Druck im Fußball Die Angst des Profikickers vor dem Versagen

Von Gunter Barner 

Fußballprofi Per Mertesacker, Arsenal London: Bis zur totalen Erschöpfung. Foto: AP
Fußballprofi Per Mertesacker, Arsenal London: Bis zur totalen Erschöpfung. Foto: AP

Per Mertesacker hat die Diskussion los getreten: Wie viel Druck muss ein Profifußballer ertragen können? Die Antwort gibt Autor Gunter Barner im Kommentar: „Spitzensport fußt auf einem Menschenbild, das physische und psychische Leistungsfähigkeit als unerschöpfliche Ressource voraussetzt. Ein gefährlicher Irrtum.“

Stuttgart - Wer je das Vergnügen hatte, den Ausnahmefußballer Per Mertesacker, 1,99 m, kennenzulernen, der wird ihn in einem Satz so beschreiben: Er hat sich nie größer gemacht, als er ist. Kurz vor seinem Karriere-Ende spricht der Weltmeister und Kapitän des englischen Erstligisten Arsenal London nun in aller Bescheidenheit über ein Thema, das im Spannungsfeld zwischen Helden und Versagern so verpönt ist, wie den Ball ins eigene Tor zu dreschen. Mertesacker schildert im „Spiegel“ offenherzig und ohne jedes Selbstmitleid die Seelenpein eines Berufssportlers, der unter der Last der öffentlichen Erwartungen ächzt. Der Hüne, stets selbstbewusst und eloquent im Auftritt vor den Medien, quälte sich offenbar Zeit seiner Laufbahn mit der Angst vor dem Versagen. Sein Körper begehrte auf, reagierte mit Brechreiz, Schlaflosigkeit und Symptomen totaler Erschöpfung. Durch die Adern schoss das Adrenalin, bis endlich der erste Pass fehlerfrei zu seinem Adressaten gelangte.

Die Muskelspiele der Heuchler

Das Interessante an Mertesacker’ Offenbarungen sind weniger die auch aus anderen Sportarten bekannten Begleitumstände, sondern die eingeübten Reflexe einer Hochleistungsgesellschaft darauf: Unverständnis von einigen Berufskollegen wie Lothar Matthäus, Häme und Spott von Missgünstigen, die in den sozialen Medien die Muskeln spielen lassen, sich selbst aber hinter Fantasienamen vor der Öffentlichkeit ducken. Eine Heuchelei, die zuvorderst eines zeigt: Wenn Sportler zu quasi religiösen Super-Helden stilisiert werden, ist für die üblichen Schwächen von Körper und Geist kein Platz. Dabei ist es hilfreich, einmal über den Geschäftszweck öffentlicher Darbietungen im Leistungssport zu diskutieren. Er fußt nicht selten auf einem Menschenbild, das physische und psychische Leistungsfähigkeit als unerschöpfliche Ressource voraussetzt. Ähnliche Denkweisen prägen vielerorts auch die Arbeitswelt. Doping-Verstöße im Spitzensport sind hausgemacht, Aufputschmittel im Büro willkommene Krücken, um Stammplatz und Stellenwert zu behaupten.

Mourinhos schiefer Vergleich

Die weit verbreitete Annahme, die Fähigkeit eines Menschen dem Erwartungsdruck zu widerstehen, erhöhe sich proportional zu seinem Kontostand, ist absurd. Jeder, der öffentlich Leistung nachweisen muss, kennt die Nervosität, das Lampenfieber und die Furcht sich zu blamieren. Es ist eine alte Erkenntnis, dass aus dem Mut eines Menschen Schwäche zu zeigen, häufig erst mentale Stärke erwächst. Aber getrieben von der Angst in ihrer Fehlbarkeit weniger wert zu sein als andere, flüchten sich gerade Spitzenkräfte gern in Ironie, Sarkasmus oder übertriebene Autorität anstatt Schwächen einzuräumen. „Druck habe ich nur, wenn ich morgens auf die Toilette gehe““, ätzte einst Oliver Reck, Torhüter von Werder Bremen. Und der große Fußballtrainer José Mourinho zog pseudo-intellektuell den schiefen Vergleich: „Druck? Was für ein Druck? Druck ist, wenn arme Menschen überall in der Welt versuchen, ihre Familien zu ernähren. Wenn sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten müssen, um ihre Kinder zu füttern. Es gibt keinen Druck im Fußball.”

Jeder Mensch empfindet anders

Wie schwer die Ängste vor dem öffentlichen Versagen tatsächlich wiegen, empfindet aber jeder Mensch individuell. Was den einen krank macht, kann den anderen motivieren. Ein Sport, der sich nicht zuletzt über ethische Werte legitimiert, tut jedenfalls gut daran, seinen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen hin und wieder zu überprüfen. Die Schilderungen von Per Mertesacker taugen gewiss nicht als Fanal wider die Unmenschlichkeit im Hochleistungssport. Aber als Erinnerung daran, dass es keine Stärke des Anstands ist, die Schwäche anderer zu missbilligen.

gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de

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