Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Duden? Eigentlich eine gute Nachricht. Doch Duden-Sprecherin Nicole Weiffen berichtet auch von „erschreckend radikalen Verwünschungen“.
Stuttgart - Es passiert nicht häufig, dass es ein grammatikalischer Begriff in die Schlagzeilen schafft. Nach dem vom Dativ bedrohten Genitiv sorgen sich die Liebhaber deutscher Sprache derzeit um das generische Maskulinum. Grund ist die Ankündigung des Duden-Verlags, in seiner Online-Version bei Personen- und Berufsbezeichnungen nun auch die jeweils weibliche Form gleichberechtigt zu berücksichtigen. Das brachte nicht nur Lob.
Frau Weiffen, die Überschrift „Duden schafft generisches Maskulinum ab“ sorgte jüngst für einen Aufschrei. Was wurde geändert?
Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis verschiedener Medien, dass das generische Maskulinum abgeschafft wurde. Auf Duden online werden nach und nach alle rund 12 000 Personen- und Berufsbezeichnungen so geändert, dass die weibliche und die männliche Form jeweils gleichberechtigt dastehen und eigens erläutert werden.
Wie war das bislang?
Da waren die weiblichen Formen meist nur sogenannte Verweisartikel, das heißt, es stand beispielsweise bei Ärztin nur „weibliche Form zu Arzt“. Um zu erfahren, was eine Ärztin macht, musste man dann nochmal klicken und bekam erst beim Artikel „Arzt“ eine Bedeutungserklärung und Beispiele. Von nun an wird auch bei Ärztin direkt erklärt, was sich hinter dem Beruf verbirgt.
Unter der verkürzten und falschen Überschrift toben heftige Diskussionen, die zeigen, wie schwarzweiß die Sichtweise in Genderfragen ist. Sicher bekommen Sie derzeit viel Post in dieser Sache. Überwiegt Kritik oder der Zuspruch?
Da hängt vom Medium ab. Über die sozialen Netzwerke bekommen wir teilweise viel Zuspruch. Dort erleben wir, dass kritische Nutzerinnen und Nutzer von anderen oft auch Erläuterungen zu unserer Vorgehensweise bekommen und uns da sehr unterstützen. Es gibt aber dort natürlich auch – und auch was Zuschriften per Mail betrifft –, zum Teil erschreckend radikale Verwünschungen und auch viel Hate Speech unter der Gürtellinie.
Von einer Abschaffung des generischen Maskulinums zu sprechen, ist also falsch. Was kritisieren Sprachliebhaber dann?
Stein des Anstoßes ist die Verwendung der männlichen Form im Plural in Sätzen wie „Die Ärzte treffen sich zur Visite“. Sie wird traditionell als generisches Maskulinum bezeichnet und soll Ärzte und Ärztinnen umfassen. Diese generische Verwendung der maskulinen Form wird auf duden.de gar nicht abgestritten und auch an Beispielen gezeigt. Von der Sprachgemeinschaft wird sie aber immer stärker hinterfragt, oft als nicht mehr zeitgemäß empfunden und häufig durch Formen wie „Die Ärztinnen und Ärzte treffen sich zur Visite“ präzisiert. Der Duden kann und will eine geschlechtsübergreifende Verwendung der maskulinen Form nicht abschaffen.
Im Sprachgebrauch ist das generische Maskulinum aber auf dem Rückzug...
Ja, man sieht sehr deutlich, dass diese tradierte Form immer weiter zurückgedrängt wird und die Sprachgemeinschaft ganz offenbar auf der Suche nach anderen Formen der Wiedergabe unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten ist. Das reicht von der Doppelnennung wie Lehrerinnen und Lehrer über abstraktere Wortbildungen wie Lehrkräfte bis hin zum Einsatz von Zeichen wie Lehrer*innen. Der Duden verändert die Sprache also nicht. Und das könnten wir auch gar nicht.
Die Leiterin der Duden-Redaktion sagte jüngst in einem Interview, dass sie viele Zuschriften bekommen hätten, die eine Gleichstellung der Geschlechter forderten. Reichen Proteste, damit die Duden-Redaktion Änderungen vornimmt?
Nein, Proteste haben da keinen Einfluss. Wir orientieren uns in unseren Entscheidungen konsequent am allgemeinen Sprachgebrauch. Das tun wir bei allen Änderungen in den Wörterbüchern – auch zum Beispiel bei der Aufnahme neuer Wörter. Die Materialgrundlage für die Neuaufnahme und Definition von Wörtern in unseren Wörterbüchern stellt das Dudenkorpus, eine digitale Textsammlung mit aktuell 5,7 Milliarden laufenden Wortformen, dar. Wir sehen auch bei der Auswertung des Dudenkorpus, dass es diese veränderte Sprachnutzung der männlichen und weiblichen Formen gibt. Wenn es diese Veränderungen nicht gäbe, würden auch Proteste oder Vorschläge nichts nützen.
Kritiker Ihrer Änderungen sagen, die seien überflüssig, weil Frauen ja immer mitgemeint seien. Was antworten Sie denen?
Es mag sein, dass viele sich nichts Böses denken, und wirklich auch Frauen meinen, wenn sie von „Lehrer“ sprechen. Forschung zeigt aber immer wieder, dass sich Frauen oft nicht mit angesprochen fühlen. Das gilt schon bei Schulkindern, wie eine Studie von 2015 zeigt. Wenn von Menschen mit bestimmten Berufen die Rede ist und diese nur in männlicher Form präsentiert werden, können sich Mädchen nicht mit dieser Rolle identifizieren.
Haben Sie ein Beispiel?
„Was denkst du, macht ein Pilot?“ hat eine andere Wirkung als „Was denkst du, macht eine Pilotin oder ein Pilot?“ Immer wieder zeigt sich, dass gerade bei Berufsbezeichnungen geschlechtergerechte oder geschlechtersensible Sprache besser abschneidet. Das heißt: Mädchen und Frauen fühlen sich eher angesprochen, wenn auch die weibliche Form verwendet wird. Und sie trauen sich vor allem eher zu, diesen Beruf selbst auszuführen.
In der Zeitung ist Platz kostbar. Statt auf Wendungen wie „Künstler und Künstlerinnen“ greifen wir Journalisten oft auf das generische Maskulinum zurück. Was raten Sie uns? Haben Frauen Recht mit der Argumentation, dass sie zu oft ausgeschlossen werden?
Das müssen Zeitungsredaktionen intern klären, wie sie mit dem Thema umgehen. Da geben wir keine Ratschläge. Wir werden schon seit einigen Jahren immer wieder gefragt, wie man geschlechtergerecht formulieren kann und haben deshalb zu dem Thema verschiedene Ratgeber herausgegeben.
Linguisten sagen, dass Sprache soziale Wirklichkeit konstruiert. Erhoffen Sie sich von den Änderungen im Duden Auswirkungen auf die gesellschaftliche Realität – das heißt mehr Geschlechtergerechtigkeit?
Es geht nicht darum, dass der Duden gesellschaftliche Realität beeinflusst. Das war und ist nicht unser Ziel und unsere Aufgabe. Die Realität ist, wie sie ist. Wir dokumentieren die Sprache, wir formen sie nicht. Der Duden greift nicht normierend in den Sprachgebrauch ein. Die Änderung fußt auf einem veränderten Sprachgebrauch, den die Dudenredaktion nachzeichnet. Eine Bedeutungsbeschreibung ist nie eine Norm, sondern immer eine Extraktion und Abstraktion aus verschiedenen Verwendungen eines Wortes, damit ist sie auch ständigen Veränderungen unterworfen.
Wie geht der gedruckte Duden mit diesen Veränderungen um?
Schon seit über 20 Jahren werden in den Dudenwerken bei der Neuaufnahme von Personen- und Berufsbezeichnungen die männliche und weibliche Form verzeichnet, so seit dem letzten Sommer auch der Influencer und die Influencerin. Im klassischen Rechtschreibduden gibt es in der Regel weder für die männliche noch für die weibliche Berufsbezeichnung eine Erklärung. Einfach aus Platzgründen. Auch bei vielen anderen Einträgen ist das so. Sonst wäre der Rechtschreibduden ein dreibändiges Wörterbuch. Auf Duden online hingegen gibt es kein Platzproblem. Dort können wir sowohl für die männliche als auch für die weibliche Berufsbezeichnung eine Erklärung und auch Beispiele mitliefern. Das ist geschlechtergerecht, serviceorientiert, spart Klicks und macht die Seite einfacher nutzbar.
Info
Zur Person: Nicole Weiffen ist studierte Germanistin und seit 21 Jahren für den Dudenverlag tätig, aktuell leitet sie den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Im Dudenverlag mit Sitz in Berlin arbeitet ein Team an der Dokumentation von Wortschatz und Sprachwandel des Deutschen und leitet aus den Beobachtungen Empfehlungen ab.