Die neue Chefin in Donaueschingen: Lydia Rilling Foto: SWR//Nelligan

Sie ist die neue Chefin des traditionsreichsten Festivals für Neue Musik: Lydia Rilling. Aber in Donaueschingen soll nun manches anders werden. Was genau hat sie vor?

Eigentlich ist Donaueschingen eine ruhige Stadt. Städtebaulich nicht sonderlich attraktiv, aber doch schön gelegen auf der Baar, einer Hochebene zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Es geht beschaulich zu in der großen Kreisstadt. Für Touristen ist ein Brunnen neben dem Schloss attraktiv, der als Donauquelle vermarktet wird (tatsächlich entsteht die Donau ein paar Kilometer entfernt durch den Zusammenfluss von Brigach und Breg).

 

Nur zweimal im Jahr wird es in Donaueschingen lebhafter. Es gibt ein großes Reitturnier. Und es gibt die Donaueschinger Musiktage. Für Letztere räumen die Schulen ihre Turnhallen, damit dort Konzerte stattfinden können. Auch in die Donauhallen, wo früher Vieh versteigert wurde, ziehen Musiker ein. An einem einzigen Wochenende im Oktober lebt dann in dem 22 000-Einwohner-Ort ein Drittel mehr Menschen als sonst. Es gibt keine Stadt mit einem vergleichbaren temporären Neue-Musik-Migrationsanteil.

Neues, jüngeres Publikum muss her

Mit ihm beschäftigt sich von diesem Jahr an Lydia Rilling (43). Die Nachfolgerin des Festivalleiters Björn Gottstein, der sich bereits 2021 zur Ernst-von-Siemens-Musikstiftung verabschiedete, kommt von der Luxemburger Philharmonie, wo sie als Chefdramaturgin unter anderem das Neue-Musik-Festival „Rainy Days“ verantwortete, und sie hat sich in und für Donaueschingen viel vorgenommen. Neues, junges Publikum zu gewinnen ist ein Auftrag des veranstaltenden und darum Geld gebenden Südwestrundfunks (SWR), aber auch ein eigenes Anliegen. Außerdem will die 43-Jährige Integrationsarbeit leisten: 2023 gibt es für Bewohner der Region, die der jährlichen Invasion der schrägen Vögel mit einer gewissen Distanz begegnen, erstmals ermäßigte Tickets.

Das ist aber nur ein kleiner Teil von dem, was die Musikwissenschaftlerin und Kuratorin bei dem 102 Jahre alten Festival verändern will und soll. Dessen Logo sieht jetzt aus wie ein Megafon – mit Schallwellen, die in die Welt hinaustönen. 70 Prozent der Künstlerinnen und Künstler, die an diesem Wochenende in Donaueschingen auftreten, waren zuvor noch nie hier. Und 70 Prozent sind Frauen. Im ersten Orchesterkonzert stehen sogar ausschließlich Werke von Komponistinnen auf dem Programm. „Das wurde aber auch Zeit“, sagt die erste Frau an der Spitze des Festivals.

Das Festival wird zum Labor

Erstmals seit seiner Gründung hat das weltweit größte und älteste Festival für Neue Musik ab jetzt jedes Jahr ein Thema, mit dem die Kunst an die Debatten der Welt andocken will. Künstlerische Zusammenarbeiten stehen unter dem Titel „colLABORation“ 2023 im Mittelpunkt: „weil sie“, so Lydia Rilling, „dazu beigetragen haben, dass die zeitgenössische Musik heute so vielfältig und so lebendig ist“.

Eng damit verknüpft ist der Bereich der Improvisation – als spontanes Interagieren wie als musikalische Praxis. So bietet gleich das Eröffnungskonzert ein spannendes Experiment, denn das dort uraufgeführte „Occam Océan Cinquanta“ von Éliane Radigue und Carol Robinson hat keine Partitur. Es gibt keine Notenpulte, nur mündliche Vereinbarungen. Das Stück entsteht in einem gemeinsamen Arbeitsprozess mit den Musikerinnen und Musikern des SWR-Symphonieorchesters. „Das ist“, sagt die Festivalleiterin, „wirklich ein Experiment im besten Sinne, also völlig ergebnisoffen. Wo, wenn nicht in Donaueschingen, sollte man so etwas ausprobieren?“

Neue Musik und Jazz: die Grenzen verschwimmen

Andere Konzerte beleuchten das Thema aus anderen Perspektiven. So hebelt etwa das erste Konzert des New Yorker Quartetts Yarn/Wire traditionelle Arbeitsteilungen und Kategorien aus. Komponist, Interpret, Improvisator? Hier tun und sind alle alles auf einmal. Auch die Trennung zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und Improvisation will Lydia Rilling in dem von ihr wie von ihrer Jazz-Kollegin kuratierten Programm aufheben. Weg mit den Kopfschranken! Musikalisch-ästhetisch, sagt sie, habe diese Trennung ohnehin keinen Sinn ergeben. Unterschiedliche Musikszenen und die verschiedenen „Unter-Nischen“ der Neuen Musik zusammenzubringen: Das ist ein zentrales Anliegen der neuen Frau an der Spitze.

Und damit das, was am langen, vollen Festival-Wochenende in Donaueschingen geschieht, auch in die Welt hinausklingt, kommen neue Partner mit ins Boot, damit durch Kollaborationen und gemeinsame Kompositionsaufträge einzelne Stücke oder gar ganze Programme auch noch von anderen Ohren und an anderen Orten wahrgenommen werden können.

Willkommen, Welt!

Klar, dass bei so viel Energie, Idee und Aufbruchsstimmung die Frage nach der Nische der Neuen Musik in den Hintergrund tritt. „Die Grenzen zwischen der Klassik und der Neuen Musik müssen durchlässiger werden.“ Auch das sagt Lydia Rilling. Und markiert damit nichts weniger als das Ende einer Ära, das sich schon in den letzten Jahren in Donaueschingen abzeichnete. Die Zeit der selbstbezüglichen, selbstgenügsamen Neue-Musik-Nische ist, so scheint es, endgültig vorbei. Willkommen, Welt!

Donaueschinger Musiktage

Eröffnung
Am 20. Oktober um 20 Uhr stellen das SWR-Symphonieorchester und das Duo Rage Thormbones in der Baarsporthalle in Donaueschingen neue Werke von Matana Roberts, Sara Glojnarić, Clara Iannotta und Éliane Radigue/Carol Robinson vor. Vor und nach diesem Konzert und ebenso vor und nach dem Abschlusskonzert am Sonntag ist eine viersätzige Konzertinstallation für 220 kabellose Lautsprecher und fünf Performer von Wojtek Blecharz zu erleben.

Programm
 Spannende Konzerte mit dem Ensemble Die Hochstapler und dem Quartett Yarn/Wire entführen in die Welt der Improvisation, beim Ensemble Ascolta begegnen sich die Schriftstellerin Felicitas Hoppe und die Komponistin Iris ter Schiphorst, und das Abschlusskonzert am 22. Oktober um 17 Uhr spannt mit traditionellen Konzertformaten einen Bogen über drei komponierende Generationen.

Karten
 Restkarten gibt es unter 02 21 / 91 40 98 30.