Die deutschen Turnerinnen verstehen sich als Team, in den kommenden Wochen kämpfen die meisten von ihnen aber um ihre individuelle Olympia-Chance. Wie gehen die Athletinnen damit um? Beim DTB-Pokal gibt es ein erstes Kräftemessen.
Waleri Belenki hatte es ja nur als Scherz gemeint. Soeben hatte Gerben Wiersma, der Bundestrainer der deutschen Turnerinnen, erzählt, er habe Elisabeth Seitz im Training eine starke Stufenbarrenübung turnen sehen. Ausgangswert der Kür: 6,1. Belenki, eigentlich Coach der deutschen Männer, schaute zu Meolie Jauch hinüber und fragte: „Was ist der Wert deiner Übung?“ Die Turnerin aus Stuttgart: „5,9.“ Daraufhin Belenki: „Dann fehlen noch zwei Zehntel.“
Alle lachten, es war ja auch lustig – aber: Dieses Zahlenspiel hat auch einen ernsten Hintergrund. Denn Meolie Jauch (17) absolviert ihre Einheiten zwar in derselben Trainingsgruppe wie Elisabeth Seitz (30), beide haben auch den Stufenbarren als Paradegerät. Wenn es im Juni dieses Jahres aber um die Frage geht, wer einen fixen Platz im deutschen Olympiateam bekommen wird, kann einen solchen nur eine von den beiden ergattern. Denn: Es gibt nur einen.
Meolie Jauch und Elisabeth Seitz sind zudem nicht die einzigen Turnerinnen, die sich Hoffnungen machen, Ende Juli ins olympische Dorf in Paris einzuziehen. Fünf oder sechs seiner Schützlinge, schätzt der Coach Gerben Wiersma, kämen für diesen einen vakanten Startplatz infrage. Mindestens drei von ihnen gehen an diesem Wochenende beim DTB-Pokal in der Stuttgarter Porsche-Arena an die Geräte. Neben Meolie Jauch ist das ihre Stuttgarter Kollegin Helen Kevric, die in diesem Jahr erstmals bei den Seniorinnen turnt und als Juniorin viele Medaillen gesammelt hat. Darüber hinaus ist Karina Schönmaier, die ihre Stärke an Boden und Sprung hat, unter anderem noch dabei. Elisabeth Seitz und Emma Malewski sind nach ihren Verletzungen (Achillessehnenriss bzw. Riss des Syndesmosebandes) noch nicht wettkampfbereit.
Elisabeth Seitz und Emma Malewski arbeiten am Comeback
Vor allem wegen der Blessuren der beiden Einzeleuropameisterinnen von 2022 – Seitz siegte damals am Stufenbarren, Malewski am Schwebebalken – fehlten der deutschen Riege bei der WM 2023 in Antwerpen entscheidende Punkte, um sich als Team für Paris zu qualifizieren. Es war denkbar knapp, doch am Ende hatten sich eben nur Pauline Schäfer-Betz und Sarah Voss je einen persönlichen Startplätze für die Sommerspiele erturnt. Ein Quotenplatz wurde es zudem, der darf nun noch besetzt, eine Ersatzturnerin nominiert werden. Alle um einen – so lautet nun das Motto, vor allem bei den beiden Qualifikationswettkämpfen im Juni.
Das kann zu Spannungen, übertriebenem Konkurrenzdenken oder auch ungesundem Ehrgeiz führen. Gerben Wiersma hat davon, so beteuert er, aber noch nichts wahrgenommen. „Aus meiner Sicht gibt es bisher kein Problem, keinen Fight“, sagt der Cheftrainer – und sieht dafür vor allem einen Grund: „Die Qualifikationskriterien.“ Die seien „sehr klar, sehr objektiv, sehr fair“.
Die vom Deutschen Turnerbund (DTB) aufgestellten Regeln besagen Folgendes: Wer von den infrage kommenden Turnerinnen mit den Wertungen in den beiden relevanten Quali-Wettkämpfen am nächsten an einer Medaillenchance ist, löst das Ticket in die französische Hauptstadt. Nachgewiesen werden muss die Leistung nicht in einem Mehrkampf, es reicht ein starkes Gerät – was vor allem für jene Turnerinnen ein Vorteil ist, die sich nach einer Verletzung zurückkämpfen und somit nicht gleich an vier Geräten in Form kommen müssen.
Weil dies alles so klar geregelt sei, meinte Wiersma, spiele auch die Frage keine Rolle, ob er auf eine routinierte oder eine noch junge Turnerin setzt. Solche Überlegungen kämen erst dann ins Spiel, wenn wider Erwarten keine der Turnerinnen eine Topleistung anbieten würde. Schon bei der WM hätten alle den Teamgedanken nach vorne gestellt – auch dann noch, als klar war, dass die Mannschaftsqualifikation auf der Kippe stand. Was er von den kommenden Monaten erwartet? „Es wird“, sagt der Niederländer, „auf jeden Fall sehr interessant.“
Noch sind alle „entspannt“
Bis zu den entscheidenden Wochen ist es noch ein bisschen hin. „Ich sehe das noch ganz entspannt“, versichert daher Helen Kevric in den Tagen vor dem DTB-Pokal. Meolie Jauch sieht es genauso, meint zwar: „Ein bisschen Eifersucht ist schon immer dabei.“ Sie betont aber auch, die Stimmung unter den Athletinnen sei nach wie vor sehr gut, Elisabeth Seitz und sie würden sich im Training gegenseitig unterstützen – Helen Kevric turnt auch in Stuttgart, aber in einer anderen Trainingsgruppe –, alles sei „entspannt“. Nichtsdestotrotz gelte für sie wie für alle anderen: „Eine Olympiateilnahme ist mein größter Traum, ich werde alles geben, diesen Platz zu bekommen.“ Stockt sie ihren Ausgangswert also tatsächlich noch um zwei Zehntel auf?
Meolie Jauch lächelt. Sie bleibe beim DTB-Pokal und mit Blick auf die EM Ende April in Neapel erst einmal bei ihrer bisherigen Übung, sagt sie. Ergänzt aber auch: „Ein bisschen Luft nach oben ist noch.“