Mert Günes ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne. Aber über einen Teil seiner Lebensgeschichte schweigt er zu Hause. Darüber spricht er nur mit Faruk Özkan, seinem Sozialarbeiter und Drogenberater. Die beiden kennen sich seit 26 Jahren.
Faruk Özkan mustert seinen Klienten besorgt von der Seite. Die tief eingefallenen Wangen, die locker sitzende Jeans, der schmale Oberkörper – Mert Günes ist deutlich zu dünn. Der Sozialarbeiter bestellt in einem türkischen Imbiss erst mal zwei Döner, dazu Schwarztee. Die beiden Männer setzen sich in eine wenig frequentierte Ecke an den Tisch.
Mert Günes isst höflich einige Bisse, dann schiebt er den Teller weg. „Ich habe keinen Hunger“, sagt der Endvierziger. Er hat schon seit Jahren keinen Appetit mehr. Subutex, das Medikament zur Substitutionsbehandlung, das er täglich schluckt, nimmt ihm nicht nur den Suchtdruck, sondern auch den Hunger.
In familiärer Enge und Strenge groß geworden
Mert Günes heißt eigentlich anders. Anonymität ist die Bedingung für dieses Gespräch. Seine Ehefrau weiß zwar, was ihn mit Faruk Özkan verbindet. Er war bereits heroinabhängig, als sie heirateten. Aber bei den inzwischen erwachsenen Söhne ist es anders. Sie kennen das Geheimnis ihres Vaters nicht. Und wenn es nach Mert Günes geht, soll es dabei unbedingt bleiben.
Faruk Özkan steht Mert Günes schon seit 26 Jahren zur Seite. Inzwischen sehen sie sich nur noch alle paar Monate. „Dann vermisse ich ihn und melde mich“, sagt Günes. Gemeinsam mit einem seiner Jugendfreunde zählt er zu den langjährigsten Klienten des Drogenberaters, der heute bei Release Mitte angesiedelt ist. Die Freunde sind im selben Stuttgarter Stadtteil, in der gleichen familiären Enge und Strenge groß geworden – und zusammen abgestürzt. An die erste Begegnung mit dem Sozialarbeiter ist Günes keine bildhafte Erinnerung geblieben, mehr ein Gefühl: „Ich mochte ihn.“ Es hat ihm Sicherheit gegeben, dass Özkan Türke ist.
Der Vater erwartet, dass die Institution das Drogenproblem löst
Ende der 1990er Jahre saßen sie sich das erste Mal im Büro des türkischen Sozialarbeiters bei Release gegenüber. Özkan startete dort ein muttersprachliches Angebot, um türkische Suchtkranke und ihre Angehörigen besser zu erreichen. Er ist seit 1997 bei Release und war der erste Streetworker im Land für diese Klientel. Mert Günes war beim ersten Treffen 17 Jahre alt. Er wurde von seinem Vater begleitet, einem Mann, den Özkan sogleich wiedererkannte: weil er sich an seinem Infostand eine Visitenkarte eingesteckt hatte, ohne ein Wort zu sagen. Nun kam der Mann mit einer für türkische Eltern typischen Erwartungshaltung zu dem Drogenberater: „Sorgen Sie dafür, dass mein Sohn damit aufhört!“
Ein drogensüchtiges Kind zu haben ist für alle Eltern ein Trauma. Aber der Umgang türkischer Familien mit der Sucht sei noch mal besonders, meint Faruk Özkan. Die Drogensucht ihres Kindes sei für türkische Eltern ein Tabu. Er versuche, die Eltern dazu zu bewegen, die Lebenslage der jungen Menschen zu verstehen, sagt er. Der Zugang zu den Müttern und Vätern sei enorm wichtig, um Erfolg zu haben. Türkische Söhne und Töchter lebten oft sehr lange im Familienverbund, meist bis zur Heirat.
„Mein Vater ist ein Stresser“
Auch für Mert Günes ist seine Familie enorm wichtig. Seine Geschichte beginnt in Anatolien. Hier wird er geboren, bei den Großeltern verbringt er die ersten beiden Lebensjahre, dann holen ihn seine Eltern zu sich nach Stuttgart. Bei den jüngeren Geschwistern werden sie sich anders entscheiden, sie dürfen bleiben. Der Vater ist autoritär, hat hohe Erwartungen an den Erstgeborenen. Sein Vater sei „ein Stresser“, so spricht Mert damals über ihn. Umso wichtiger ist für den Jugendlichen seine Peergroup. Mit ihnen ist er „immer draußen unterwegs“, mit ihnen hat der damals 16-Jährige seinen ersten Rausch. Mit Cannabis fühlt sich für ihn alles freier und leichter an. Als er 19 ist, hat einer aus der Clique etwas Härteres dabei – Heroin. Sie schnupfen es. Es bleibt nicht bei dem einen Mal. Nicht lange, dann verliert er die Kontrolle
Dennoch sieht sich Günes nie als Junkie. „Ich habe nie gespritzt“, sagt er bei dem Treffen im Imbiss. Straffällig sei er auch nie geworden. Er habe mal hier, mal da gearbeitet. Seine Mutter steckte ihm immer wieder Geld zu – eine typische Verhaltensweise, berichtet Faruk Özkan. Die Familien versorgten ihre abhängigen Kinder, damit sie nicht verelenden.
Die Eltern dringen auf Heirat – sie soll die Heilung bringen
Mehrfach schickten seine Eltern Mert Günes in die Türkei zum Entzug – auch das sei eine typische Reaktion, so Özkan. Die Lösung wird in der Heimat gesucht. „Hart“ seien diese Klinikaufenthalte gewesen, erinnert sich sein Klient. Das Bild eines Mitpatienten, der komplett weggetreten war, hat sich bei ihm eingebrannt.
Die Entzüge hielten nie lang. Seine Eltern drangen auf die Hochzeit mit einer jungen Frau aus dem Heimatdorf, die er als 16-Jähriger kennengelernt hatte. Sie glaubten, dass die Heirat die Heilung bringt. Wenn er erst Familie habe, werde der 20-Jährige schon auf andere Gedanken kommen. Heute kann Mert Günes ihr Handeln verstehen: „Sie wollten nur das Beste.“ Und auf eine Art hätten sie auch recht gehabt. Ohne den Rückhalt seiner Frau hätte er es nicht geschafft, glaubt er.
Seit 20 Jahren stabil im Substitutionsprogramm
Mert Günes weiß noch, wie er vor dem Kreißsaal stand und wie aufgeregt er war, Vater zu werden. Die beiden Söhne kamen relativ schnell hintereinander. Doch mit der neuen Verantwortung wurde es für ihn „nur noch schlimmer“, wie es in einem seiner alten Therapieberichte steht. Einerseits wollte er ein guter Ehemann und Vater sein, andererseits setzte ihn das so unter Druck, dass er dem Suchtdruck nicht mehr standhalten konnte. Für seine Frau war das keine leichte Zeit. Aber, auch das gehört dazu, Mert Günes’ Wunsch, den Söhnen ein Vater zu sein und seiner Frau ein Ehemann, half ihm letztlich auch wieder da raus.
Der Stuttgarter geht inzwischen auf die 50 zu. Sein letzter Heroinrausch ist sehr lange her. Seit 20 Jahren ist er stabil im Substitutionsprogramm. Zuerst nahm er Methadon, doch Subutex verträgt er besser. Mit den Tabletten hat auch sein Vater Frieden geschlossen. Faruk Özkan erinnert sich noch an ein Gespräch, in dem er diesem klarmachte, dass er doch auch täglich Tabletten für sein Herz nehme. Sein Sohn brauche eben auch sein Medikament, um sich wohlzufühlen. Das verstand der Vater – und konnte endlich loslassen.
Große Träume hat er nicht mehr
Sein Vater sei damals einfach überfordert gewesen, sagt Mert Günes milde. Dessen Erziehungsstil hat er selbst nicht übernommen. „Zu viel Druck ist nicht gut“, meint er. Weil er keinen Vollzeitjob hätte durchstehen könnte, entschieden er und seine Frau, dass sie arbeiten geht. Er kümmerte sich als Hausmann um die Söhne. Stolz ist er darauf nicht. Seinem Drogenberater hat er oft gesagt, er fühle sich als Versager. So sehr er unter dem traditionellen Männerbild als Kind und Jugendlicher gelitten hat – frei machen kann er sich von den Erwartungen bis heute nicht.
Warum hat Mert Günes seinen Kindern eigentlich nie von seiner Drogensucht erzählt? „Ich wollte nicht, dass sie traurig werden“, antwortet er. Sie sollen ihn nicht mit anderen Augen sehen. Haben die beiden denn nie Fragen gestellt, weil der Vater so oft zum Arzt musste? Fragen sie ihn nicht heute, warum er so dünn ist? Mert Günes schüttelt den Kopf. „Sie wollen es vielleicht auch nicht wissen“, sagt er. Oder spüren sie vielleicht, dass er nicht gefragt werden will? Mert Günes nickt. Das könne sein. Aber sei das wirklich wichtig? „Ich liebe sie, sie lieben mich“, das sei doch, was zählt. Wenn etwas sein sollte, „können sie sich auf mich verlassen“. Was er sich für die Zukunft wünsche, will Faruk Özkan von ihm wissen. „Ein stabiles Leben.“ Er arbeitet inzwischen geringfügig in einem ungelernten Job. Das will er weiter machen. Einfach über den Tag kommen – genug Kaffee und Zigaretten und einmal im Jahr in den Urlaub fahren. Das wäre schon okay.
Sucht und Migration
Suchtgefährdung
Sind Migrantinnen und Migranten besonders suchtgefährdet? Laut dem Jahresbericht von Release unterliegen sie einem besonderen Risiko. Suchtfördernde Faktoren könnten Traumata in Zusammenhang mit der Flucht sein, aber auch Traumata aus der Kindheit. Auch das Gefühl der Entwurzelung und Ausgrenzungserfahrungen, Integrationsschwierigkeiten sowie arbeits- und aufenthaltsrechtliche Probleme werden als Risiken genannt. Besonders schwierig sei die Suchtarbeit mit Migranten, die keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben.
Zahlen
Allein Release Mitte hat im Jahr 2022 insgesamt 628 Klientinnen und Klienten betreut, 41 Prozent waren Personen, die zuvor noch keinen Kontakt zum Suchthilfesystem hatten. Bei Release Mitte ist die Migrantenberatung angesiedelt, aber natürlich kommen auch Menschen ohne Migrationshintergrund in die Beratung. Die meisten Personen waren wegen ihres Cannabiskonsums und wegen ihres Mischkonsums in der Anlaufstelle.