Engelstöne: Der Trompeter Marco Blaauw wurde für sein Hörspiel „Engel der Erinnerung“ in Donaueschingen ausgezeichnet. Foto: SWR

Retro-Kunst und Rock-Crossover, schlichtes Handwerk und elektronischer Overkill, ein Orchester, das zum Auftakt schwächelte und am Ende überzeugte, ein Generationswechsel bei den Komponisten: Die Donaueschinger Musiktage 2016 präsentierten sich als spannungsreiches Festival.

Donaueschingen - Kaum ein Buhruf. Keine knallenden Türen, keine Plakate und Aktionen – und kein einziges wirklich politisches Stück. So viel Affirmation, so viel freundliche Akzeptanz wie in diesem Jahr hat es in Donaueschingen noch nie gegeben. Die vollzogene Fusion des SWR-Symphonieorchesters scheint den letzten Widerstand der Akteure wie der Besucher gegen den Zwang der Systeme gebrochen zu haben. Womöglich hat sich auch deren früher tendenziell linke politische Orientierung nach rechts verschoben, so dass es folgerichtig war, wenn der seit 2015 amtierende Festivalleiter Björn Gottstein den englischen Philosophen Roger Skruton am Sonntagmorgen über das lange ausgehebelte Klischee des Wiederholungsverbots in der Neuen Musik wettern ließ, ohne eine anschließende Diskussion zu ermöglichen.

Skruton scheint schon lange nicht mehr zeitgenössischen Klängen gelauscht zu haben; hätte er jetzt auch nur ein einziges Konzert des Festivals besucht, so hätte er sehr viel Post-Minimalistisches entdeckt – und deshalb passender über den Zwang der Wiederholung, vielleicht auch über eine Tendenz der Neutöner zu einer Absicherung in der Historie sprechen können. Aber vielleicht tut das ja nächstes Jahr ein anderer. Schließlich wird das bunte Suchen wenn nicht nach neuen, dann vielleicht nach besonderen Klängen unserer Zeit auch 2017 in Donaueschingen weitergehen. Dann wird das Programm nicht mehr so sehr auseinanderfallen, dann werden die Stücke weniger werden, die der 2015 verstorbene Festspielleiter Armin Köhler noch programmierte, und die ästhetische Handschrift seines Nachfolgers wird deutlicher werden. Auch das SWR-Symphonieorchester, das sich im Abschlusskonzert deutlich homogener präsentierte als zu Beginn, wird dann seine unterschiedlichen Reaktionsmuster und seine vielleicht auch unterschiedlich stark ausgeprägte Empathie sicherlich noch stärker zusammengebracht haben.

Verzerrte Klanggestalten wabern durch den Raum

Was aber bleibt von 2016? Zuallererst wohl das Staunen über die Professionalität vieler Akteure – am Sonntag zum Beispiel des Ensembles Recherche, das selbst bei hochkomplexen Interpretationen ohne Dirigent auskam. Neben Werken von Wieland Hoban und Patricia Alessandrini haben die Freiburger zwei handwerklich überaus kundig gearbeitete Werke aus der Taufe gehoben: In „Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre“ dreht der Österreicher Peter Ablinger entsprechendes Material so lange durch den Kompositionswolf, bis nur mehr ironisch verzerrte Klanggestalten durch den Raum wabern – skurril, witzig und nie nur plumpe Parodie. Bei Martin Smolkas „A Yell With Misprints“, das wilde Perkussions-Attacken mit tonalen Oasen sphärischer Ruhe konfrontiert, scheiden sich die Geister: Was die einen plump, allzu vorhersehbar, ja in den leisen, solistischen Momenten der Streicher und des Klaviers für geradezu kitschig halten, mögen andere gerade wegen der Klarheit der strukturgebenden Idee. Und vielleicht auch, weil Smolkas Stück eine Sehnsucht beschreibt, die einen nach zwei Tagen voller zeitgenössischer Klänge packen kann: die Sehnsucht danach, sich einfach mal fallen zu lassen in pure Schönheit.

Sirrendes, Flirrendes von Georg Friedrich Haas

Zu der gelangt das Calder Quartett ebenfalls, aber auf andere Weise und mit starker Unterstützung der Elektronik. Mit Raum-Resonanzen spielt Nathan Davis’ „Echeia“ (leider etwas zu lang), Daniel Wohls „radiance“, ein schlüssig ausgearbeiteter Zehnminüter, hat so etwas wie eine Lounge-Anmutung. Dann folgt als deutsche Erstaufführung das Werk eines Altmeisters, das eben so auch klingt – allerdings fällt Peter Eötvös’ „The Sirens Cycle“ für Sopran (Audrey Luna) und Streichquartett (sprich: vier lockende Sirenen) aus dem Rahmen des sonst Gebotenen, weil die Klänge hier vor allem die vertonten Texte (von Homer, Joyce und Kafka) auf fast programmmusikalische Weise auszieren. Viel Dekoration ist außerdem dabei: ein Stück mit Zierborte.

Auch der Schluss des Festivals mit dem SWR-Symphonieorchester unter Alejo Pérez ist sehr schön und ebenfalls ziemlich altmeisterlich: Armin Köhler, selbst studierter Posaunist, hatte zu seinem eigentlich für 2016 geplanten Abschied von den Donau­eschinger Musiktagen ein Posaunenkonzert bei dem mit mikrotonalen Werken international gefeierten Österreicher Georg Friedrich Haas in Auftrag gegeben, und das vierteltönig sirrende, flirrende Stück bewegt sich nach einem fast „Rheingold“-ähnlichen Beginn unter anderem mithilfe vieler wirkungsvoll angelegter Orchesterglissandi und dank der hohen Kunst seines Solisten Mike Svoboda virtuos irgendwo zwischen Genialität, postromantischer Empathie und konfektionierter Selbstreproduktion. Daneben gibt es Hochenergetisches und sehr Körperliches mit viel elektronischem Input von Franck Bedrossian („Twist“). Und da das neue Werk des Stuttgarter Kompositionsprofessors Marco Stroppa nicht rechtzeitig fertig wurde, ersetzte es man durch Elliott Carters „Symphony Of Three Orchestras“. Diese Programmierung ist passend, kann aber auch nachdenklich machen. Carters Stück entstand 1976, und es wirkt keineswegs alt. Die Neue Musik heute ist tatsächlich nur noch neu. Sie hat nichts Unerhörtes mehr. Das muss man wohl hinnehmen.

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