Dunja Hayali zählt zu den profiliertesten Journalistinnen im Land. In der Reihe „Im Gespräch“, einem gemeinsamen Format der Eßlinger Zeitung und der Kreissparkasse, warb die Fernsehmoderatorin dafür, Flagge zu zeigen für Demokratie und Miteinander.
Sie zählt zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Fernsehjournalismus, und wenn sie vor den Kameras steht, nimmt Dunja Hayali kein Blatt vor den Mund. Sie ist versiert, breit aufgestellt, gut vorbereitet – und sie hat klare Überzeugungen. Das trägt ihr Anerkennung und Respekt ein, aber auch oft rüde Attacken derer, denen ihre demokratische, weltoffene und unbeugsame Haltung ein Dorn im Auge ist. Wo andere sich wegducken, stellt sich die 49-Jährige mit offenem Visier denen entgegen, die ungeniert Hetze, Hass und menschenverachtende Gedanken bevorzugt in sogenannten „sozialen“ Netzwerken auskübeln.
Dass Dunja Hayali viel Nachdenkenswertes zu sagen hat, hat sie in der Reihe „Im Gespräch“, einem Veranstaltungsformat der Eßlinger Zeitung und der Kreissparkasse, einmal mehr unter Beweis gestellt. Der Abend im Kundencenter der KSK war im Handumdrehen ausgebucht – das spricht für die Popularität der Journalistin.
Gesellschaft im Umbruch
Für Burkhard Wittmacher, den Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, sind Veranstaltungen wie diese wichtiger denn je. Er erinnerte das Publikum an zahlreiche Übergriffe rechter Gewalttäter gegen Migranten, aber auch gegen demokratische Institutionen und deren Repräsentanten. Und er forderte: „Wir müssen die Werte hochhalten, die seit so langer Zeit Frieden, Freiheit und Wohlstand geschaffen und gesichert haben.“
Wie groß der aktuelle Gesprächsbedarf ist, verdeutlichte Johannes M. Fischer, Chefredakteur der Eßlinger Zeitung, der den Abend mit Johanna Bruckner, der Digital-Chefin der Zeitungsgruppe Stuttgart, moderierte: „Wirtschaft und Gesellschaft sind in einem tief greifenden Umbruch. Die Menschen spüren das, viele sind verunsichert. Wir müssen aufpassen, dass dieses Unbehagen nicht von Menschen vereinnahmt wird, deren Handeln von Hass und Ressentiments getrieben wird.“
Dunja Hayali warb dafür, Flagge zu zeigen für eine weltoffene, tolerante und demokratische Gesellschaft: „Wir alle sind das Land, auch wenn manche von Rechtsaußen so tun, als ob sie in der Mehrheit wären. Aber das ist nicht so. Auch wenn manche gerade einen anderen Eindruck haben, gibt es vieles, was gut funktioniert und was sich positiv entwickelt. Das dürfen wir nicht übersehen.“ Alltagsrassismus bekomme auch sie zu spüren, verriet die 49-Jährige. Doch sie setzt sich zur Wehr und bietet jenen Paroli, die sie unreflektiert wegen ihrer Herkunft angehen. Couragiert konfrontiert sie Hetzer mit deren tumben, oft menschenverachtenden Sprüchen. Und sie wundert sich oft, mit welcher Selbstverständlichkeit sogar die menschenverachtendsten Sprüche verbreitet werden: „Sie können sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man sieben Tage die Woche 24 Stunden täglich befürchten muss, dass einem der Hass entgegenschlägt. Da frage ich mich oft, was in Menschen vorgeht, die sich so übel äußern.“ Gerade in der digitalen Welt seien viele Dämme gebrochen: „Das Internet ist eigentlich etwas Tolles. Aber wir Menschen ruinieren es mal wieder.“ Hayali will verstehen, was die Hetzer antreibt, auch wenn sie für deren Hetze kein Verständnis hat. Ob sich solche Entwicklungen zurückdrehen lassen? Dunja Hayali hat Zweifel, sie sieht aber auch Handlungsoptionen: Die Medien müssten ihre Arbeit transparenter machen, Bildungseinrichtungen müssten den Wert der Demokratie besser vermitteln, und die demokratischen Parteien müssten wieder viel mehr und vor allem konstruktiver über die besten Ideen für unser Land streiten: „Politik muss besser erklärt werden. Leider fehlt es oft an guten Kommunikatoren.“ Dabei sei eine gute Debattenkultur so wichtig für die Akzeptanz einer Demokratie: „Die Vielfalt der Meinungen macht’s.“
Die Vielfalt macht’s
Trotz allem sieht Dunja Hayali auch Anlass zu Hoffnung, Mut und Zuversicht – vor allem dann, wenn Menschen in großer Zahl auf die Straße gehen, um für Freiheit und Demokratie und gegen Ausgrenzung, Nationalismus und blanken Alltagsrassismus Flagge zu zeigen. Jeder sei in solchen Zeiten gefordert, sich einzusetzen und zu überlegen, was er zum Gelingen einer demokratischen und weltoffenen Gesellschaft beizutragen imstande sei. Dunja Hayali hätte sich solche Zeichen früher schon gewünscht, zumal vieles von dem, was in jüngerer Zeit aus dem rechtsextremen Sumpf nach oben gespült worden war, nicht neu sei: „Vieles konnte man schon lange wissen.“ Dass das sogenannte Potsdamer Geheimtreffen plötzlich solche Wirkung erzielt habe, liege auch daran, dass viele der dort geäußerten Ressentiments so diffus formuliert worden seien, dass sich mancher nun frage, ob er vielleicht auch gemeint sein könnte. Wenn daraus eine neue Wachsamkeit erwachsen sei, könne das der Demokratie im Land nur nützen.
Dunja Hayali über ...
Migrationsvordergrund
Ich spreche nicht mehr von Migrationshintergrund, weil ich spüre, dass meine Herkunft eine wahnsinnig große Rolle spielt und damit nicht im Hinter-, sondern im Vordergrund steht.
Dazugehören
Manchmal frage ich mich, was man eigentlich noch tun muss, um in diesem Land dazuzugehören. Wenn man als Mensch mit Migrationsvordergrund erfolgreich ist, ist es manchen nicht recht, weil man seinen zugewiesenen Platz verlässt. Und wenn man nicht erfolgreich ist, finden manche, man sei faul und wolle dem Staat einfach nur auf der Tasche liegen. Wir brauchen alle erdenklichen Arbeitskräfte, wenn dieses Land nicht schrumpfen soll.
Anfeindungen
Ich habe ein gutes Umfeld, ein dickes Fell und bin nicht auf den Mund gefallen. Wenn ich mit Alltagsrassismus konfrontiert werde, helfen meist Humor, Sarkasmus oder mein Anwalt, weil man auch mal Grenzen setzen muss. Manchmal fühle ich mich aber auch alleingelassen.
Gendern
Ich frage mich, weshalb dieses Thema manche Menschen so triggert. Die Diskussion darüber scheint manchen wichtiger zu sein als Themen wie Bildung oder Wohnen. Haben wir denn wirklich keine anderen Probleme mehr als das Gendern? Manchmal mache ich das konsequent, manchmal aber auch weniger konsequent.
Diskurs
Es macht eine demokratische Gesellschaft aus, dass wir über unterschiedliche Meinungen streiten können – nicht über Haltungen. Oft fehlt es an der nötigen Debattenkultur. Es ist wichtig, dass sich die politischen Parteien wieder mehr unterscheiden. Wenn man sich jedoch bestimmte Auseinandersetzungen anschaut, scheinen manche Politiker zu vergessen, dass sie auch eine Vorbildfunktion besitzen.