Über Umwege ist Hannes einstweilen im Haus von Andreas Reiner bei Biberach untergekommen. Foto: Andreas Reiner

Psychiatrie, betreutes Wohnen, Obdachlosenheim: Hannes’ Jugend war eine Odyssee. Wie rutscht ein junger Mensch aus dem System?

Im Obdachlosenheim war es unerträglich. Es habe nach Urin und Kippenrauch gestunken, die anderen Obdachlosen dort seien dauernd betrunken gewesen, nie sei gelüftet worden, sagt Hannes. Geduscht habe er auch nicht. Die Duschen im Obdachlosenheim seien nämlich richtig eklig gewesen. Hannes war in einem Alter dort gelandet, in dem andere ihr erstes Ausbildungsgehalt verdienen oder im Studentenwohnheim mit den Mitbewohnern Nächte durchfeiern, weil ihnen die ganze Welt offensteht. Hannes stand nicht mehr alles offen. Aus seiner vorherigen Unterkunft war er rausgeflogen. Am Ende wusste er nicht mehr, wo er schlafen sollte.

 

Hannes ist 19. Blonde Haare, zeitgeistiger Haarschnitt, schwarzer Hoodie, sein Familienname soll in diesem Text nicht vorkommen. Sein bisheriges Leben ist eine Serie von Rauswürfen und Auszügen. Ein gewöhnliches Teeniezimmer war selten sein Quartier. Stattdessen wechselte er von einer Einrichtung in die nächste. Jetzt sitzt er an einem Esstisch in Biberach, seine bis dato letzte Station. Er wippt mit den Füßen, während er spricht, und pult am Etikett seiner Flasche. Wie es weitergeht, weiß er nicht so recht. In seinem Leben gibt es mehr offene Fragen als Pläne. Wie ist es dazu gekommen?

Schon im Kindergarten ist Hannes auffällig

Hannes ist in Böblingen geboren. Als Kleinkind zog er mit seinen Eltern auf einen ehemaligen Bauernhof an der Nordsee, dann ins bayerische Pfaffenhofen. Schon im Kindergarten sei er von den Erzieherinnen als schwierig empfunden worden, sagt seine Mutter Christina. Ihr wurde nahegelegt, das doch mal testen zu lassen.

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin diagnostizierte ADS, ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Betroffene können sich schlecht konzentrieren und verhalten sich oft unruhig und impulsiv. Hannes bekam Medikamente. Anders sei es nicht mehr gegangen, in der Schule seien die Probleme so massiv geworden, sagt seine Mutter.

Hannes’ Vater verließ die Familie, die Mutter fand einen neuen Partner, die Familie zog zu ihm nach Dorndorf im Alb-Donau-Kreis, ein 700-Einwohner-Ort. Da wurde es schwierig. Hannes versuchte es bei der Jugendfeuerwehr, Spaß fand er nicht. Beim Altpapiersammeln mit den Kameraden rutschte er aus und kam mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Dorndorf war für ihn „ein Bauernkaff“. Mit seinem Stiefvater kam er nicht aus. Es gab dauernd Streit. Hannes’ Version geht so: Der neue Partner seiner Mutter habe ihn nicht gemocht, herumgebrüllt, ihn auch mal geschubst.

Hannes’ Mutter sagt: „Hannes neigt dazu, die Fehler bei anderen zu suchen. Er tut sich schwer, sein eigenes Verhalten zu reflektieren.“ Ihr Sohn komme mit Regeln nicht klar. Ihrem Partner habe Hannes die Schuld für alles gegeben.

Mit 14 entglitt Hannes sein Verhalten. Er begann, krude Wörter zu schreien. Seine Mutter erschrak. Es sei genau wie bei einem Youtuber gewesen, dessen Videos ihr Sohn anschaute. Hannes hatte Zuckungen, streckte anderen den Mittelfinger entgegen und rief Kraftausdrücke herum, auch mitten im Unterricht. Es war ihm selber unangenehm. Wieder untersuchte ihn die Ärztin, er bekam die nächste Diagnose: Tourette. Das Tourettesyndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Es äußert sich durch sogenannte Tics, die motorischer oder verbaler Art sein können. Tourettepatienten machen unwillentlich plötzliche Bewegungen oder geben eigentlich unangebrachte Laute von sich, das kann vom Kopfwerfen über Grimassenschneiden über Tiergeräusche bis zum Fluchen gehen. In der Schule habe ihm keiner geglaubt, dass er tatsächlich daran leide, sagt Hannes. „Du spielst nur“, hätten ihm die anderen vorgeworfen.

Immer wieder bunkert er sich ein

Auf zu Hause hatte er immer weniger Bock. Jeden Tag habe es Geschrei gegeben. Er igelte sich in seinem Zimmer ein und verbrachte sein Leben mit seiner Playstation. Sein leiblicher Vater wollte nach Hannes’ Angaben nicht, dass er zu ihm zog. Er hatte auch eine neue Partnerin und ein weiteres Kind bekommen. Aber Hannes wollte raus.

Seine Mutter hoffte, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie gegen das Tourette helfe. Hannes war einverstanden. „Ich habe es als Ausweg gesehen, für ein paar Monate in die Klapse zu gehen, dann musste ich schon nicht daheim rumsitzen“, sagt er. Er klingt oft flapsig, wenn er spricht, mitunter auch derb. Hannes kam in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm. In seiner Erinnerung bekam er viele Medikamente, ab und zu habe er Gespräche mit Ärzten und Therapeuten geführt, aber die meiste Zeit habe er damit verbrachte, an die Wand zu gucken. Inwiefern hat ihm der Aufenthalt genutzt? „Null“, meint er.

Danach zog er doch zu seinem Vater nach Dillingen. Auch mit dessen neuer Partnerin geriet er aneinander. Hannes bunkerte sich wieder ein, dieses Mal im Keller, wieder war die Spielkonsole seine beste Freundin. Mit den Jungs aus der Schule fing er an, Cannabis zu rauchen. Das Kiffen habe die Tics ausgeschaltet, meint Hannes. Stoned habe er eine Weile still sitzen können, sei nicht so hibbelig gewesen. Er kiffte, rauchte, „soff wie ein Blöder“. Das war in der neunten Klasse.

Den Hauptschulabschluss machte er mit einem Notenschnitt von 2,6. Die Realschule hätte er dranhängen können, aber sein Vater habe darauf gepocht, dass er arbeite. Er schickte Hannes ins Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum Sankt Nikolaus in Dürrlauingen im Kreis Günzburg. Junge Menschen mit Förderbedarf können dort wohnen und eine Ausbildung machen.

Hannes machte Praktika, trank viel, kiffte viel, hatte keinen Bock auf irgendwas. Nach einem halben Jahr war sein Aufenthalt in Sankt Nikolaus beendet. Sein Dad habe nicht gewollt, dass er zurückkehrte, und ihn wieder zur Mutter gefahren, sagt Hannes. Das war im Corona-Lockdown. Hannes’ Mutter war am Rotieren. Sie unterrichtete seine beiden Geschwister zu Hause. Hannes wollte meistens zocken, das Verhältnis zum Stiefvater wurde nicht besser.

Sie fanden die Andere Baustelle in Ulm. Die Einrichtung will jungen Menschen helfen, ins Berufsleben zu finden. Seine Mutter fand das sinnvoll. Hannes wurde nicht warm mit dem Projekt und ging nach ein paar Versuchen nicht mehr hin. In Dorndorf wollte er auch nicht bleiben.

Das Obdachlosenheim

Dann bekam er einen Platz im betreuten Jugendwohnen des Vereins Oberlin und zog in eine WG in Jungingen bei Ulm. Zunächst begann er noch ein BVB, eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme, dann verließ ihn wieder der Antrieb. Er bekam Arbeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung vermittelt. Dreimal ging er hin, dann hielt er das Teilezusammenstecken nicht mehr aus.

In einem Supermarkt der Lebenshilfe lief es nicht besser. Er verschanzte sich wieder, war „übel depressiv“, sagt er, ließ sein Zimmer vermüllen und sammelte Teller, auf denen die Essenreste wieder ein Eigenleben zu entwickeln begannen, verwahrloste. Er flog aus der Jugendwohngruppe. Der Leiter soll gesagt haben, Hannes brauche psychiatrische Behandlung.

Zurück nach Dorndorf mochte Hannes wieder nicht. Seiner Mutter zufolge wollte er sich auch nicht übergangsweise von ihr in einem Hotel unterbringen lassen. Lieber habe ihr Sohn in Ulm auf der Straße leben wollen. Hannes suchte Hilfe bei Streetworkern, ging ins Obdachlosenheim, übernachtete in Notschläferzimmern. Seine Mutter sagt, sie sei täglich nach Ulm gefahren, um nach ihrem „Kerle“ zu schauen.

Als ein Platz frei wurde, ging Hannes wieder in die Psychiatrie. Er weiß noch, dass er zu der Zeit viel Youtube geschaut und sich mordsmäßig über irgendwelche Leute in irgendwelchen Videos aufgeregt hat.

Über das ZfP, die Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie, kam er in der Therapeutischen Wohngruppe in Ehingen unter. Sie nimmt Menschen mit seelischer Behinderung oder Verhaltensschwierigkeiten auf. Auch dort gab es Stress. Hannes erzählt, er habe einem Mitbewohner „eine gedonnert“, nicht seine einzige Schlägerei, sich mit einem Betreuer angelegt, weiter gekifft, einen Urintest verweigert. Die anderen hätten Angst vor ihm bekommen, weil er auf sie bedrohlich gewirkt habe, hieß es. Im Herbst vergangenen Jahres flog er auch aus der Therapeutischen Wohngruppe.

„Hannes ist von sich aus nicht aggressiv“, sagt seine Mutter. „Er ist sanftmütig und ein großartiger junger Mann, der sein Potenzial noch nicht erkannt hat.“ Seine Schwierigkeiten haben für sie mehr charakterliche als pathologische Gründe. Nach ihrer Einschätzung fehlt es ihrem Sohn häufig an Durchhaltevermögen und Motivation. Natürlich habe sie sich gefragt, ob sie als Mutter versagt habe. Aber seine Geschwister seien im gleichen Umfeld aufgewachsen. Die Schwester besucht die Oberstufe, will Abi machen, frühmorgens hat sie schon ihr Zimmer gelüftet und das Bett gemacht. Aufgaben erledige sie akribisch und pflichtbewusst, sagt die Mutter. Hannes habe gehen wollen. „Das Bild vom verstoßenen Kind, das er von sich zeichnet, stimmt nicht.“ Die Geschichte mit ihrem Sohn hat sie angestrengt, sie war selbst in Psychotherapie deswegen. Sie würde sich freuen, wenn Hannes wieder am Familienleben teilhabe. Aber das sei halt mit Regeln verbunden.

Unterschlupf in einem Hof bei Biberach

Tics hat Hannes nach eigenen Angaben kaum noch. Nach dem Rauswurf aus der Therapeutischen Wohngruppe übernachtete er auf der Couch eines Kumpels, dann wieder in einer Notunterkunft. Seine gesetzliche Betreuerin – das Jugendamt hatte sie ihm zum 18. Geburtstag zugewiesen – klapperte Einrichtungen mit ihm ab, aber fand keine mit ad hoc freien Kapazitäten. Ein Freund quartierte ihn im Gästezimmer seiner Mutter Susi Krispin ein. Auch keine Dauerlösung. Krispin ist eine Bekannte des Fotografen Andreas Reiner, der das Bild auf dieser Seite gemacht hat. Einstweilen ist Hannes in dessen Haus in der Nähe von Biberach untergekommen. Und jetzt? „Ich hätte gern ein Bett, das mir gehört, eine eigene Wohnung, einen Job“, sagt Hannes. „Einfach ein normales Leben.“