Thomas Zehetmair hat das SKO dirigiert. Foto: Wolfgang Schmidt

Das Stuttgarter Kammerorchester hat beim Dreikönigskonzert im Beethovensaal Werke von Berlioz, Gedda und Schubert gespielt.

Diese Sinfonie hätte das Publikum zutiefst erschüttert, ja, das Fürchten gelehrt, wäre sie denn 1822 erklungen: Düster schleppend beginnen Celli und Bässe, geisterhaft flirrend und fiebrig ist der Einsatz der Violinen, die den lyrischen Gesang der Holzbläser begleiten. Immer wieder setzen Tutti-Schläge irritierende Akzente. Bis alles jäh verstummt. Hart und laut bricht ein Moll-Akkord in die Stille. Schuberts „Unvollendete“, dieser aufwühlende, zweisätzige Torso, krönte jetzt das traditionelle Dreikönigskonzerts des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO) im Beethovensaal – wirkungsstark gespielt und von Thomas Zehetmair ambitioniert dirigiert: schlank, klar und beweglich der Klang, dramatisch schroff die Gegensätze zwischen albtraumartigen Abgründen und entrückter Traumwelt.

 

Erst frühlingsfroh, dann todessehnsüchtig

Düster war es schon davor zugegangen: im Orchesterliederzyklus „Les nuits d’été“ (Sommernächte) von Hector Berlioz. Das erste Lied noch frühlingsfroh, danach geht’s bergab: Liebeskummer, Todessehnsucht, Trauer, Hölle halt. Es sang der Brite Ian Bostridge, angekündigt als „Star-Tenor“. Aber schön war das nicht, was da zu hören war: Bostridge lässt die Musik nicht für sich sprechen und fließen, sondern scheint jedes Wort mit Nachdruck, sich körperlich windend, genau ausdeuten zu wollen. Die Folgen sind brüchige Phrasierungen, eine verwaschene tiefe Lage, die Höhe eng und viele Hochtöne zu tief. Für das SKO dagegen war die kammermusikalisch transparente Instrumentationskunst Berlioz’ eine Steilvorlage für Ausdruck und Farben.

Programmhefte? Fehlanzeige

Zur Feier des Tages gab es auch eine Uraufführung: „Geometrie spezzata“ für 17 Streicher der italienischen Komponistin Annachiara Gedda – ein flächiges Werk, in dem emotionale Grenzbereiche sehr fein ausgetastet werden. Weil das SKO sich Programmhefte mit Werkeinführungen jetzt spart, erfuhr man leider nichts über die Komponistin und ihr Werk. Und die Textpfütze, die auf den zusammengehefteten Programmblättern zu lesen war, erwies sich zum Teil auch noch als falsch: Es sei Schuberts Geheimnis geblieben, ob er seine Unvollendete „tatsächlich als abgeschlossen betrachtet habe“ oder nicht. Es steht aber außer Frage, dass sie viersätzig werden sollte, denn es gibt einen Entwurf Schuberts zum dritten Satz, dem Scherzo, welches das SKO dann auch noch als Zugabe gespielt hat: in Zehetmairs Rekonstruktionsversuch freilich, der eher klang wie ein schlecht imitierter Beethoven als ein Satz der „Unvollendeten“.