Die mittlerweile korrigierte Plakatkampagne des Kultusministeriums hat viele Lehrkräfte massiv verärgert. Eine Neueinsteigerin vermisste dagegen nur ein einziges Wort – und hatte damit frühzeitig die passende Idee.
Wie immer man über die umstrittene Kampagne des Kulturministeriums zur Bekämpfung des Lehrermangels auch denken mag – ein Ziel hat das Plakat am Stuttgarter Flughafen mit dem provokanten Spruch „Gelandet und gar keinen Bock auf Arbeit“ wohl erreicht: Aufmerksamkeit. Seitdem das Banner Flugreisende bei ihrer Ankunft in Stuttgart empfängt, ist die Aktion nicht nur bei Menschen im Bildungs- und Lehrberuf ein heißdiskutiertes Thema.
Zuletzt war die Debatte den Entscheidern hinter der Kampagne dann offenbar doch zu heiß geworden, weswegen Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) das umstrittene Plakat noch einmal in die Korrektur schickte. Vielleicht hätte das Ministerium ja mal vorher bei den Leuten nachfragen sollen, die man mit dieser Aktion vor allem erreichen will: berufliche Quereinsteiger.
Drei Jahrzehnte in der Industrie
Sabine Dietrich ist so eine Quereinsteigerin. Die 50-Jährige unterrichtet an der Hermann-Gundert-Schule in Calw Informatik und Betriebswirtschaftslehre. Davor hat die Familienmutter aus dem Aidlinger Ortsteil Dachtel drei Jahrzehnte lang in der Industrie gearbeitet – darunter bei Hewlett Packard, IBM und einem Mercedes-Dienstleister. „Sabine, du musst Lehrerin werden“, habe ein Lehrer am Goldberg-Gymnasium Sindelfingen (GGS) vor dem Abitur zu ihr gesagt. Offenbar hatte er etwas in ihr gesehen.
Die damals 20-Jährige entschied sich für einen anderen Weg: Erst Banklehre, dann Wirtschaftsinformatikstudium an der Hochschule Pforzheim. Schon während des Studiums hatte sie die ganze Zeit über gearbeitet, die Diplomarbeit schrieb sie bei der IBM, wo sie 16 Jahre lang als Softwareentwicklerin tätig war.
Dann kam irgendwann ein Moment, als sie mit ihrem Sohn im McDonald’s saß und er sie nach ihrer Löffel-Liste fragte – also den Dingen, die man tun will, bevor man den Löffel abgibt. Da fielen Sabine Dietrich die Worte ihres Lehrers wieder ein: „Eigentlich würde ich gerne unterrichten“, gab sie ihrem verblüfften Sohnemann zur Antwort. Dieses Gespräch liegt mittlerweile gut zehn Jahre zurück. Sabine Dietrich hat sich kurz darauf schlaugemacht und erfahren, dass sie für den Einstieg ins Lehramt zusätzlich zum Diplom noch einen Master gebraucht hätte. Damals fehlte ihr dafür die Zeit. „Aber das Ziel habe ich nie aus den Augen verloren“, sagt sie.
Nach dem Abschluss sofort eine Stelle
Im Jahr 2018, sie arbeitete damals bei einem Daimler-Dienstleister, ergab sich für Sabine Dietrich die Chance, ihren Master zu machen. Mit dem Abschluss in der Tasche bewarb sie sich an einer Berufsschule in Calw. Sie bekam sofort eine Zusage. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie weder, was sie verdienen würde, noch wie genau die Weiterbildung aussehen würde. „Rückblickend war das auch gut so“, sagt sie, „hätte ich davor gewusst, was mich erwartet, hätte ich mich vielleicht nicht darauf eingelassen.“
Sie entschied sich für den Weg, den das Kultusministerium „Direkteinstieg als wissenschaftliche Lehrkraft an beruflichen Schulen“ nennt. Zusammen mit knapp 40 weiteren Gleichgesinnten begann sie 2021 mit ihrer zweijährigen Ausbildung, auf die ein weiteres Bewährungsjahr folgt. Neben zwei wöchentlichen Unterrichtseinheiten am Beruflichen Seminar in Karlsruhe stand sie schon vom ersten Tag an vor Schulklassen. „Anfangs hast du sieben Klassen und 16 Stunden, im zweiten Jahr geht es hoch auf elf Klassen und 20 Stunden“, berichtet Sabine Dietrich. Im Vergleich dazu beinhalte ein normales Referendariat deutlich weniger Unterrichtsstunden. „Aber dafür bekommen die eben auch nur einen Bruchteil des Gehalts“, verweist die 50-Jährige auf den Vorteil des Direkteinstiegs, bei dem man von Beginn an voll bezahlt werde.
Zwei extrem anstrengende Jahre
Mittlerweile ist die Ausbildung geschafft. „Ich habe fast 30 Jahre lang in der Industrie gearbeitet, aber diese zwei Jahre haben mich mehr geschlaucht als alles andere“, sagt sie. Bereut habe sie die Entscheidung nie. „Für mich ist Lehrer ein Traumjob“, sagt Sabine Dietrich. Sie freue sich jeden Tag darüber, etwas von dem weiterzugeben, was sie einst am GGS und später in der Industrie gelernt habe – auch wenn ihr Weg dorthin extrem steinig gewesen sei.
Und dann startet das Kultusministerium eine Kampagne, die ihr und anderen Direkteinsteigern wie blanker Hohn vorkommen müssen. „Ich fühle mich davon eigentlich gar nicht angegriffen“, sagt Sabine Dietrich allerdings ganz entspannt – auch wenn sie verstehen könne, dass es vielen anders geht. „Wir müssen die Menschen, die lehren möchten, in diesem System halten, motivieren und unterstützen und neue dafür gewinnen“, sagt sie.
Der alte Lehrer ist fassungslos
Als sie sich in der vergangenen Woche im Gespräch mit unserer Zeitung zu dem Thema äußert, hat das Kultusministerium noch nicht mit einer Korrektur auf die massive Kritik an dem Plakat reagiert. Die Lehrerin hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst die richtige Idee. Dem provozierenden Spruch hatte aus ihrer Sicht nämlich nur ein Wort gefehlt: „Gar keinen Bock auf deine Arbeit.“ Mit dieser kleinen Ergänzung hätte man die Botschaft entscheidend ändern können. Beim Kultusministerium ist diese Erkenntnis mittlerweile offenbar auch gereift, weswegen auf dem Plakat künftig „deine jetzige Arbeit“ stehen soll.
Ulrich von der Mülbe dürfte diese Korrektur mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Er war es, der die junge Abiturientin aus Dachtel einst zum Lehrerberuf inspirierte. „Unverschämt“, „dumm“ und „idiotisch“ nennt der pensionierte Deutsch- und Französischlehrer die Kampagne, die aus seiner Sicht völlig nach hinten losgeht, weil sie altbekannte Vorurteile über Lehrer bediene. Dabei, so der 80-Jährige, hätten alleine schon die Korrekturen für ihn eine 40-Stunden-Woche bedeutet. Von den anderen Aufgaben seiner Lehrtätigkeit ganz zu schweigen. „Warum“, fragt Mülbe sich, „hat da niemand mehr vorher drüber geschaut?“ Was ihn aber noch mehr interessiere, sei die Frage „wie viel so ein Mist kostet“.
250 000 Euro für die Kampagne – und 165 Euro für zwei Aufkleber
Die Antwort gibt ein Pressesprecher vom Kultusministerium: Momentan seien etwa 250 000 Euro für Werbemaßnahmen bis Anfang Dezember eingeplant. Es handle sich dabei wohlgemerkt um einmalige Aufwendungen, betont der Sprecher. Die beiden Aufkleber, mit denen der Plakatslogan jetzt auf der Vorder- und -rückseite ergänzt wird, haben übrigens 165 Euro gekostet.
Kampf gegen Lehrermangel
Kampagne
Das Kultusministerium wirbt mit einer Plakatkampagne für den Beruf als Lehrkraft. Am Flughafen in Stuttgart hatte der Spruch „Gelandet und gar keinen Bock auf Arbeit? Hurraaa! Mach was dir Spaß macht und werde Lehrer*in!“ Proteste von Lehrer und Bildungsverbänden ausgelöst.
Seiteneinstieg
Die Kampagne will insbesondere Quereinsteiger ansprechen. Diese können auch ohne Lehramtsstudium in den Vorbereitungsdienst für das höhere Lehramt an allgemein bildenden Gymnasien und beruflichen Schulen eintreten.