Die letzten Tage in der alten Küche: Josefine und Eugen Schosser Foto: /Andreas Reiner

Ein ganzes Leben in diesen vier Wänden: Nach mehr als 50 Jahren im eigenen Haus zieht ein Ehepaar aus Oberschwaben ins betreute Wohnen.

Josefine macht mit Eiern überbackene Nudeln. Schon an der Haustür riecht es danach. An diesem Vormittag ist der Georg da, sein Sohn hat das Haus gekauft. Georg kommt öfters rüber zu Eugen, dann trinken die beiden gemütlich ein Falkenfelser Pilsener, wie früher als sie noch Arbeitskollegen waren. Georg erinnert sich an die Maurer-Tage: „Um Neune des erschde Bier.“ Sie haben an diesem Morgen den Herd ausgebaut, ein Fall fürs Alteisen. Der Rest der Küche bleibt hier, die nehmen sie nicht mit. Sie haben schon eine neue gekauft beim Grell in Fischbach.

 

Vom Wohnzimmer nehmen sie den Sessel mit und das kleine Sofa und den Fernseher. Das Schlafzimmer und das Esszimmer kommen komplett mit – außer die Kommode, sie müssen mit dem Platz haushalten. Die Kerzenständer hat sich eine der Töchter ausgesucht. Die guten Weingläser sollten auch mit. Und die Gartenmöbel, der Sonnenschirm für den Balkon. Das ganze Weihnachtszeug wird entsorgt. „Man muss auch mal Ballast abwerfen“, sagt Josefine.

Die Küchenwand ist eine einzige Tapete aus Familienfotos. Das große Schöne wurde extra beim Fotografen gemacht. Sie haben drei Töchter, drei Enkel und schon drei Urenkel. Josefine nimmt alle Fotos mit. „Mal sehen, wie viele ich dort aufhängen kann.“

Ein Leben im Zwischenzustand

Die 79-jährige Josefine und der 85-jährige Eugen Schosser ziehen acht Kilometer weiter ins betreute Wohnen. Die Urkunden vom Notar liegen auf dem Wohnzimmerbord. Seit alles besiegelt ist, leben sie in einem Zwischenzustand. Mit jedem Tag rückt der Abschied näher. Mehr als 50 Jahre in Bellamont gehen zu Ende. Ein ganzes Leben, wenn man so will. Biberacher Straße 1, 88416 Ochsenhausen wird ihre letzte Adresse. Selbst wenn sie ernsthaft erkranken, müssen sie nur einen Stock tiefer ins Pflegeheim ziehen. Eugen Schosser nimmt täglich acht Tabletten, Josefine Schosser hat jetzt erst ein neues Kniegelenk bekommen. Aber Hilfe brauchen sie noch keine.

Im oberschwäbischen Bellamont, einem 600-Einwohner-Dorf, spielte sich ihr gemeinsames Leben ab. Hier sind die Kinder groß geworden. Andrea, die nach Ulm gezogen ist, Martina und Birgit, die mit ihren Familien in Ochsenhausen leben. In der örtlichen Kirche feierten sie Kommunion. Hier sind die Nachbarskinder zum Spielen ein- und ausgegangen. Das waren Zeiten, da war noch Remmidemmi. Auch als die Kinder zu Teenagern heranwuchsen, war hier ständig Highlife. Hier feierten die Schossers Goldene Hochzeit. Bis zum 70. waren die Geburtstage immer Großkampftage. „Mit Vorbereitungen und Aufräumen drei Tage Arbeit“, sagt Josefine. Danach haben sie nur noch im Kleinen gefeiert. So kehrte allmählich Ruhe ein.

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Sie kommt aus Duisburg. Im Krieg, da war sie noch ein Baby, wurde Josefine mit der Mutter und den Geschwistern nach Bellamont evakuiert. Als sie 21 war, machten die Eltern mit ihr Urlaub in Bellamont, der Erinnerung wegen. Im Café Waldblick setzte sich Josefine an den Stammtisch, machte Scherze. Alle lachten, nur er nicht. Sie fragte ihn: „Können Sie eigentlich auch lachen?“ So fing es an. Er gefiel ihr sehr. „Ich war der Schönste und Reichste im Ort“, sagt Eugen Schosser.

Er war Maurer. Bauer wie sein Vater, wollte er nicht werden: „Zehn Kühe – zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.“ Eugen Schosser fing mit 15 eine Lehre beim Bellamonter Maurer an. Später wechselte er zu einer Baufirma nach Biberach. Zehn Jahre war er auf Montage und kam dabei weit herum – Stuttgart, Heidelberg, Kaiserslautern.

Ihr Vater war selbstständig mit einer Verkaufshalle für Obst, Gemüse, Lebensmittel. Dann kamen die Discounter, und es war aus mit der Halle. Josefine lernte Buchhalterin, fand Arbeit bei einer Firma im Duisburger Hafen. Er besuchte sie. Sie besuchte ihn. Sie verlobten sich in Duisburg, heirateten in Bellamont. Von ihren Eltern gab es 500 Mark als Startkapital. Man fragte sie, ob sie „a rechte Hochzeit“ wolle. Was das sei? Na, eine Hochzeit ohne Einladungen, wo jeder vom Dorf kommen kann. Sie wollte es familiärer.

Alles mit eigener Hand aufgebaut

Eugen Schosser hatte da schon das Haus gebaut. Alles mit eigener Hand, nach Feierabend bis in die Nacht und an den Wochenenden. Das Fundament drei Meter tief mit der Schaufel ausgegraben. Stein für Stein gesetzt. Die harte Arbeit hockte ihm noch lange in den Knochen. Nach dem Einzug begann er mit dem Ausbau des zweiten Stocks für die Kinderzimmer. Zwei Jahre später wurde das Haus ans Abwasser angeschlossen. Bis dahin musste Josefine mit dem Plumpsklo vorliebnehmen. Ab und zu kam ein Bauer mit seinem Güllefass, erzählt Eugen, „der hat alles rauszoga und mitgnomma“. Straßen gab es noch keine im Ort, nur Kieswege.

Josefine Schosser haderte lange mit dem Leben in Bellamont. „Ich hatte viel Heimweh und vergoss manche Träne.“ Anfangs habe sie sich oft gefragt, wo sie da nur gelandet ist. Und es dauerte ewig, bis sie die Leute endlich mal verstand mit ihrem Dialekt. „Ich dachte, ich bin in Afrika.“ Sie vermisste die Kolleginnen, die Freundinnen, den Beruf. In Bellamont war sie nur Mutter und Ehefrau. Aber sie braucht das, ein bissschen unter den Leuten zu sein. Sie suchte Anschluss beim Katholischen Frauenbund und engagierte sich ehrenamtlich. Bis heute betreut sie Senioren in Steinhausen. Früher hat sie auch immer bedient, wenn in der Turnhalle eine Hochzeit war. Und sie war in der örtlichen Theatergruppe. Eigentlich ein Mundart-Theater, aber sie lernt es einfach nicht. „Ich kann noch so gut verkleidet sein, die Zuschauer erkennen mich sofort.“

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Früher war er jedes Wochenende auf dem Sportplatz. Bis sie sagte: „Das ist doch kein Familienleben. Er hörte ihr zu Liebe auf, sie machten dann Sonntagsspaziergänge mit den Kindern. In den Urlaub gingen sie nie. Einmal im Jahr fuhren sie nach Duisburg. Und wenn die Duisburger da waren, ist es immer lustig hergegangen. Ihre Eltern sind auf ihre alten Tage nach Bellamont gezogen, Josefine war überglücklich. Ihre Mutter hatte früher schon gesagt, sie werde hier bestimmt mal begraben. Und so kam es. Jetzt liegen die Eltern auf dem Bellamonter Friedhof. Sechs Jahre waren ihnen hier noch vergönnt.

Josefine Schosser fällt es immer schwerer, das Haus in Schuss zu halten. Und Eugen Schosser kommt an seine Grenzen mit der Hecke und dem großen Garten. Die Kinder und Schwiegersöhne sind berufstätig, denen wollen sie das nicht aufhalsen.

Noch fährt sie ihren kleinen Mazda vom Mazda-Händler in Steinhausen. Aber lange geht das nicht mehr gut, die Kinder lassen sie jetzt schon nicht mehr nach Biberach fahren, nur noch die ganz kurzen Strecken. Wenigstens bis zum Winter will sie das Auto aber behalten. Eugen Schosser hatte nie den Führerschein.

Ihr ist nicht weh ums Herz

Die Töchter brachten sie auf die Idee mit dem betreuten Wohnen. So sind die Eltern noch näher bei ihnen. Die neue Wohnung ist hell, modern, hat gut 90 Quadratmeter und einen großen Balkon. Unten sind drei Ärzte. Die Anlage liegt sehr zentral, Josefine Schosser kann alles zu Fuß erledigen. Die Sprudelkisten kaufen dann die Kinder.

Nein, ihr sei nicht weh ums Herz. Sie hat in dem Heim jahrelang ehrenamtlich geschafft und kennt dort schon einige Leute. Außerdem ist sie früher ins Fitness gegangen nach Ochsenhausen, da gibt auch noch einen Bekanntenkreis.

Ihr graust es nur vor dem Umzug. Die Töchter nehmen dafür Urlaub. Sie haben schon den ganzen zweiten Stock ausgeräumt und noch mal alle drei in ihren Zimmern übernachtet. Wie früher als Mädchen.

Sie haben alles in Kisten sortiert. Ein paar Kisten für das, was mitkommt. Ein paar Kisten mehr für das, was wegkommt. Was wo drin ist, wird eine Überraschung in der neuen Wohnung. Nur so geht es, haben die Töchter beschlossen. Die Mutter würde sich sonst von nichts trennen. „Gut, dass ich nicht alles weiß“, sagt Josefine Schosser. „Ich bin halt so erzogen: Weggeworfen wird nichts.“

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Eugen Schosser hängt nicht am Haus, sagt er. Kleider braucht er auch nicht viele. Nur die Sachen in der Werkstatt sind ihm schon wichtig: die Stemmeisen, Spaten, Bolzenschneider, Bundsägen, Schraubzwingen, Monierzangen, Schraubenzieher, Winkelschleifer, Spachteln, Kreuzschlüssel, Hacken, Hobel, Schleifscheiben, Sechskantschlüssel, Vierkantrohre, Schrauben, Bohrer. Seit der Rente war die Werkstatt sein zweites Zuhause, in letzter Zeit wird ihm schnell kalt. Er hat eine Kiste vorbereitet mit 20 Hämmern, die will er auf dem Flohmarkt verkaufen. Die Kiste mit dem wichtigsten Handwerkszeug nimmt er mit in die neue Wohnung. Da gibt es eine Abstellkammer.

Die ganze Werkstatt ausräumen geht natürlich nicht. Vielleicht kann Daniel was mit den Sachen anfangen. Daniel ist Mitte 30, wohnte bisher zur Miete in Bellamont. Verheiratet ist er noch nicht, mit dem Haus steht jetzt einer Familiengründung nichts mehr im Weg. Er hat Eugen schon gesagt, dass er jederzeit zu Besuch kommen kann in seine Werkstatt. „Dr Daniel isch a feiner Kerle.“

Kein Bier mehr auf der Rentnerbank

Ihr Mann kann stundenlang im Wintergarten sitzen und nur gucken, sagt Josefine Schosser. In der neuen Wohnung könnte der Balkon sein Stammsitz werden. Da hat er Blick auf den Platz, wo sich die Leute vom Heim treffen und ihr Schwätzchen halten.

Ihm fällt das Weggehen nicht schwer, sagt Eugen Schosser. Er hat im Grunde schon länger Abschied genommen, weil er nicht mehr so laufen kann und schlecht hört. Und die von der Rentnerbank trinken auch kein Bier mehr im Sommer. Auf den Sportplatz geht er auch schon lange nicht mehr. „Die Oine send nett, die andere lached bled oder hängad oim d’Gosch no, wenn man was frogt und man schwätzt undeutlich. Dann hoißt’s: Was will denn der Alde?“ Dabei hat er das Sportheim mit aufgebaut damals in 1200 Stunden.

Noch kann man sich Eugen Schosser nicht so gut in der neuen Wohnung vorstellen. „Er ist nicht so der Typ, der schnell Kontakt findet. Aber wenn er mich hat, das reicht ihm“, sagt seine Frau. Vom Hausverkauf können sie jetzt eine ganze Weile leben. Und sie haben immer gut gespart. „Hoffentlich bleiben uns noch viele Jahre.“