Marcus Vetter (re.) und Michele Gentile beim Dreh. Foto:  

Der in Tübingen lebende Marcus Vetter ist seit „Das Herz von Jenin“ ein bekannter Dokumentarfilmer. Nun hat er mit Michele Gentile „The International Criminal Court“ gedreht, eine Dokumentation über den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, bei der auch Angelina Jolie einen Auftritt hat.

Der in Tübingen lebende Marcus Vetter ist seit „Das Herz von Jenin“ ein bekannter Dokumentarfilmer. Nun hat er mit Michele Gentile „The International Criminal Court“ gedreht, eine Dokumentation über den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, bei der auch Angelina Jolie einen Auftritt hat.


Herr Vetter, nach Palästina nun der Internationale Gerichtshof. Erneut ein sperriges Thema – warum dies?
Vetter: Spröde ist dieses Thema nur auf den ersten Blick. Tatsächlich ist es sehr spannend und überaus wichtig. Dieser Gerichtshof ist ein Wunder der Menschheit, historisch gab es noch nie eine Justiz, die über den Nationen steht. 120 Länder haben sich geeinigt, ein Gericht zu akzeptieren, das die schwersten Verbrechen verfolgt und einen Angeklagten auch jederzeit verhaften kann – was bisher kaum bekannt ist.
Gentile: Spannend wird der Stoff auch durch die Menschen, die dort tätig sind. Insbesondere der Chefankläger Luis Moreno Ocampo ist eine unglaublich charismatische Persönlichkeit. Wir waren mit der Kamera dabei, als Gaddafi in Libyen verhaftet werden sollte und als Angelina Jolie in den Gerichtshof kam, um ihre Unterstützung zu zeigen – das ist alles andere als spröde.

Wie gelang es Ihnen, dass Sie überall mit der Kamera dabei sein durften?
Vetter: Der erste Kontakt mit Ocampo entstand bei einer „Cinema for Peace“-Veranstaltung in Berlin, wo er das „Herz von Jenin“ gesehen hat. Dort kam er auf uns zu mit der Idee zu einem Film über den Gerichtshof, was natürlich eine ausgesprochen gute Ausgangsbasis für die Arbeit bot: Wir hatten sein völliges Vertrauen, und beim Dreh standen uns alle Türen offen.
Gentile: Diese Freiheit bot uns einen ganz einzigartigen Zugang in die Innenwelt dieser Institution. In den wenigen Fällen, in denen wir mit unserer Kamera aus dem Zimmer geschickt wurden, haben wir das im Film immer thematisiert.

Waren die Auftritte von Angelina Jolie und Ben Ferencz, dem ehemalige Chefankläger der Nürnberger NS-Prozesse, inszeniert oder glückliche Zufälle?
Vetter: Von uns aus war nichts inszeniert, wir wussten vorab nicht, dass wir Frau Jolie oder Herrn Ferencz begegnen würden. Wir waren mit der Kamera glücklicherweise zur rechten Zeit am rechten Ort.

Wusste der Hollywoodstar Angelina Jolie, die als Kontrollfreak bekannt ist, dass eine Kamera auf sie wartet?
Vetter: Ich glaube nicht, dass man es ihr vorab so richtig gesagt hat. Ocampo ist nicht der Typ, der Vorwarnungen gibt. Jolie war wohl schon ein bisschen überrascht von unserer Kamera, aber weil sie gespürt hat, dass wir mit diesem Gericht so verwachsen waren, hat es sie nicht gestört.

Hatten Ocampo oder Jolie noch Einfluss auf das Ergebnis des fertigen Films?
Vetter: Nein, Ocampo würde niemals Einfluss auf die Berichterstattung von Journalisten oder Filmemachern nehmen, das läge ihm vollkommen fern. Höchstens bei sicherheitsrelevanten Dingen hätte er sich ein Veto vorbehalten, aber die gab es nicht.

Wie ernsthaft schätzen Sie Jolies Engagement ein? Manchen Promis dienen derlei Auftritte ja zur willkommenen Imagepflege.
Vetter: Das ist eine ambivalente Sache, es gibt sicher unterschiedliche Beweggründe der verschiedenen Prominenten, und nicht jedem würde ich ein ehrliches Interesse glauben. Aber bei Jolie bin ich mir schon sehr sicher, dass ihr Anliegen echt ist. Auch Leute wie Leonardo DiCaprio oder Roger Waters, die uns bei „Jenin“ unterstützt haben, waren ehrlich bei der Sache dabei.

Große Nationen wie die USA, Russland und China erkennen das Gericht nicht an. Wird die Sache dadurch zur Farce?
Vetter: Man muss das als Entwicklungsprozess sehen, der noch am Anfang steht. Wenn der öffentliche Druck steigt, werden mehr Nationen dieses Gericht unterstützen. Genau aus diesem Grund holt der Chefankläger ja einen Star wie Angelina Jolie, die sich dafür engagiert, oder er unterstützt eine Dokumentation wie unsere. Eine solche Institution benötigt einfach Geduld. Wobei man durchaus Fortschritte feststellen kann: Bei den Kriegsverbrechen von Darfur verlief ­alles noch zäh, im Fall von Libyen kam die Entscheidung der UN in nur einem Tag – und im Sicherheitsrat sitzen ja auch die USA, Russland und China.

Was machen Sie als Nächstes?
Vetter: Wir haben gerade einen Film über die Finanzkrise abgedreht, den wir gerade schneiden und der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll.
Zu sehen im Kino Museum in Tübingen; Vorstellungen um 17.45 und 20 Uhr.
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