Christian und Sylvia Weigl sind seit 40 Jahren ein Paar, seit 1990 verheiratet – und seit 2008 Besitzer eines Hofs. Foto: Martin Tschepe

Sylvia und Christian Weigl aus Ludwigsburg betreiben auf ihrem uralten Hof in Wodorf am Ostseeküsten-Radweg ein Heuhotel und ein kleines Café.

Drei Hühner stolzieren ganz unbekümmert über den geschotterten Weg, der zu dem großen Wohnhaus mit Reetdach führt. Im Gebäude bellt der Wachhund. Im Stall stehen vier Pferde und vier Ziegen, im Freilauf hoppeln Hasen. Auf dem rund 8000  Quadratmeter großen Gelände leben zudem noch ein paar Katzen und Enten. Willkommen auf dem Katharinenhof in Blowatz-Wodorf, Mecklenburg-Vorpommern! Das Anwesen gehört Sylvia und Christian Weigl, die beiden kommen aus Ludwigsburg, sind seit gut 40 Jahren ein Paar und seit 1990 verheiratet. Den uralten Hof – das Haupthaus ist um 1700 erbaut worden – haben die zwei Schwaben sich 2008 gekauft, Tochter Katharina war damals 13 Jahre alt, nach ihr ist der Hof benannt.

 

Christian Weigl arbeitet als Abteilungsleiter bei der Unfallkasse Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin. Seine Frau war früher mal als Zahnarzthelferin in einer Praxis am Marktplatz in Ludwigsburg angestellt. Das ist aber schon länger her. Heute lebt Sylvia Weigl ihren beruflichen Traum, sie betreibt mit der Hilfe des Ehemanns auf dem Hof ein Café und ein Heuhotel. Zudem vermieten die Weigls eine Ferienwohnung.

Das imposante Gebäudeensemble liegt ein paar Kilometer westlich von Wismar, ganz in der Nähe der Insel Poel, unmittelbar am Ostseeküsten-Radweg. Viele der Gäste sind Radler, die spontan Stopp machen, die etwas essen oder trinken wollen – manche bleiben für eine Nacht, manche auch etwas länger. Einmal übernachten im Heu kostet pro Person zehn Euro, die Ausstattung ist spartanisch. Es gibt nur eine Toilette und fließend kaltes Wasser – dafür aber warmen Kaffee und mitunter ein paar wärmende Worte. „Ich erzähl’ halt gerne“, sagt Christian Weigl und lacht. Vom Leben an der Küste, von anno dazumal in Ludwigsburg und von Poppenweiler, wo er seine Kindheit verbracht hat.

„Wir sind Dauergast im Baumarkt“

Ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung ist Christian Weigl, Jahrgang 1965, aus beruflichen Gründen in Ostdeutschland gelandet. Zunächst in Dresden. Bald folgte ihm seine Gattin. Später dann der Umzug nach „MeckPomm“. Eine Zeit lang wohnte die Kleinfamilie in Wismar, später in einem gemieteten Reihenhaus in Blowatz. Auf einer Radtour hat Christian Weigl schließlich den Hof in Wodorf entdeckt, einem Nest mit wenigen Einwohnern. Vor der Türe des Hofes ein Schild: „Zu verkaufen“. Seine Sylvia war zunächst ein klein bisschen skeptisch. Die Sanierung so eines alten Gebäudes?

Das ist eine Lebensaufgabe – mehr als das: die Bauarbeiten enden vermutlich nie. Christian Weigl stimmt zu: „Wir sind Dauergast im Baumarkt.“ Aber, erzählt Sylvia Weigl an diesen Nachmittag im August mit Schmuddelwetter: „Als ich damals beim ersten Besuch auf dem Hof im Anbau stand, der früher als Garage für den Traktor gedient hat, war für mich klar: Hier muss mein Laden rein!“ Sie hatte schon immer von einem eigenen Geschäft geträumt. Im Radlercafé gibt es Kaffee und selbst gebackene Kuchen, kleinere Mahlzeiten, etwa Eintopf, kalte Getränke und Eisbecher sowie ein paar Mitbringsel wie eigene Liköre und Holzblumen.

Die Menschen sind zwar eigenwillig, aber hilfsbereit

Die beiden Ex-Ludwigsburger erzählen, dass sie sich schnell eingelebt hätten im Nordosten der Republik. Sylvia Weigl hat sich lange beim örtlichen Tierschutzverein engagiert. Die vermutlich spektakulärste Aktion war die Rettung einiger Schwäne in einem eiskalten Winter. Das schon halb tote Federvieh wurde damals flugs im Heuhotel einquartiert, dort langsam aufgepäppelt und später wieder ausgewildert. Die Weigls haben außerdem einen eigenen Elternverein gegründet und selbst mehrere Pflegekinder aufgenommen. Ein Bub aus Eritrea hat rund fünf Jahre lang auf dem Katharinenhof gelebt. Er war bei der Jugendfeuerwehr aktiv, es habe im Ort kaum Probleme gegeben wegen seiner Herkunft.

Die Menschen in Mecklenburg seinen zwar eigenwillig, erzählt Christian Weigl, „aber hilfsbereit“. Zum Beispiel der Martin, der Freund von Tochter Katharina. Die beiden leben zusammen mit ihrem Töchterchen Ava Marie in einer eigenen Wohnung auf dem Hof und packen täglich mit an – beim Rasenmäher, beim Ausmisten – bei was auch immer gerade an Arbeit anfällt.

Fotos von Poppenweiler stimmen manchmal sentimental

Vermissen Sylvia und Christian Weigl nie ihre alte Heimat? Die Antwort folgt nach kurzem Nachdenken: Es sei super schön in Mecklenburg, die Ostsee quasi vor der Haustüre. Wismar sei „toll“, besonders der Marktplatz. Die blühenden Rapsfelder im Sommer seien gar sensationell. Aber klar: Ab und zu besuchen die Weigls die Schwester von Christian in Winnenden und die Schwester von Sylvia, die bei der Stadt Ludwigsburg angestellt ist. Doch so richtig Heimweh nach Schwaben? Nein. Nur wenn ihm Freunde Fotos schicken, etwa vom Neckar mit dem Kirchturm von Poppenweiler am Horizont, dann werde er schon mal etwas sentimental, sagt Christian Weigl. Kein Wunder: Als er mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester Anfang der 1980er von Poppenweiler weg- und mitten in die Ludwigsburger City ziehen musste, hatte sich der Christian fest vorgenommen: „Wenn ich erwachsen bin, dann wohne ich wieder in Poppenweiler.“ Es kam anders. Gut so.