Am Donnerstag wird das Gerber ein Jahr alt Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Einkaufscenter Gerber in der Stuttgarter City leidet unter extremen Schwankungen bei den Kundenströmen. Während am Wochenende pro Tag bis zu 32.000 Besucher kommen, sind es beispielsweise an einem Dienstag nur 17.200. Ein Strategiewechsel soll das ändern.

Stuttgart - Es klingt wundersam, wenn jemand bereits ein Jahr nach Start dem sagt: Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln. Es hört sich so an, als ob das Einkaufscenter Gerber schon zehn Jahre am Markt sei. Dabei jährt sich das Bestehen am kommenden Donnerstag zum ersten Mal.

Und doch drücken die Württembergische als Investor und die neue Projektleitung IPH zum Geburtstag auf die Reset-Taste. „Wir wollen zu dem Sortiment zurück, dass wir mal versprochen hatten“, sagt Klaus Betz, Immobilien-Chef der Wüstenrot & Württembergischen: „Wir wollen weniger Mainstream.“

Daraus folgen gravierende Änderungen. Die Wichtigste ist der Wechsel im Center-Management. Zum 1. Oktober über nimmt die IPH Handelsimmobilien GmbH die Geschäfte von der Koprian IQ. Unterstützt wird die IPH von Hannes Steim, der sich in Stuttgart durch das Management des Fluxus in der Calwerpassage einen Namen gemacht hat.

Klassischer Fehlstart

Grund für den Wechsel der Pferde ist ein klassischer Fehlstart. Kennzeichen sind extrem schwankende Kundenzahlen innerhalb einer Woche. Kommen am Wochenende bis zu 32 000 Kunden pro Tag, sind es beispielsweise an einem Dienstag nur 17 200.

„Daher wollen wir uns am Markt neu positionieren“, sagt Betz, „die Kunden des Gerber finden zwar den Weg auf die Königstraße, aber umgekehrt findet der Austausch zu wenig statt.“ Ursache ist auch die zuweilen unansehnliche Marienstraße. Kritikpunkte sind mangelnde Sauberkeit und der unattraktive Mieterbesatz.

Da sich an diesen Stellschrauben nur schwer drehen lässt, hofft Betz auf stärkere Kundenströme aus anderen Richtungen. Bisher sieht die Frequenzverteilung so aus: Über die Hälfte aller Kunden kommt über den Eingang an der Marienstraße ins Gerber. Fast 40 Prozent kommen über den Zugang an der Paulinenbrücke. Und Bruchteil der Besucher nimmt die Tür an der Sophien-/Tübinger Straße.

Die Strategen des Gerber glauben, dass die Tübinger Straße und das Gerberviertel als Zugang mindestens ein genau so großes Potenzial hat, wie das Portal über die Königstraße. Nils Blömke, der neue Centermanager von der IPH, träumt von einem neuen City-Laufweg der Kunden, bei dem das Gerber Ausgangs- und Endpunkt ist.

Doch dazu müsse die Stadt für ein besseres Wegeleitsystem sorgen und das gesamte Gerberviertel bekannter werden. Diese Aufgabe kommt ab Oktober dem neuen Quartiersmanager Hannes Wolf zu.

Eine aktuelle Kundenbefragung belegt zudem, dass über die Hälfte der Besucher das Gerber innerhalb von fünf bis zehn Minuten erreichen. Sei es, weil sie in der Nähe wohnen und arbeiten oder sowieso in der City sind. Woher die Kunden mit dem Auto kommen ist indes nicht bekannt. Im Gegensatz zum Mitbewerber Milaneo verzichtet das Gerber auf eine Kennzeichenanalyse. Man weiß lediglich, dass etwa 15 Prozent der Kunden aus dem erweiterten Einzugsgebiet, also der Metropolregion Stuttgart, kommt. Diese kleinere Zielgruppe des Gerber ist angeblich nicht länger als 30 Minuten mit dem Auto unterwegs.

Kaum überregionale Kunden

Alle diese Kunden, ganz gleich ob Fußgänger oder Autofahrer, sollen nun ein neues Gerber erleben. Grundlage dafür ist die Veränderung des Branchenmixes. Im Gerber soll neben starken Filialisten der Hauch von Inhaber geführten Einzelhändlern wehen.

„Viele kleine Geschäfte, die bisher die Innenstadt gemieden haben oder in der City keine Chance hatten, sollen dies bei uns im Obergeschoss haben“, sagt Blömke und ergänzt: „Wir wollen Inhaber geführten Konzepte wieder in die Innenstadt holen und ihnen ein Forum bieten.“ Betz gibt selbstkritisch zu: „Wir sind mal mit dem Ansatz angetreten, nicht die Kopie der Königstraße sein zu wollen. Das ist uns nur teilweise gelungen.“ Daher lautet seine neue Ansage: „Wer sich als Ladenbetreiber die Mieten auf der Königstraße oder in anderen Einkaufslagen nicht leisten kann oder bewusst nicht will und zu uns passen, ist herzlich eingeladen, mit uns zu sprechen.“ Er denkt an klassische Betriebe wie Schuhmacher, Händler nach dem Vorbild des Eisenwarenhändlers Zahn und Nopper oder an einen Barbier. „Das Gerber soll für Authentizität, Beratung und vernünftige Preise stehen“, sagt Betz.

Wenn nach der Vollbremsung die Neuausrichtung gelingt, sollen die Stuttgarter das Gerber anders wahrnehmen. „Wir wollen das Stadtkaufhaus an der Paulinenbrücke sein“, sagt Blömke, „wir wollen zwischen der konsumorientierten Königstraße und dem Milaneo sowie dem hochwertigen Breuninger die gute alte Mitte erreichen.“

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