Anmut, Grazie und Körperbeherrschung sind bei der Sportgymnastik wichtig Foto: Pressefoto Baumann

Sportgymnastin Katerina Luschik und ihre Mutter Swetlana behaupten, die Sportlerin sei am Stützpunkt Fellbach-Schmiden von den Trainerinnen beschimpft, geschlagen und mit Essverbot belegt worden. Die bestreiten dies jedoch.

Sportgymnastin Katerina Luschik und ihre Mutter Swetlana behaupten, die Sportlerin sei am Stützpunkt Fellbach-Schmiden von den Trainerinnen beschimpft, geschlagen und mit Essverbot belegt worden. Die bestreiten dies jedoch.

Stuttgart - „Du bist fett, hast einen dicken Arsch – geh’ in dein Hotelzimmer, dich wiegen!“ Worte, die wehtun. Besonders, wenn sie ein 17 Jahre altes Mädchen treffen, das 1,60 Meter groß ist und 46 Kilogramm wiegt. Katerina Luschik soll nicht nur einmal, sondern häufig harsch angegriffen worden sein. Verbal und körperlich. Die Sportgymnastin aus Halle/Saale und ihre Mutter Swetlana (35) behaupten, die Sportlerin sei am Stützpunkt Fellbach-Schmiden von den Trainerinnen Natalia S. und Karina P. beschimpft, geschlagen und mit Essverbot belegt worden. „Ich habe Anzeige wegen Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und unrechtmäßiger Medikamentengabe erstattet“, sagt Swetlana Luschik den Stuttgarter Nachrichten.

Der Reihe nach. Im Herbst 2013 war die Sportgymnastin vom SKC TeBeA Halle ins Leistungszentrum nach Schmiden gezogen, sie sollte die Nationalmannschaft verstärken. Bei Wettkämpfen in Moskau, Thiais und Stuttgart durfte sie auf die Matte; aus Gründen, die Mutter und Tochter nicht nachvollziehen konnten, wurde der Teenager für die deutschen Meisterschaften in Halle sowie den Weltcup in Minsk und die EM in Baku nicht mehr berücksichtigt. „Ich wollte die Gründe erfahren“, sagt Swetlana Luschik, „ein Gespräch mit einer Trainerin hat stattgefunden, danach wurden Mails und Nachfragen nicht mehr beantwortet.“

Schließlich wollte die 35-Jährige nicht mehr schweigen. Ihre Tochter hatte schlimme Dinge berichtet. Von einem Schlag ins Gesicht vor einem Wettkampf. Davon, dass den Mädchen Essensgutscheine abgenommen wurden und sie einen Tag nichts zu essen hatten. Davon, dass eine Trainerin Katerina eine unbekannte Tablette gegen Fieber gegeben hatte. Und dass die deutsche Meisterin häufig beleidigt wurde („Schlampe“, „fette Kuh“ „du hast ganz Deutschland blamiert“). „Ich habe spät reagiert, weil meine Tochter mich bat, zu schweigen. Sie wollte sich durchbeißen, sie liebt ihren Sport“, sagt Swetlana, „als sie aus dem Team flog, redete ich intensiv mit ihr. Ich habe gesagt, dass sie nur Nachteile hat, wenn sie weitermacht.“ So entschlossen sich Mutter und Tochter, an die Öffentlichkeit zu gehen, Anzeige zu erstatten – und die Karriere aufzugeben.

Beim Deutschen Turner-Bund (DTB) werden die Vorwürfe sehr ernst genommen. Sportdirektor Wolfgang Willam führte Gespräche mit Swetlana Luschik, sämtlichen Sportlerinnen sowie den beschuldigten Trainerinnen. „Sie haben in eindeutig und klar erklärt, dass die Vorwürfe nicht zutreffen. Aus der Anhörung aller Gymnastinnen der Nationalmannschaft ergibt sich ebenfalls, dass die Vorwürfe nicht bestätigt wurden“, teilte der DTB mit. Da Katerina Luschik jedoch weiter auf ihrer Version beharrte, stellte der Verband gegenüber den beiden Trainerinnen klar, dass „sofortige arbeitsrechtliche Konsequenzen folgen, wenn sich herausstellen sollte, dass einzelne Punkte ihrer Erklärung nicht zutreffen“. Der DTB will prüfen, welche Maßnahmen am Stützpunkt zu ergreifen sind, um ähnliche Konfliktfälle frühzeitig zu erkennen. Am 24. Juni findet zudem ein Treffen des DTB mit dem Bundes-Innenministerium statt.

Eine verzwickte Aufgabe. Leistungssport und Ponyhof passen nicht zusammen; dass für eine große Karriere viel geschwitzt werden muss, sollte bekannt sein. Dass auch mal ein schroffer Ton herrscht, ebenfalls. Doch es gibt Grenzen, und die wurden für Eckhard Herholz in Schmiden überschritten. „Dort herrscht eine üble Atmosphäre. Die Methoden, die angewandt werden, sind nicht tragbar – sie verletzen die Würde“, kritisiert der Wahl-Berliner, der in der DDR und später der BRD Turn-Nachwuchstrainer in Halle war. „Wir waren damals auch streng, aber der Spaß am Sport und die Liebe zu den Kindern waren oberste Gebote“, betont Herholz, der sich zum Leistungssport bekennt. Doch im Training dürfe kein Zwang angewandt werden, die Schützlinge müssten selbst zur Überzeugung gelangen: Ich muss mich schinden, weil ich was erreichen will.

Die Vorwürfe in der Sportgymnastik sind nicht neu, die Beteiligten lassen sich aber nur ungern ins Allerheiligste blicken – so wurde einst eine Dissertation einer Wissenschaftlerin blockiert, als sie die Methoden des Trainingsalltags beleuchten wollte. „Seit Jahren hat sich kaum etwas geändert“, sagt ein Insider, der früher selbst in der Knochenmühle steckte, „auch wir durften im Training oft nicht trinken und bekamen bei Turnieren streng zugeilte Essensrationen.“ Die ehemalige Vorzeige-Gymnastin Magdalena Brzeska muss kein Blatt mehr vor den Mund nehmen: „Wir wurden viermal am Tag auf die Waage gestellt – wer 200 Gramm zu viel hatte, musste ins Straftraining.“ Die deutsche Meisterin Sandra Schöck flog sogar aus der Halle, weil sie 55 statt 49 Kilogramm wog. „Es gab zwei Alternativen“, sagt Brzeska, „das zu tun, was die Trainerin verlangt – oder die Karriere zu beenden.“ Für Zweiteres hat sich Katerina Luschik entschieden. Doch es gibt ein Nachspiel.

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