Ein Blickfang auch nachts: Die neue Zeppelin-Skulptur an der Echterdinger Hauptstraße. Foto: Leif Piechowski

Das Objekt kommt nicht bei allen Bürgern gut an – Stadtrat fehlt konkreter Bezug zu Ereignissen 1908.

Leinfelden-Echterdingen - Echterdingen hat seit ein paar Wochen einen echten Hingucker: In der neuen Ortsmitte thront auf einem Sockel ein 4,90 Meter langer und einen Meter dicker Zeppelin, der in der Dämmerung zu leuchten beginnt. Doch nicht alle freuen sich über den Anblick.

Die meisten Echterdinger wissen Bescheid: Vor 104 Jahren – genau am 5. August 1908 – landete auf einem Feld am Ortsrand das legendäre Luftschiff „LZ4“. Es gab niemanden, der sich damals dieses Ereignis entgehen ließ, die Menschen eilten zu Tausenden zu dem Giganten, der dort während einer 24-stündigen Testfahrt einen Zwischenstopp machte.

Doch weniger die Landung als vielmehr das folgende Unglück ging in die Geschichte als „Der Tag von Echterdingen“ ein: Eine starke Windböe genügte, um das Luftschiff aus der Verankerung zu reißen und gegen die Obstbäume zu drücken. 15.000 Kubikmeter Wasserstoff entzündeten sich, und das Wunderwerk ging in einem Flammeninferno auf.

Neuen Platz zu schmücken, der an der Hauptstraße entstanden ist

Eine beispielhafte Spendenaktion schloss sich damals an: Binnen weniger Monate kamen sechs Millionen Mark zusammen, die es dem 70-jährigen Grafen Zeppelin ermöglichten, seine Forschungen fortzusetzen und das Zeppelinwerk in Friedrichshafen zu gründen.

In den vergangenen Monaten wurde nun erneut für einen Zeppelin gesammelt, auch wenn die Geschichte eine ganz andere ist. Nun galt es, den neuen Platz zu schmücken, der mit dem Bau der neuen Echterdinger Ortsmitte an der Hauptstraße entstanden ist. Und was läge in Echterdingen näher, als an den „Tag von Echterdingen“ zu erinnern: Schnell war die Idee geboren, nicht nur die Freifläche als Zeppelin-Platz zu taufen, sondern dort auch ein passendes Kunstwerk aufzustellen.

Die Geschichte entwickelte sich dann zäher als geplant: Drei Jahre hat es gedauert, bis das von der Münchner Künstlerin Sabine Kammerl entworfene Objekt schließlich eingeweiht wurde. Und auch die Spendenbereitschaft war geringer als vor 100 Jahren: Immerhin rund 14.000 Euro kamen von Privatleuten zusammen, 25.000 Euro von Firmen, unter ihnen mit 5000 Euro die Zeppelinstiftung Friedrichshafen. Den Rest – etwa 11.000 Euro – legte die Stadt drauf.

Besseres verdient und erwartet

So harrten alle Beteiligten mit Spannung der Enthüllung. Der schloss sich vielfach allerdings Ernüchterung an. Als „Torpedo“ wurde das gute Stück schnell verunglimpft oder als „Brandbombe“. Zu realistisch, sagten manche, und andere sprachen offen von Kitsch. Kenner der Materie, und davon gibt es in Echterdingen einige, stellten mit fachmännischem Blick fest, was da in fünf Meter Höhe auf dem Brunnensockel sitze, sei keineswegs ein Zeppelin, sondern ein Prallluftschiff, auch Blimp genannt.

Bei den Lokalzeitungen hagelte es Leserbriefe: Ein simpler Zeppelin-Verschnitt wird dort kritisiert, und deutlicher noch: „Da hätten die Echterdinger mit ihrer so hoch gelobten Spendenbereitschaft doch wohl Besseres verdient und erwartet.“ Ein anderer ist bitter enttäuscht: „Sehr schade – hier wurde eine einmalige Chance unwiederbringlich vertan. Mir ist unverständlich, wie der Gemeinderat einen modernen Zeppelin genehmigen konnte.“ Das historische Luftschiff sei durch die gut sichtbare Gerippestruktur und das charakteristische Heckleitwerk und seine langgestreckte Form viel imposanter gewesen.

Kritik: Konkreter Bezug zu den dramatischen Ereignissen 1908 fehlt

Stadtrat Wolfgang Haug, der als Leiter des Stadtmuseums zu passenden Anlässen auch schon selbst im Kostüm des Grafen Zeppelin auftrat, hatte ebenfalls Bedenken. In Kammerls Entwurf fehle der konkrete Bezug zu den dramatischen Ereignissen 1908. „So ist das beliebig, fast banal. Wo ist die Botschaft für Einheimische und Fremde?“ Die steht in einem Satz auf dem Sockel unter dem Zeppelin und stammt von dem damals zwölfjährigen Augenzeugen Gottlob Schmid: „Die Musik war das monotone Summen der Motoren.“

Auf der anderen Seite hat Sabine Kammerl schemenhaft eine Baumkrone dargestellt. Sie soll zeigen, so sagte sie bei der Enthüllung, dass die Natur dem Menschen Grenzen aufzeige, der technisches Wunderwerk schaffe. Wer einmal um den Sockel herumläuft, findet dann doch noch ein paar Zeilen zur Historie. Und auch die Spender finden sich dort verewigt.

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