Auch im Stuttgarter Ballettsaal, in dem John Cranko seine großen Werke choreografierte, wurde gedreht. Auf mehreren Monitoren werden die Aufzeichnungen live kontrolliert. Foto: ak/ak

Im April haben Dreharbeiten für den Kinofilm „Cranko“ die Stadt bespielt. Jetzt blickt Regisseur Joachim A. Lang auf seine Erfahrungen mit Stuttgart als Filmkulisse zurück.

Nach 25 Drehtagen unter anderem an verschiedenen Schauplätzen in Stuttgart hat Joachim A. Lang das Material für seinen Spielfilm über John Cranko zusammen. Von Anfang Juni an wird der Regisseur für den Filmschnitt abtauchen; im nächsten Jahr soll das 120-minütige Werk ins Kino kommen. Dann lässt sich auf der großen Leinwand beurteilen, wie einfühlsam der Schauspieler Sam Riley die Höhen und Tiefen im Leben des Choreografen erspürt und wie überzeugend die Stars der Stuttgarter Ballettbühne auch als Kinodarsteller sind.

 

Zum Abschied flossen Tränen

Für den Filmemacher selbst haben bereits die Dreharbeiten alle Erwartungen übertroffen. „Es war großartig zu erleben, wie da zwei Künste zusammengewachsen sind und alle voneinander profitiert haben“, sagt Joachim A. Lang zur Begegnung von Tanz und Film. Entsprechend emotional sei der Abschied ausgefallen nach dem letzten Drehtag bei einem Gastspiel des Stuttgarter Balletts in Ludwigshafen, wo Szenen von „Onegin“ im Fokus waren. „Da wurden sehr viele Tränen vergossen“, erzählt Lang.

Durch die Arbeit für den SWR, vor allem aber durch die Aufzeichnungen von Crankos großen Handlungsballetten in Stuttgart hat Joachim A. Lang den Choreografen und mit ihm den Tanz entdeckt. Bei „Cranko“ soll der Choreograf und seine Gabe, mit der Sprache des Tanzes Gefühle tiefer zu durchdringen, nun selbst im Mittelpunkt stehen. „Er ist einfach der Beste“, sagt Lang mit Blick auf Crankos dramatische Kunst.

Der frühe Tod eines Ballett-Popstars

Erzählerisch wird auch Joachim A. Langs Film sein, kein Biopic. „Man kann viel tiefer in die Wahrheit einer Szene eindringen, wenn sie gespielt wird“, sagt der Regisseur. „Es ist immer etwas Besonderes, wenn diese Magie an den Drehort kommt.“ In Stuttgart sei das seinem Team „eigentlich jeden Tag passiert“. Am Ende will der Regisseur auf diese Weise ein breites Publikum ansprechen: „Ich möchte Menschen fürs Ballett, für die Kunst und ihre Akteure sensibilisieren. Cranko steht für andere, die ähnlich genial und verzweifelt waren, für die Popstars und die Künstler, die zu früh gestorben sind“, sagte Joachim A. Lang.“

Tänzer werden Schauspieler

Auf Tänzer als Schauspieler zu setzen sei ein Risiko gewesen, blickt Lang auf den Beginn der Dreharbeiten zurück. „Ich war mir nicht sicher, ob das schauspielerisch wie sprachlich klappt“, sagt der Regisseur – und ist am Ende beeindruckt von den neuen Seiten, die bekannte Stars wie Elisa Badenes als Marcia Haydée, Jason Reilly als Ray Barra oder Friedemann Vogel als Heinz Clauss am Set offenbarten.

Reid Anderson war Filmcoach

„Die Ballettbühne braucht große Gesten, die Filmkamera schafft eine viel sensiblere Situation und reagiert auf jede Regung“, sagt der Regisseur und weiter: „Ich bin Tamas Detrich sehr dankbar dafür, dass er uns die ganze Kompanie zur Verfügung gestellt hat. Wir wollten bewusst ohne Gäste auskommen bei dieser Hommage an den Gründer des Stuttgarter Balletts. Ohne die wunderbare Kooperation mit dem Ballett sowie mit Reid Anderson hätten wir den Film nicht machen können.“

Wie John Cranko Kunst und Wirklichkeit zusammenbringt, wie auf seinem Weg Ballett und Leben aufeinandertreffen und einander ganz selbstverständlich durchdringen: Davon will Joachim A. Lang in zum Teil traumhaft wirkenden Szenen erzählen, die im April an immer neuen Orten in Stuttgart Begegnungen mit der Filmcrew, den Darstellern und dem Ballett ermöglichten: Die Clowns aus Crankos „The Lady and the Fools“ rekelten sich nachts am Eckensee, Lenski schwelgte auf dem Hoppenlaufriedhof in Todessehnsucht, auf der Wiese neben Crankos Grab auf der Solitude tanzten die „Initialen“, auch am Bismarckturm, auf dem Killesberg, im Opernhaus, im Neuen Schloss und an anderen Orten in der Stadt wurde gedreht.

Was Stuttgart als Filmstar zu bieten hat

Und so soll Joachim A. Langs Film auch eine Hommage an Stuttgart werden, der Stadt, die Crankos Ballettwunder möglich machte und in der niemand Anstoß nahm an der Homosexualität des Choreografen. „Alle in der Filmcrew, die nicht aus Stuttgart kamen, waren platt über das, was die Stadt zu bieten hat“, blickt Lang auf die Dreharbeiten zurück und hofft, in „Cranko“ auch „den Geist dieser Stadt einzufangen, die ein besonderer Ort fürs Ballett wie für die Kunst überhaupt war und es geblieben ist“.

Entsprechend emotional gestaltet der Regisseur das Ende seines Films. „Wenn das die Zuschauer nicht berührt, habe ich etwas falsch gemacht“, sagt Lang zur Szene, die auf dem kleinen Solitudefriedhof spielt. Während im Hintergrund Crankos „Initialen“ tanzen, legen die realen Wegbegleiter Crankos, sofern sie noch leben, und ihre jüngeren Filmdoubles Rosen auf Crankos Grab nieder, Birgit Keil etwa mit Rocio Aleman oder Egon Madsen mit Henrik Erikson. Die Tänzerinnen und Tänzer hätten auf besondere Weise ebenso vom Filmdreh profitiert wie die Schauspieler und das gesamte Team, weiß Lang. „Viele sagten mir, dass sie noch besser verstehen würden, wie Crankos Bühnenfiguren entstanden seien; dieses Wissen fließe nun in den Tanz mit ein.“ Sicher dürfte sein: Die Arbeit am Film war eine gute Einstimmung auf den Todestag des Choreografen, der sich am 26. Juni zum 50. Mal jährt und auch im Spielplan Spuren hinterlässt.

Einstimmung auf den 50. Todestag John Crankos

Infos

Regisseur
Joachim A. Lang begleitete als SWR-Redakteur das Stuttgarter Ballett und hat auch die DVD-Aufnahmen der drei großen Cranko-Ballette verantwortet. Mit Stuttgarter Unterstützung brachte er 2018 „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ heraus, Gauthier Dance übernahm die tänzerischen Parts.

Besetzung
An der Seite Crankos, den Sam Riley spielt, sorgen Akteure wie Max Schimmelpfennig (Dieter Gräfe), Hanns Zischler (Walter E. Schäfer) und Lucas Gregorowicz (Fritz Höver) für Aufmerksamkeit. Vom Stuttgarter Ballett sind Jason Reilly als Ray Barra, Elisa Badenes als Marcia Haydée, Rocio Aleman als Birgit Keil, Martí Fernández Paixà als Richard Cragun, Friedemann Vogel als Heinz Clauss und Henrik Erikson als Egon Madsen dabei.

Termine
Am 26. Juni gibt es im Opernhaus ein Ballettgespräch anlässlich des 50. Todestags von John Cranko, am 30. Juni einen bereits ausverkauften Gala-Abend. Am 13. Juli folgt der Ballettabend „Remember me“ mit Crankos „Initialen R.B.M.E.“ und MacMillans „Requiem“.