Der alte Chef ist als künstlerischer Leiter nicht mehr richtig da, die neue Chefin, Lydia Rilling, noch nicht voll im Amt. Trotzdem stellen sich die Donaueschinger Musiktage einigen Herausforderungen.
Gott, sowas Privates“, hat der Linzer Komponist Bernhard Lang gedacht, als ihm der befreundete Bassklarinettist Gareth Davies Schriften vermittelte, die von einer an Parkinson erkrankten niederländischen Architektin stammten. Kampfschriften, zum Teil. Trotz anfänglicher Zweifel hat Lang das Material dann für die Donaueschinger Musiktage souverän als von ihm so genannte „Cheap Opera“ angelegt – ein praktikables Format. Zwischen Flüstern und Singen sieht das Spektrum nahezu alles vor, was menschenstimmenmöglich ist, und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart lassen aber auch wirklich jedes Detail hören.
Insgesamt drei Studien zu Parkinson
Auch Evis Sammoutis‘ teils auf Motive von John Dowland setzendes Verdämmerungswerk „in darkness“ sowie Iris ter Schiphorsts Stück „Ordnung und Struktur“ werden jeweils idealtypisch angegangen. Beides sind ebenfalls Parkinson-Studien. Sammoutis steht für die eher sanfte, fünfstimmige Variante; ter Schiphorst komponiert eine Version, in der Texte einer Patientin von einem wuchtigen Männerbass (Andreas Fischer) übernommen werden. Trotz brutalistischer Momente hat das, wie oft bei ter Schiphorst, etwas fast Zartes, buchstäblich Mitfühlendes. Dirk von Lowtzow von Tocotronic nimmt diesen Zug ihrer Musik auf, als er sich gleich dreimal mit dem Talea Ensemble durch seinen Text „Hyper Dub“ fräst. Wütend elegant.
Mit der dann 43-jährigen Lydia Rilling übernimmt im Jahr 2023 eine neue Generation – und die wird sich richtig kümmern müssen. Jenseits von gebührenfinanzierten Festivals wie Donaueschingen sieht die Realität für die immer zahlreicheren und immer besser ausgebildeten Musikerinnen und Musiker nämlich meistens so aus, wie sie in einer Podiumsdiskussion geschildert wurde: Festival für Neue Musik in Barcelona – fünf Musiker, vier schwere Stücke, Lohn: insgesamt 700 Euro, ohne Anreise und Hotel. Dass dabei Neue Musik uraufgeführt wird, die manchmal nur ein einziges Mal erklingt, macht inzwischen viele der allein 150 freien Ensembles in Deutschland nachdenklich.
Posaunen, die sich beharken
Den Donaueschinger Jahrgang 2022, noch vom vormaligen Leiter Björn Gottstein konzipiert, managte vor Ort für den SWR Eva Maria Müller, und sie managte ihn, inklusive coronabedingter Ausfälle, sehr gut. Musste man aber nicht schon ein wenig als Zeichen nehmen, dass dem Publikum in der Baar-Sporthalle der komplette Ausfall einer tendenziell enorm krakenähnlich gewordenen Live-Elektronik nebst großem Orchester in dem Moment egal war, als zwei Posaunisten anfingen, sich virtuos zu beharken? Von Pedaltönen ausgehend entwickelte sich eine dialogische Kraft, die keinerlei Rahmenerweiterung mehr zu brauchen schien. Weniger ist eben oft mehr.
Dass Opulenz funktionieren kann, wenn sie in einem anderen Gewand und publikumszugewandt kommt, demonstrierte die polnische Sopranistin Agata Zubel als Komponistin und Hologramm-Solistin in „Outside the Realm of Time“: Das war (auch) Opernparodie mit eigenem Pathos, hatte egomanische Züge, deren Notwendigkeiten bei den Proben offenbar aber ausgezeichnet kommuniziert worden waren. Zubel bekam den Orchesterpreis des SWR-Symphonieorchesters, auch, weil sie offenbar als Vorbotin funktionierte für ein Konzept, das die neue Leiterin Lydia Rilling demnächst „kollaborative Prozesse“ nennen möchte: Ein Werk wäre demnach nicht mehr als aufführungsreif zu betrachten, wenn Komponistin und Komponist den Schlussstrich in der Partitur ziehen, sondern erst, nachdem die Wege dorthin besprochen worden sind.
Wirklich Neues aus London
Bewegend waren Christian Winther Christensens penibel komponierte, an der unteren Hörbarkeitsgrenze operierenden „Children’s Songs“, zu deren Klängen am Ende die beiden Schlagzeuger des Ensemble Ascolta pünktlich ein paar schöne Legohäuser gebaut hatten. Und dann gab es wenigstens noch ein Stück unter den 30 Uraufführungen, das den im vergangenen Jahr schon ein wenig überwunden geglaubten eurozentrischen Blick förmlich umdrehte: Die schwarze Londoner Komponistin Hannah Kendall implementierte in einer aufwendigen (Mundharmonika-)Meditation mit dem Ensemble Modern Spieldosenversionen von der „Ode an die Freude“ und „An der schönen blauen Donau“. In Europa hörten das die Bildungsbürger, als anderswo die Sklaven in flirrender Hitze auf den Feldern standen. Vimbayi Kaziboni aus Simbabwe dirigierte das Stück; und er trug es auf Händen.
Seltsam querständig am Schluss Peter Ruzickas zweites Violinkonzert „Eingedunkelt“ (nach Paul Celan): Caroline Widmann diente als Solistin einem überästhetisierten Pandemieprodukt mit Doppelgriffen und Kadenz, hochgestochen und seltsam blutleer zugleich. Es ist die Welt von sehr, sehr gestern. Und alles schließlich hat seine Zeit.