Eric Gauthier – Weltpremiere für „Dance around the world – Kuba“ beim Dokumentarfilmfest in Stuttgart Foto: swr/Jeanette Bak

Am 27. Juni beginnt in den Innenstadtkinos mit Eric Gauthiers Film „Dance around the world – Kuba“ das SWR-Doku-Festival Stuttgart. Es ist gespickt mit Höhepunkten.

Das Dokumentarfilmfest Stuttgart (27. bis 30. Juni in den Innenstadtkinos in der Bolzstraße) hat seine eigenen Gewichte. Schwergewichte. Hier Wim Wenders. Der Ästhet mit der Kunst, Nähe durch Distanz zu erzeugen. Über den ganz großen Blick gerade das Detail zu beleuchten, über das Vermeiden jedweden Tempos gerade solches zu erzeugen. Dort Rosa von Praunheim. Auf begeisterter Jagd nach Veränderung. Der Dauerreisende mit der Kunst, durch Nähe neuen Abstand zu erzeugen, durch vermeintliche Unschärfe überhaupt erst Sehschärfe zu ermöglichen.

 

Und dazwischen: Ein Menschenfänger, der einfach hereinspaziert. Eine Spur zu schnell, eine Spur zu direkt – aber wunderbar erfrischend. Tänzer, Choreograf, Ballettkompaniechef – und jetzt auch Filmemacher? Eric Gauthier mag die Frage nicht wirklich wichtig sein. Der Erfolg des jüngsten Beitrages in der SWR-Reihe „Dance around the world“ aber schon. Am Dienstag, 27. Juni, hat „Dance around the world – Kuba“ Premiere – um 19.30 Uhr im Gloria 1. Eric Gauthier ist gemeinsam mit „Dance around the world“-Regisseur Andreas Ammer vor Ort – und sein „na klar“ hat wie immer einen eigenen Unterton. Voller Anspruch. An sich, an alle Beteiligten.

Preisvergabe am 30. Juni

Vorhang auf also – für das SWR Dokumentarfilmfest 2023. Mehr als 30 Filme sind bis zum 30. Juni zu sehen, 15 von ihnen sind für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert, der an diesem Freitag vergeben wird. Die Themen? Sind so vielseitig wie das Leben. Umso mehr, als der Dokumentarfilm seine eigenen Zeitrechnungen hat und mitunter Menschen begleitet, die mehrfach die eigene Rolle wechseln – während andere eben dies sorgsam vermeiden.

Szene aus „Kalle Kosmonaut“ Foto: swr/mindjazz

Wie dann entsteht ein Film wie „Kalle Kosmonaut“, in dem Tine Kugler und Günther Kurth den Jungen Pascal, genannt Kalle, zehn Jahre begleiten? An diesem Donnerstag, 29. Juni, um 16.45 Uhr ist „Kalle Kosmonaut“ im Gloria 1 zu sehen. Und – ja, Kalle wird da sein, im Anschluss mit dem Publikum sprechen.

Die Zukunft hat einen Namen: Julia Orlik

Die Gegenfrage muss kommen: Bewegt sich der Dokumentarfilm an sich und in sich eigentlich? Julia Orlik, 1996 geboren, bewegt viel. Mit „This Will Not Be a Festival Film“ deutet sie schon im Titel an, dass der Erfolg der Methode experimenteller Dokumentarfilm auch eine Falle sein kann. Was also ist erlaubt, wenn man einfach mal etwas ganz anderes machen will? Orlik zeigt es in acht eindringlich-faszinierenden Animationsminuten – zu sehen am Donnerstag, 29. Juni im Rahmen der Reihe „Filmschauen“ (16.15 Uhr und 18 Uhr im Cinema).

Kein Festivals ohne Stars. An diesem Mittwoch, 28. Juni, ist Rosa von Praunheim zu Gast, um im Anschluss an seinen Film „Rex Gildo – Der letzte Tanz“ (18.30 Uhr im Gloria 1) seinen Blick auf Licht und Schatten der Welt des 1999 gestorbenen Schlagerwunderkindes der späten 1950er und 1960er Jahre zu vertiefen. Im Anschluss gibt es um 21 Uhr im Gloria 1 mit „Frontmen: Kiss“ über das „Kiss“-Duo Gene Simmons und Paul Stanley nicht nur eine Weltpremiere, sondern im Anschluss mit Doro Pesch auch ein Filmgespräch mit einer Musikerin, die selbst alle Höhen des Rockgeschäfts erlebt hat.

Großartig: „Bettina“

Und die stillen Momente? Es gibt sie im Dokumentarfilm mitunter auch nur als Vorwand des Bedeutungsvollen. Nicht so bei Lutz Pehnert. Der Berliner hat eine Berlinerin begleitet. Anders als Fernsehteams, die nach Wegners Nicht-Rückkehr in die DDR Mitte der 1980er vergeblich nach einem Phänomen fahnden und an Bettina Wegners Beharren auf dem Lied an sich regelrecht zerschellen, wagt Pehnert den großen Bogen, eher Wegners im großartigen „Vera Kamenko“ gipfelnden, immerwährendem Streiten für die Unabhängigkeit der Frau folgend, denn der überflüssigen Frage, wie es auch hätte weitergehen können nach der (westlichen) Wiederentdeckung des eigentlich frühen Wegners-Liedes „Sind so kleine Hände“, das auf bittere Weise bald zum Stempel vorgeblicher Weinerlichkeit wurde. An diesem Donnerstag, 29. Juni, ist Lutz Pehnerts „Bettina“ um 19 Uhr im Gloria 1 zu sehen – und im Anschluss ist Bettina Wegner auf der Bühne und wird wohl wie stets eher Fragen stellen denn Fragen beantworten.

Wim Wenders wird geehrt Foto: swr/Sven Vuellers

An diesem Freitag, 30. Juni, werden die Preise vergeben. Dann richten sich die Kameras auch auf Wim Wenders. Der 77-jährige Regisseur, Produzent und Autor wird für sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis des Deutschen Dokumentarfilmpreises ausgezeichnet. Für alle, die das Kleine im Großen entdecken, gibt es im Rahmen des Festivals Wenders’ Filme „Tokyo-Ga“, „Pina“ und „Buena Vista Social Club“ zu sehen – aber auch den Blick auf Wenders: Eric Fiedlers und Andreas Freges (Campino) „Wim Wenders Desperado“.

Ereignis im besten Sinn

Vier Tage ist Stuttgart von diesem Dienstag an Bühne für alle Formen des Dokumentarfilms. Als Festival ein Ereignis im besten Sinn. Im Zentrum der Stadt und neuerlich als Beleg, dass die Bolzstraße mit den Innenstadtkinos fester Bestandteil des Kulturquartiers Stuttgart ist.