Weniger Schwertransport, mehr Erholung: Eine zweite Ebene durch das ganze Industriegebiets macht es möglich. Foto:  

Schon in diesem Jahr könnten die Arbeiten am futuristischen Industriegebiet in der Ludwigsburger Weststadt starten. Während der Plan für das ehemalige Mann+Hummel-Gelände schon steht, fehlen noch die Mieter.

Ende des Jahres könnten die ersten Abrissbagger auf dem alten Mann+Hummel-Werksgelände ihre Scheren in den alten Beton hauen – der Start des neuen „Ludwigsburger Industriezentrums“ (LIZ). Auf den 46 000 Quadratmetern Grundfläche soll ein Industriegebiet der Zukunft entstehen: flexibel nutzbar, nachhaltig und sogar etwas idyllisch. Die Projektentwickler sprechen von der besten Zusammenarbeit mit einer Stadtverwaltung, die sie je erlebt haben. Jetzt fehlen nur noch die Mieter.

 

Was ist die Vorgeschichte?

Im Sommer 2020 verkündete der Autozulieferer Mann+Hummel, dass die Produktion am Firmensitz in Ludwigsburg geschlossen wird. Der Standort, an dem unter anderem Kraftstoff-, Öl- und Luftfiltersysteme für Verbrenner hergestellt wurden, war laut Unternehmensführung defizitär und nicht zukunftsfähig. Nur der Firmensitz und das Forschungs- und Entwicklungsstandort bleiben in Ludwigsburg. Ende 2022 standen die Maschinen endgültig still, rund 400 Beschäftigte waren betroffen.

Im Juli 2021 kaufte die Immobilien Investmentgesellschaft Patron Capital mit Sitz in London das Gelände von Mann+Hummel. Preis unbekannt. Patron Capital beauftragte daraufhin die Berliner Projektentwickler von Inbright. Die Spezialisten für Industrieflächen planen, verwirklichen und vermieten das Industriegebiet in der Weststadt. Der Teilabriss soll in diesem Jahr starten, Baubeginn ist 2025, für die Fertigstellung wird 2026 oder 2027 angepeilt.

Was ist die Idee des LIZ?

Die Entwicklung des Industriegebiets werde vom Nutzer aus gedacht, sagt Inbright-Chef Johannes Nöldeke. In der Region Ludwigsburg seien das unter anderem der Automotive-Bereich, Maschinenbauer und Unternehmen der Wasserstofftechnologie. Die Industrie befinde sich im Wandel, eine „Gründerzeit 4.0“, sagte Nöldeke. Das LIZ müsste daher allen voran flexibel sein, um sich in Zukunft auf Prozesse und Arbeitsweisen einstellen zu können, „von denen wir heute noch gar nicht wissen, wie sie aussehen“.

Was wird wie gebaut?

Obwohl sich Inbright Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, werden die Gebäude auf rund 52 Prozent der Fläche abgerissen und neu gebaut. Sein Team hätte genau überlegt, welche Bestandsgebäude in 20 Jahren noch nutzbar sind und für welche die Zeit für den Abriss gekommen ist, sagte Nöldeke.

Das fertige LIZ, Bestand und Neubau, wird zu 85 Prozent aus Lager- und Produktionsflächen bestehen, 15 Prozent werden mit Büros belegt. Die Arbeitsfläche wird durch mehrgeschossige Bauten wachsen. Wo früher 400 Arbeitsplätze angesiedelt waren, sollen es in Zukunft 1200 bis 2000 sein. In Richtung der Schwieberdinger Straße wird es ein Parkhaus geben, an der Ecke Groenerstraße und Schlieffenstraße soll zudem ein Vorplatz mit Freitreppe und einem gastronomischen Angebot entstehen.

Was ist das Besondere?

Das wohl Außergewöhnlichste am LIZ ist die sogenannte offene Durchwegung. Mitarbeiter und Passanten können den Komplex durchqueren, ohne dabei Angst vor Lastwagen haben zu müssen. Möglich macht das eine zweite Ebene über den Straßen, die man unter anderem über die Freitreppe erreicht.

Ob sich wirklich Passanten auf dieser Ebene verlieren werden, ist fraglich. Sie soll vor allem ein Aufenthaltsort für Mitarbeiter sein. Das Wegekonzept ist aber auch eine Verknüpfung und Transportstraße zwischen den unterschiedlichen Hallen. Diese Idee gebe es in ganz Deutschland so nur in Berlin, sagt Nöldeke.

Das LIZ soll zudem klimafreundlich werden. Die Neubauten benötigen nur 40 Prozent der Energie, die vergleichbare Industriegebäude verbrauchen . Zudem plant Inbright Solaranlagen auf den Dächern mit einer Leistung von 1050 Kilowatt-Peak – das wären rund vier Prozent der Gesamtleistung, die aktuell in Ludwigsburg installiert ist.

Warum gibt es kaum Mieter?

In den Gebäuden, die nicht abgerissen werden, könnte schon bald gearbeitet werden. Ein Drittel dieser Bestandsfläche sei bereits vermietet, für die restliche zwei Drittel gebe es aktuell „sehr intensive Gespräche“, sagt Nöldeke. „Es kann sein, dass wir in den kommenden Wochen den gesamten Bestand vermietet haben.“ Schon jetzt wird an der Dämmung, den Dächern und der Nahwärmeversorgung der Bestandsgebäude gearbeitet.

Für die 50 000 Quadratmeter Neubaufläche gibt es derweil noch keinen einzigen Mieter. „Das ist aber auch nicht verwunderlich“, sagt Nöldeke. „Die Unternehmen planen nicht so weit im Voraus.“ In rund drei Jahren könnte das LIZ komplett fertig sein, „wenn sich Interessenten zwei Jahre vorher melden, wäre das schon früh“.

Mindestens 180 Millionen kostet der Umbau, bald ist Baubeginn und kaum ein Mieter – „das ist ein gewisses Risiko“, gesteht Nöldeke gleichwohl. „Das ist in der Branche aber normal, und in der Region Stuttgart ist dieses Risiko kalkulierbar.“ Tatsächlich sind aktuell viele Unternehmen auf der Suche. Erst im August warnte die IHK Ludwigsburg, dass es dringend neue Flächenangebote für die Transformation der Industrie bräuchte.