, erinnert sich Rita lachend, die mit sechs Schwestern und sieben Brüdern in Eislingen aufwuchs.

Heute zählt die Großfamilie D’Onofrio-Bruno 100 Mitglieder und stellt fast zehn Prozent der italienischstämmigen Einwohnerschaft in der Stadt, von der viele zwei Pässe zu Hause liegen haben. „Bei meinen Kindern ist das auch so“, bestätigt Maria Grazia, die in die Fußstapfen der Eltern getreten ist und mit Ehemann Enzo das schicke Restaurant Marstall in Eislingen führt. Sogar Bruder Salvatore, der einen metallverarbeitenden Betrieb leitet, betätigt sich nach Feierabend als Wirt und hält mit Ehefrau Tina die Kultkneipe Adler am Laufen.

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