Nach der Jagd wird „die Strecke gelegt“ und schließlich „verblasen“, wie es im Jägerlatein heißt. Foto: Archiv/Käthe Ruess

An diesem Samstag findet die größte Drückjagd im Kreis Böblingen mit rund 600 Teilnehmern statt. Diese Jagden helfen, den Bestand zu regulieren. Denn zu viele Tiere gefährden den Baumwuchs und begünstigen Krankheiten.

An diesem Samstag geht es im westlichen Schönbuch rund. Ab 9.30 Uhr ziehen etwa 250 Treiber mit rund 100 Hunden durch den Wald. Dort warten etwa 350 Jäger – verteilt auf 15 Reviere – auf das Reh-, Rot- und Schwarzwild. Diese Drückjagd ist die größte Im Kreis Böblingen und spielt sich auf 2400 Hektar Fläche ab. „Wie viele Tiere letztlich erlegt werden, hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Kreisjägermeister Claus Kissel, „das lässt sich nicht vorhersagen.“ Es sei aber notwendig, den Bestand einmal im Jahr im größeren Stil zu regulieren, die einzelnen Jäger allein würden das nicht schaffen. „Es gibt Reviere, wo rund 50 Prozent der Jahresstrecke bei der Drückjagd zustande kommen.“

 

Die Jagdsaison endet im Januar

Insgesamt acht revierübergreifende Drückjagden finden in dieser Saison im Kreis Böblingen statt, der Auftakt verlief im Raum Gärtringen-Aidlingen am 12. November, die letzte Jagd steht am 11. Januar zwischen Weil im Schönbuch und Steinenbronn an. „In den vergangenen Jahren haben wir pro Saison insgesamt etwa 300 bis 350 Stück Wild erlegt“, weiß Kissel. Einen Ausreißer gab es 2019/2020 – da waren es mehr als 500, davon allein 230 Wildschweine, die wegen der drohenden Schweinepest besonders im Fokus standen. Dagegen hat zuletzt die Zahl der erlegten Wildschweine wieder stark nachgelassen. „Warum, wissen wir nicht genau“, gibt Kissel zu.

Setzt eine Drückjagd die Tiere nicht zu sehr unter Stress? „Ohne geht es nicht, wenn man ausgewogene Verhältnisse im Wald haben will“, betont der Ehninger, „und bei der Drückjagd sind wir in sehr kurzer Zeit sehr effektiv, machen das ja auch nur einmal im Jahr im jeweiligen Gebiet.“ In Absprache mit dem Forst gehe es darum, eine sinnvolle Zahl an Tieren im Wald zu haben. „Weder zu viele noch zu wenige.“ Der Waldbau müsse funktionieren, ein zu starker Verbiss gefährde die Aufzucht der Bäume. Zudem sollten sich Krankheiten nicht ausbreiten können – zuletzt war die Gefahr der Afrikanischen Schweinepest, von der es einige Fälle in Ostdeutschland gab, ein großes Thema – auch wenn sie für den Menschen keine Gefahr darstellt. „Ideal ist, wenn erlegt wird, was wieder nachwächst“, sagt der Kreisjägermeister, „das ist unser Ziel.“

Unsichtbares Rehwild

Viel stressiger als die vereinzelten Drückjagden, so Kissel, sei der enorme Betrieb im Wald. Spätestens seit Corona seien die Wälder im Kreis Böblingen überlaufen, werden intensiv als Naherholungsgebiet und auch als Event-Gelände genutzt. „Wenn Rehe und Wildschweine ständig irgendwelchen Mountainbikern begegnen, setzt sie das stark unter Druck“, sagt Claus Kissel, „Rehwild ist für uns Jäger fast unsichtbar geworden, weil es sich stark zurückzieht.“

Einer, der das erlegte Wild in seiner Küche bearbeitet, ist Timo Böckle. Von der Fleischqualität her zieht der Chef des Hotel-Restaurants Reussenstein in Böblingen grundsätzlich den Einzelabschuss vor – weniger Stress bedeutet höhere Fleischqualität, wenn der Jäger vom Hochsitz aus alle Zeit der Welt hat, das nichts ahnende Tier sauber zu treffen. „Aber die Drückjagden sind vorgeschrieben und müssen sein, also geht es darum, aus dem ohnehin erlegten Wild ein gutes Lebensmittel zu machen“, sagt der Koch. Zudem bekomme er die benötigte Fleischmenge per Einzelabschuss gar nicht zusammen. „Vor allem Wildschweine wurden in letzter Zeit kaum erlegt – da habe ich großen Bedarf und bin daher auf die Drückjagd angewiesen.“

Ein Koch mit Prinzipien

Also komme es aus seiner Sicht darauf an, die Tiere möglichst nicht zu lange zu treiben, und vor allem, sie optimal zu erwischen. Ein schneller Tod bedeute weniger Stress und besseres Fleisch. Der berühmte „Blattschuss“ trifft im sogenannten Kammerbereich nahe Herz und Lunge. Dafür üben die Schützen unter dem Jahr mit beweglichen Zielen. „Ich kaufe aus Prinzip kein Wild das an der falschen Stelle getroffen wurde“, betont Timo Böckle. Zudem misst der Böblinger den PH-Wert, der weder zu hoch noch zu niedrig sein darf, damit das Fleisch optimal reifen kann.

Er selbst wird voraussichtlich bei Tübingen auf die Ergebnisse der Drückjagd warten – und sicher einige Treffer landen.

Straßensperrungen wegen Drückjagd

Definition
 Als Drückjagd bezeichnet man eine Form der Treibjagd, bei der Wild gedrückt, das heißt von Treibern und Hunden veranlasst wird, sich in Richtung der aufgestellten Jäger zu bewegen. Bei Drückjagden wird versucht, das Wild bewusst langsam in Bewegung zu bringen, um einen sicheren Schuss zu ermöglichen.

Kontrast
In Abgrenzung zu Drückjagden, die auf Reh und Wildschwein und hauptsächlich im Wald ausgeübt werden, sind bei Treibjagden mit Schrot meist Hasen, Federwild oder Füchse im offenen Land im Visier.

Sperrungen
 Die revierübergreifenden Drückjagd an diesem Samstag, 26. November, findet im westlichen Schönbuch statt. Dazu werden in der Zeit zwischen 9 und 14.30 Uhr die Landstraße zwischen Herrenberg und Hildrizhausen (auf einem Teilstück im Bereich des Waldfriedhofs) sowie die Straße zwischen Rohrau und Hildrizhausen für den Verkehr gesperrt.