Am Montag liegt der tags zuvor umgestürzte Baum noch immer im Eckensee – an diesem Dienstag wollen die Parkpfleger der Wilhelma die Säge ansetzen Foto: Leif Piechowski

Die Baumexperten der Wilhelma atmeten am Montag auf. Glück gehabt! Niemand verletzt, nachdem am Sonntag ein gut und gern 15 Meter hoher Baum am Eckensee umgestürzt war. Die Pfleger des Schlossparks hatten nicht geahnt, wie groß die Gefahr war.

Stuttgart - Die Trauer ist groß nach dem plötzlichen Abgang des kaukasischen Flügelnussbaums, der am Sonntag gegen 16.45 Uhr zahlreiche Spaziergänger im Oberen Schlossgarten überraschte. Ingeborg Aheimer (74) steht am Montag neben dem Riesen, dessen letzte Ruhestätte mit weiß-roten Bändern abgesperrt ist. Schon in ihrer Kindheit sei sie mit Freunden zum Spielen zu diesem Baum gekommen, sagt sie. Ihn jetzt so liegen zu sehen, stimme sie traurig.

So wie ihr dürfte es vielen ergehen. Der Baum wurde wahrscheinlich im Alter von fünf bis zehn Jahren zur Bundesgartenschau 1961 gepflanzt, sagt Clemens Hartmann vom Fachbereich Parkpflege der Wilhelma. Niemand weiß, wie viele Menschen seither an dem Baum vorbeispazierten – und wie viele Kinder darauf kletterten. Einige der sechs Stämme des Baumes neigten sich immer mehr zum Wasser hin. Dass dies weitergehen würde, sei zu erwarten gewesen, sagt Hartmann. Denn die eher in der Mitte wachsenden Stämme drängten die seitlichen weg. Vor rund sechs Jahren habe man der Baumkrone einen Rundschnitt verpasst, um den Baum zu entlasten, und man habe die Krone statisch gesichert.

„Wir haben unsere Pflicht getan und kontrolliert.“

Soll heißen, mit Stahlseilen wurden die Stämme zusammengebunden. Ansonsten hat man nur tote Äste entfernt sowie Äste und Zweige geschnitten, um den Spaziergängern Platz zu schaffen.

Dass am Stammfuß etwas marode war, entdeckte man nicht. Schon gar nicht die Gefahr, dass kranke Stämme alle anderen mitreißen würden. Hartmann: „Dafür gab es keine Anzeichen.“ Sonst hätte man gezielt einen Gutachter zugezogen. Insofern haben Hartmann und seine Kollegen auch keine Schuldgefühle. „Wir haben unsere Pflicht getan und kontrolliert.“ Ein gewisses Restrisiko gebe es immer. Ein Lebewesen wie diesen Baum könne man nicht statisch berechnen wie eine Brücke. Wie krank und wie morsch der Baum wirklich war, werde man erst nach einem sauberen Schnitt mit der Säge erkennen können. An diesem Dienstag wird sie angesetzt und der Baum abgeräumt. Bis auch das Wurzelwerk beseitigt ist, wird es noch länger dauern. Und dann? Man strebe an, sagt Hartmann, die Lücke wieder zu schließen, die der Baum Nr. 309 unter seinen 2200 Artgenossen im ganzen Schlossgarten hinterlassen hat.

Andere Problemfälle, wo man sicherheitshalber sofort sägen müsste, kenne er momentan nicht, sagt Hartmann. Im Oktober werde man das Arbeitsprogramm für den Winter klären. Zuvor schaue man sich wie jedes Jahr einmal systematisch alle Bäume an. Außerdem fließe ein, was die Mitarbeiter bei ihrer Arbeit im Park so nebenbei beobachten. „Also wird jeder Baum im Park im Laufe des Jahres mehrmals angeschaut.“

Das städtische Garten-, Friedhofs- und Forstamt hält es bei den rund 100 000 Bäumen auf städtischen Flächen ebenso. Sechs ausgebildete Baumkontrolleure überprüfen die Bäume im ganzen Stadtgebiet einmal im Jahr auf Pilzbefall und abgestorbene Äste. Aber nicht alle Mängel sind äußerlich zu erkennen. „Natürlich haben unsere Kontrolleure keinen Röntgenblick“, sagt Hagen Dilling, der stellvertretende Amtsleiter.

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