Die Brennstoffzellentechnologie ist auf dem Vormarsch – das Foto zeigt eine Montagelinie am Cellcentric-Standort in Kirchheim-Nabern. Foto: Daimler AG/Global Communication

Die Pläne der Daimler-Tochter Cellcentric, am Albrand eine große Brennstoffzellenfabrik zu bauen, stößt auf große Zustimmung in der Politik. Aber jetzt müssen die Bürger überzeugt werden.

Weilheim - Die Wand des Schweigens hat beachtlich lange gehalten. Bereits seit geraumer Zeit ist Cellcentric, das Joint Venture der Daimler Truck AG und der Volvo Group, auf der Suche nach einem geeigneten Standort für die geplante Brennstoffzellen-Großproduktion. Doch erst jetzt, nachdem in Weilheim bereits ein erster Runder Tisch mit Vertretern des Gemeinderats, der Umweltverbände, der örtlichen Wirtschaft und anderen Fachleuten tagte, ließ es sich nicht mehr länger verheimlichen: Die Suche ist wohl erfolgreich gewesen.

 

Im Frühjahr 2023 will Cellcentric mit dem Bau des Milliardenprojekts im Kreis Esslingen beginnen, im Lauf des Jahres 2025 oder ein Jahr später könnte dann die Produktion starten. 15 Hektar des insgesamt 30 Hektar großen Weilheimer Industriegebiets Rosenloh braucht Cellcentric für die Fabrik. Die restlichen Flächen sollen Unternehmen aus der Region für ihre Erweiterungspläne zur Verfügung gestellt werden. Rund 800 Arbeitsplätze sollen dem Vernehmen nach auf dem Gelände entstehen.

Zunächst einmal aber ist Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle gefragt, der nun nicht nur die Mehrheit im Gemeinderat, sondern auch die Bevölkerung von dem Projekt überzeugen muss. Im Gemeinderat scheint die Zustimmung gewiss. Bereits seit Längerem wird dort über das neue Industriegebiet geredet – und die Zahl der Kritiker in dem Gremium hielt sich bisher in Grenzen.

Bürgerversammlung noch in diesem Jahr

Bei den Bürgern könnte es deutlich schwieriger werden: Die Stadt hat deshalb bereits angekündigt, dass es weitere Runde Tische, eine groß angelegte Informationsoffensive und eine öffentliche Bürgerversammlung geben soll, alles noch im Laufe dieses Jahres. Da der Standort Rosenloh nur fünf Kilometer vom Hungerberg in Dettingen entfernt liegt, ist auch in Weilheim die Sorge groß, dass sich Protest formiert, der dann in einen Bürgerentscheid mündet. Mit diesem Instrument haben Kritiker unlängst Pläne für einen Hochtechnologiestandort in Dettingen zunichte gemacht. Allerdings ist die Situation nicht ohne Weiteres auf Weilheim und das Cellcentric-Projekt übertragbar.

Thomas Kiwitt, der Chefplaner des Stuttgarter Regionalverbands, betont, dass es sich in Weilheim nicht um einen regionalen Grünzug handelt, der nun bebaut werden soll: „Das ist etwas ganz anderes“ sagt er. „Deshalb gibt es vonseiten der Region überhaupt keine Bedenken. Wir müssen in Weilheim als Region überhaupt nicht eingreifen.“

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Letztlich, so Kiwitt, sei das neue Weilheimer Industriegebiet Rosenloh eine Fortsetzung eines bereits bestehenden Gewerbeareals, das sich südlich an eine Straße zwischen der Autobahn und Weilheim anschließe. Deshalb gebe es aus seiner Sicht keine Probleme an dieser Stelle. Der Hungerberg hingegen liegt in einem Grünzug, und noch etwas ist anders. Es war bis zuletzt völlig unbekannt, welche Unternehmen sich dort ansiedeln wollen oder sollen. In Weilheim hat sich mit der Daimler-Tochter Cellcentric nun ein renommiertes Unternehmen an die Öffentlichkeit gewagt, die Pläne sind viel konkreter. Die Bevölkerung, so Kiwitt, müsse also „nicht die Katze im Sack kaufen“ – und das werde gewiss eine Rolle spielen.

Der Investor ist bekannt – das könnte ein Vorteil sein

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnete die Brennstoffzellenfabrik in Weilheim am Donnerstag als „Riesenchance für Baden-Württemberg auf dem Weg zur klimaneutralen Wirtschaft und neuen Arbeitsplätzen der Zukunft“. Auch andere Politiker reagierten überaus positiv. Walter Rogg, der Chef der Wirtschaftsregion Stuttgart, sieht in dem Cellcentric-Projekt das „Muster für die Nachhaltigkeitsregion, die wir ja werden wollen: Das ist jetzt ein guter Prüfstein dafür, ob man es damit ernst meint“.

Ursprünglich hatte Cellcentric auch den Hungerberg und das neue Kirchheimer Industriegebiet Bohnau-Süd als Standort ins Auge gefasst. Erst im Verlauf der vergangenen Monate kristallisierte sich dann Weilheim als Wunschstandort heraus. Dass es für Kirchheim nicht gereicht hat, kann der dortige Oberbürgermeister Pascal Bader verkraften: „Ob es nun Kirchheim oder Weilheim wird, spielt aus meiner Sicht keine große Rolle“, erklärt Bader. Wichtig sei allein, dass die Brennstoffzellenproduktion in der Region bleibe. Vom nun favorisierten Standort werde auch Kirchheim profitieren. „Wir sind übrigens weiter mit Cellcentric im Gespräch“, fügt Bader hinzu.

Das Land will führend bei der Brennstoffzellenproduktion werden

Unterstützung für Cellcentric kommt auch von der baden-württembergischen Umweltministerin Thekla Walker (Grüne): „Die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologien sind ein wichtiges Zukunftsfeld auf dem Weg in die Klimaneutralität und bieten große Potenziale für einen Industrie- und Technologiestandort wie Baden-Württemberg“, sagt sie. „Die Landesregierung wird die Ansiedlung dieser Fabrik natürlich unterstützen. Unser Ziel ist es, das Land zu einem weltweit führenden Standort zu entwickeln.“

Thomas Bopp, der Präsident des Verbands Region Stuttgart, begrüßt die Cellcentric-Pläne ebenfalls: „Das ist ein wichtiges Bekenntnis zur Region Stuttgart. Wir werden alles tun, damit das Projekt verwirklicht werden kann.“