Andreas Toba war nach einer Kreuzbandverletzung im vergangenen Herbst am Boden – sportlich und psychisch. Nun ist der Turner zurück – und will einen olympischen Makel beseitigen.
Das Scheinwerferlicht, die Zuschauer, die große Halle – wie hat er das alles vermisst?! Und wie hat er das alles wieder genossen?! Vergangene Woche schon in Baku, ganz besonders dann am Freitagabend beim DTB-Pokal in Stuttgart, wo ihn die Zuschauer besonders laut begrüßt, angefeuert und gefeiert haben. Andreas Toba turnte, winkte, lachte – und sagte: „Es hat mir gefehlt, internationale Wettkämpfe zu turnen.“ Viele Monate lang.
Es war der Tag, bevor im vergangenen Herbst die Wettkämpfe der Männer bei der Weltmeisterschaft in Antwerpen begannen – als Andreas Toba klar wurde, dass diese Titelkämpfe ohne ihn an den Geräten stattfinden werden. Anstatt sich auf seine Übungen vorzubereiten, saß er plötzlich mit einem Eisbeutel auf dem Knie auf dem Hallenboden. Das war bitter – aber da war Hoffnung, „dass es nichts Gravierendes ist“. Doch die Untersuchungen in den folgenden Tagen ergaben: Es ist etwas Gravierendes, das plötzlich vieles infrage stellte.
„Ganz am Anfang gab es schon die Gedanken und die Frage: War’s das jetzt?“, erinnert sich der Turner aus Hannover, der mit seinen nun 33 Jahren schließlich nicht mehr der Jüngste ist in der Riege des Deutschen Turnerbundes (DTB). Immerhin kann er heute sagen, er habe „Glück im Unglück“ gehabt. Weil er sich zwar am Kreuzband verletzt hatte, aber es sich eben nur um einen Anriss handelte. Trotzdem folgten zunächst dunkle Zeiten.
Von der „wahrscheinlich schwierigsten Situation meines Lebens“ und „wenig Licht am Horizont“ schrieb Toba in den sozialen Medien, später dann davon, dass das Jahr 2023 „das schwierigste meines Lebens“ gewesen sei. Was er aber auch schnell kundtat: „Ich kämpfe.“ Also kämpfte er. Wie ein Löwe, wie ein Held, wie der „Hero de Janeiro“.
Andreas Toba war 2016 der „Hero de Janeiro“
Im Spätsommer 2016 war es, als Andreas Toba diesen Beinamen verpasst bekam. Im Teamwettkampf der Olympischen Spiele in Brasilien verletzte sich der Turner schwer am Knie, ging dann aber trotz des Kreuzbandrisses noch einmal ans Gerät und verhalf der deutschen Riege mit seiner Übung am Pauschenpferd zur Finalteilnahme der besten acht. „Das“, sagt er heute, „gehört seitdem zu meinem Leben, zu meiner Geschichte.“ Ein Problem, immer wieder darauf angesprochen zu werden, hat er nicht. Doch lebt er eben auch nicht in der Vergangenheit.
Nach den schmerzvollen Momenten in und nach Antwerpen seien dann doch auch „schnell wieder positive Gedanken“ gekommen, versichert der Hannoveraner. Schließlich hat er sich vorgenommen, noch einmal ein großes Ziel zu erreichen: seine vierte Teilnahme an Olympischen Spielen. „Das wäre eine schöne Marke“, sagt er. Noch wichtiger als die schnöde Zahl ist ihm: „Ich bin es mir schuldig, es zu schaffen.“ Denn: „Ich habe bei Olympia noch nicht alles gezeigt, was ich kann.“ 2012 war er in London dabei, 2016 in Rio, 2021 in Tokio. Nun soll Paris hinzukommen.
„Training, Training, Training – dazu viele Wettkämpfe, um Stabilität und Selbstvertrauen zu bekommen.“ So beschreibt Andreas Toba seinen Plan für die kommenden Wochen, er könne im Training wieder „alles machen“, jedes Gerät turnen. Am Freitag in Stuttgart startete er an den Ringen, am Sprung, am Barren und am Reck – ein strammes Programm, das keine Schonung verträgt. Das Fazit? Fiel positiv aus. „Ich habe gezeigt, dass das Feuer in mir noch brennt“, sagte Toba, der das Reck-Finale erreichte.
In Antwerpen hatte sich das deutsche Team als fünftbeste Mannschaft der Welt für Paris qualifiziert, Lukas Dauser holte Gold am Barren und wurde später zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt. „Ich bin dankbar, mit solch einem Ausnahmesportler zusammenarbeiten und ihn einen Freund nennen zu dürfen“, sagt Toba – der ebenfalls viel Wertschätzung erfährt.
Die EM ist ein wichtiges Zwischenziel
„Mit Andreas hätten wir noch besser abgeschnitten“, ist Waleri Belenki sicher. Prognosen, wer es ins Team für die Spiele in der französischen Hauptstadt schafft, will der deutsche Bundestrainer aber noch nicht abgeben. Vor Paris steht ja auch noch die EM in Rimini auf dem Programm. „Die“, sagt Belenki, „ist sehr wichtig für uns.“ Und auch für Andreas Toba.
Damit er für das Jahr 2024 ein ganz anderes Fazit ziehen kann als für 2023.